Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 13 (25.3.1844)
- Date
- 1844-03-25
- Page
- [Seite] (sequence 17)
- Language
- German
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Beilage zur Allgemeine» Zeitung -es Jn-euthnms Ro. LS. Die Orthodoxie in Ungarn. Wenn man die Physiognomie des heutigen Judenthums betrachtet, und seiner von Parteikämpfen verursachten Zerrissenheit nachforschet, so füllet mit Unmulh sich des Redlichen Gemüth, und wehmuthsvoll muß er die rettende Hand von sich weisen, da er in dem Vertrauen zu seinen Führern sich getäuscht sieht; denn entweder treten diese in ihrem Uebermuthe aus der Bahn tausendjähriger religiösen Grundsätze, oder sie suchen in ihrem Fanatismus die mühselig errungene Religionsfreiheit niederzureißen, und in das Joch verjährter und vergilbter Abzeichen zurückzuführen. Das ineäium teuere ist dem Einen zu wenig, dem Andern schon zu viel. Muß man da nicht Beiden mit dem klagenden Sänger zurusen: wir« ,3>i aiübi ,ma 21b D-n?:Nrr in , pirab 172 0121a , ‘jianb lirri , nsb (5, 20. '■'»ib1’) Daß Deutschland noch Männer hat, die durch That und Schrift mächtig und kräftig gegen diese Bestrebniffe kämpfen, und linderndes Del auf die sturmbewegte See der Gemüther zu gießen wissen, ist für unsere deutschen Religionsbrüder ein Glück. Aber wir in Ungarn, die wir keine andere Autorität kennen, als die der Orthodoxen, welche von den bereits zu ihren Vätern eingegangenen mährischen Landrabbinern in ihren Grundsätzen herangezogen wurden, sind um so beklagenswerther. Die wenigen Rabbinen, die seit dem letzten Dezennium sich Eingang zu verschaffen wußten, sind viel zu schwach, als daß ihre Stimme in der „Einöde entsetzlichen Geheuls" gehört werde. Wer von allen Nationen der Welt hatte mit so vielen Drangsalen und Widerwärtigkeiten zu kämpfen als die israelitische. Gejagt von Land zu Land ihrer Religion wegen, zerstreuetcn die Mosaiten sich in allen Welttheilen, denkend, wie ihr Patriarch Jakob, als er seinem Bruder Esaw entgegen zog, indem er sein Vermögen und die Anzahl seiner Seelen in drei Lager theilte: „So Esaw zukommt auf das eine Lager, so wird das übriggebliebene Lager entrinnen." Schwach, hilflos und vereinzelt dastehend, sielen selbst die kultioirtesten Völker über die allenthalben Gekränkten her. Mittelalterlicher Druck verhängte die blutigsten Leiden über sie. Mit Feuer und Schwert wurde gegen die Verlassenen gewüthet. Die Religionskriege fachten den Fanatismus wider sie noch mehr an. Aber von dem Augenblicke an, als das hochherzige Magyarenvolk einem großen Eheste der Herumirrenden seine Thore gastlich öffnete, waren diese auch gerettet. Außer einigen unbedeutenden Exzessen und diese nur in einigen Städten verübt, die von Nichtungarn bewohnt waren, weiß die Geschichte kein einziges Beispiel aufzuzählen, wo der Ungar das Gastrccht verletzt hätte. Wer von den Bekennern des mosaischen Kultus sollte nicht stolz darauf sein, sich einen ungarischen Israeliten nennen zu dürfen? — Bald wird auch in dieser gastlichen Heimath die Zeit kommen, wo man wie in einem andern edlen Lande aus die Frage, ob dieser ein Jude sei? antworten wird: Nein, es ist kein Jude, es ist ein Ungar! — Schon haben sich die edlen Stände dieses Reichstages in ihrer Hochherzigkeit für die bürgerliche Gleichstellung in den Freistädten mit einer Majorität ausgesprochen, auf die die Israeliten aller Länder stolz sein dürfen; denn nicht Großmuth, Liberalität, Zeitgeist:c. waren die Motive der Gleichstellung, sondern die natürlichen angeborenen Menschenrechte wurden mit einer solchen Hingebung in Reden vertheidigt, wie noch in keiner Ständekammer. Wiewol die ausgesprochene Emanzipation noch manche Phasen durchzuarbeiten und darüber noch manche Zeit benöthigen wird, um ihre vollgültige Kraft erlangen zu können, so drangen doch die erleuchteten Blitzesworte schnell in die