Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1844)
- Date
- 1844-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage zur Allgemeine« Zeitung -es Jn-enthnms No. 1. Ballenstedt am 10. Dezember 1843. Seit mehreren Jahren war ein reges Streben, den israelitischen Gottesdienst geistig zu vervollkommnen, sichtbar. Viele Rabbinen gingen mit ihren Gemeinden in dieser Beziehung Hand in Hand, läuterten zeitgemäß den Gottesdienst und bewirkten dadurch, daß wahre Erbauung des Herzens im Gotteshause gesucht und gefunden werden konnten. Auch hier in Ballenstedt war dieser Geist vorherrschend, indem die hiesige Gemeinde sich bestrebte, durch den ernsten Willen den Namen des Höchsten durch Wort und That zu verherrlichen. Wenn ich, als ein Unberufener, hierüber mich öffentlich äußere und Veranlassung nehme, über den hiesigen israelitischen Gottesdienst nachfolgend zu berichten, so möge eine Entschuldigung für mich darin gefunden werden, daß es Pflicht ist, dem Verdienste Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen und dasselbe zur Beurtheilung und Nacheiferung unseren Mitmenschen anheim zu geben. Der Vorstand hiesiger israelitischer Gemeinde, darin einverstanden, daß in Bezug aus den Ritus bei dem israelitischen Gottesdienst viel zu verbessern sei und auf eine wahre, geistige Erbauung beim Gottesdienst hingewirkt werden müsse, vereinigte sich vor etwa einem Jahre, in der hiesigen Gemeinde die Münchener Synagogen - Gesänge beim Gottesdienst einzuführen. Obgleich manche zu beseitigende Schwierigkeiten Vorlagen, so wurde dennoch muthig Hand an das Werk gelegt und übernahm der Kaufmann H. S. Cramer im Verein mit dem Lehrer Elkan, ein Singchor bestehend aus 12 Sopranisten, 6 Altisten, 4 Tenoristen und 4 Bassisten, zu organisiren. Um schulgerecht die betreffenden Gesänge einzuüben, wurde der Herzog!. Hofmusikus Riefenstahl hieselbst ersucht, Singstunden anzuordnen und abzuhalten. Dieser unterzog sich diesem mühseligen Geschäft mit dem größesten Fleiße, stellte fast täglich schulmäßige Singübungen mit dem Chor an, und nachdem die Elemente der Gesanglehre einigermaßen eingeprägt waren, wurde der Anfang mit dem Einstudiren der Münchener Gesänge gemacht. Kaufmann Cramer übernahm es, Abends in seiner Behausung noch besondere Singstunden zur Nachhülfe abzuhalten und es verging nur eine kurze Zeit, als man schon im Stande war, die Sabathgesänge in der Synagoge während des Gottesdienstes singen zu können. Referent muß allerdings gestehen, daß er selbst wenig von den Bemühungen des Vorstandes erwartete, vielmehr der Ansicht war, daß ein vierstimmiger Gesang, im Allgemeinen am allerwenigsten als Kirchengesang angewendet, unzweckmäßig sei. Diese Bedenken, öffentlich ausgesprochen, waren dem Vorstande nicht unbekannt geblieben, derselbe blieb aber in seinen Bestrebungen sich treu, studirte mit dem Singchor mit auffallend großer Liebe und mit festem Willen, und erzielte ein Resultat, welches Bewunderung erregte. Während der Vorstand in dieser Beziehung einen lobenswerthen Eifer darthat, hatte derselbe sein Augenmerk zugleich auf die hiesige Synagoge, welche in hohem Grade baufällig war und den Einsturz drohte, gerichtet. Es mußte, um Gefahr abzuwenden, das Gotteshaus gebaut werden und es begann dieser Bau im Frühjahr d. I., wobei die hiesige, aus 25 Familien bestehende Gemeinde keine Opfer scheuete. Bei der Wiederherstellung der Synagoge berücksichtigte der Vorstand Alles was einem Bauherrn ziemt, nahm aber auch daraus Bedacht, dem Singchor einen in akustischer Hinsicht passenden Platz einzurichten und anzuweisen. Der schön wieder hcrgestellte Tempel konnte schon am 26. August d. I. eingeweihet werden und wohnten unsere höchste Landesherrschaft, sämmtliche hiesige Behörden und Honorationen, sowie auch Fremde dieser Weihe bei. Referent, bei dieser Weihe gleichfalls zugegen, war voller Erwartung. Der Gottesdienst begann mit einem schönen, herzerhebenden Gesänge. Ich glaubte mich in eine christliche Kirche versetzt und mag ich es nicht läugnen, daß während der schön durchgeführten Sabathsgesänge meine Augen Thränen benetzten. Mit gerührtem Herzen, völlig befriedigt, verließ ich das Gotteshaus nach geendigtem Gottesdienste. Späterhin hörte ich gleichfalls die für die Feiertage komponirten Münchener Gesänge, welche die gehegten Erwartungen bei weitem übertrafen.