Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1844)
- Date
- 1844-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Die hiesige Gemeinde ist demnach dem Vorstande den innigsten Dank schuldig, indem derselbe zur geistigen Erhebung durch Einführung der Münchener Gesänge sehr viel beitrug und dadurch Ordnung im Gotteshause hervorrief. Rühmend muß noch erwähnt werden, daß Hofmusikus Riefenstahl das Wajebi binsaua ingleichen Cramer das Lecbo daudi vierstimmig in Musik gesetzt und diese Gesangsstücke bereits öfters in der Synagoge mit dem Singchor ausgeführt haben. Nicht verfehlt kann werden, daß leider einige, jedoch nur sehr wenig Gemeindemitglieder, gegen Einführung des jetzigen Ritus gestimmt waren und es noch sind; es steht jedoch zu erwarten, daß diese Gemeindemitglieder das Gute in der Folge erkennen und unterstützen werden. Beiläufig kann zur Nacheiferung berichtet werden, daß auch die israelitische Gemeinde in Gr. Mühlingen gleichfalls die Münchener Gesänge bei ihrem Gottesdienst eingeführt hat. In der allgemeinen Zeitung des Judenthums von 1843 Nr. 42. Seite 633 erhebt sich nun zwar von Magdeburg aus eine Stimme gegen Einführung der Münchener Synagogengesänge, und behauptet, daß nur große Gemeinden hinreichende Mittel darböten, diese Gesänge zu Gehör zu bringen; der größeren Gemeinden gebe es aber nur wenige in Dcuschland ec. Ferner höre man jetzt nur Chasen und Chor und die Gemeinde soll still schweigen. Dieses sage dem Gemüthe nicht zu und ennüyire auf die Länge; weshalb die von H. Goldbcrg in Braunschweig eingerichteten einstimmigen Synagogengesänge empfohlen werden. Hierauf möge Folgendes zur Berücksichtigung und Erwägung erwidert werden. Es steht fest, daß jeder gute, vierstimmige, religiöse Gesang, selbst der einfachste, mehr geeignet ist, das Herz zu erwärmen, als dies der Fall beim einstimmigen Gesänge ist. Selbst der Verbrecher — wie ich erlebt habe — wurde beim An hören eines vierstimmigen Gesanges weich, ging in sich und bekannte reuevoll seine Vergehen. Der einstimmige Gesang übt dagegen diese geistige Gewalt nicht aus, giebt sogar Anlaß, störend zu werden, indem wir Menschen in Folge der in uns wohnenden musikalischen Anlagen Igeneigt sind, der Melodie Grund- und Mittelstimmcn beizufügen, welche häufig genug unrichtig sind. Wird berücksichtigt, daß das musikalische Gefühl durch Bildung u. s. w. bedingt ist, so kann nicht in Abrede gestellt werden, daß der Eine diese Töne, der Andere dagegen jene Töne als Begleitung singt, wodurch ein widerlicher Gesang entstehen muß. In der christlichen Kirche besteht zwar ein einstimmiger Gesang, der Choral, dieser wird aber durch eine Orgel geleitet und giebt diese nebst der Melodie, die dazu passenden Töne als Begleitung an. Dadurch ist die Gemeinde im Stande, wenn auch nicht immer gut, doch einigermaßen den Choral zu singen und mit Mittel- und Grundstimmen zu Gehör zu bringen. Muß die Gemeinde ohne Orgelbegleitung singen, so fallt der Gesang in der Regel schlecht aus, und kann den Zweck, zu erbauen, nicht erreichen. Die Synagogen Deutschlands entbehren aber durchgängig der Orgeln, mithin sind die Mittel, einen einstimmigen Gesang zu leiten und in Ordnung zu halten, nicht vorhanden. Ein vierstimmiger Gesang hält sich indeß durch sich selbst, vorausgesetzt, daß er gehörig studirt worden, indem Grundton und Melodie die Mittelstimmen gleichsam umschlingen, und diesen eine Stütze gewähren. Soviel ich indeß in der hiesigen Synagoge gesehen und gehört habe, so hat die Gemeinde sich während des vierstimmigen Gesanges keineswegs ennüyirt, vielmehr haben viele Mitglieder derselben, obgleich sie nicht zum Chor gehörten, mitgesungen, sich erbauet und durch das Mitsingen gar keine Störung bewirkt. Uebrigcns wechselt hier der Gesang mit Gebeten, welche die Gemeinde zusammen verrichtet und zwar auf eine ruhige der Gotresverehrung angemessene Weise. Allerdings scheinen der Gebete zu viel zu sein, und dieses. möchte leicht einen Grund abgeben, sich zu ennüyiren. Ich schließe mit dem aufrichtigen Wunsche daß die hiesige Gemeinde nicht müde werden möge, auf der betretenen Bahn fortzuwandeln und den wahren religiösen Geist zu wecken, der da ist, uns zeitig und ewig zu beglücken. XX e. Druck von B. Hirschfeld.