Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 6 (1842)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1842)
- Date
- 1842-11-19
- Page
- Seite 692 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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692 beschimpfen den Lheil, der einem edlern Triebe folgend, der Medizin sich zugewendet. Wie soll der gegenwärtig lebende Arzt gebildet sein, um Ihren Anforderungen zu genügen? Worin denn bestehen seine großen Vergehen, daß Sie ihm so abhold sind? Haben Sie in kraniologischer Beziehung etwas zu berichtigen? Wodurch unterscheiden Sie den jüdischen Arzt von seinen Fachgenossen? Er genießt denselben Schulunterricht, oder wo dieser noch geschieden, hat er am Ende nicht weniger oder schlechter deutsch gelernt. Die Humaniora bilden Herz und Geist (Exem]il;i sunt oiliosa) nicht weniger, und endlich sind die Universitätsstudien dieselben. Gerade der jüdische Studirende, dem bei gleicher Breite des Wissens fast jede öffentliche Konkurrenz für die Folge von vornherein versperrt ist, beginnt sein Studium mit weit mehr Ernst. Er weiß, daß er nur im gründlichen Wissen seinen künftigen Gönner finden kann, sonst aber jeder andern Protektion entbehren muß. Deswegen gibt er sich, um nur einigermaßen eine feste Stütze zu finden, dem einmal gewählten Berufe freudevoll mit ganzer Seele hin, denn nur aus der Wissenschaft und ihren Tiefen schöpft er so manchen Ersatz für die vielen Hintansetzungen im öffentlichen Leben und für das kalte Entgegenkommen in sozialer Beziehung. Der jüdische Arzt, das Leben von seiner ernstesten Seite erfassend, ist von dem Drang der Umstande darauf hingewiesen, das „uosce te ipsuin“ möglichst zu ergründen, und gerade die richtige eigene Beurtheilung hält ihn ab von Ueberschätzung, bewahrt ihn vor Oberflächlichkeit und Halbwisserei. Gerade weil auf seiner Bahn sehr viel Dornen und wenig Rosen blühen, weil er von außen keine Erleichterung, höchstens gerechte Beurtheilung zu erwarten hat, muß er den innern Kern gesund erhalten, und Herz und Gemüth frisch und lebendig bewahren. Er muß eine innere Welt sich schaffen, eine Seelenharmonie sich bilden, und nur im liefern klassischen Studium findet er innere Anklänge und Beruhigung und Muth zum großen Kampfe gegen blindes Vorurtheil und gleisnerische Tücke. Hier findet er Ersatz, Nahrung und Vertraute, hier harmonische Stimmungen der vollen oft bewegten Brust, welche die Eisrinde, womit das öffentliche Leben frostig ihn umgibt, gleich einem Sonnenstrahle erwärmen und schmelzen und die Liebe zur Menschheit rege und warm erhalten. Wer könnte dem jüdischen Arzte im Ernste Gefühl- und Theilnahmslosigkeit vorwerfen! Wo finden Sie mehr Liebe, wo ein empfänglicheres Herz für die Leiden der Menschheit, wo mehr Wohlthätigkeitssinn für seine bedrängten und betrübten Nebenmenschen — eine Tugend, welche die größten Judenfeinde gelten ließen, — als in jüdischen Familien! Und diese tief eingeprägten Erinnerungen aus vergangener früher Jugend leben mächtig fort in der Mannesbrust, verhallen nie, wenn auch das ernste Leben bei dem Manne langst begonnen, der nur geistig emanzipirt, bürgerlich aber, gleich seinen Glaubensgenossen nur tolerirt ist. Gewissenhaft im Studium, eigener ernster Richter, Mensch in der tiefsten Bedeutung des Wortes, sollte er in Ausübung seiner Pflicht nicht gleichen Schritt halten können und wirklich halten? Wem als Arzt die höhere Weihe zu Theil geworden, der wird im Kranken nur den leidenden Menschen, sein eigenes gebrechliches Ebenbild erblicken. Wer hier einem andern Gedanken im Herzen Raum gestatten könnte, als zu lindern, zu helfen und zu heilen, wer da noch an den Zufall der Geburt denken und Glaubensverhältnisse zur Richtschnur seines Handelns nehmen wollte — bei Gott! der ist nie Arzt gewesen! Nein, Herr Professor! ich kann's nicht glauben, ich will's zur Ehre der Menschheit nicht glauben — es wäre ein zu nächtlich schwarzer Schimpf — daß Sie je am Krankenbette eines Juden zuerst an Moses und die zehn Gebote gedacht, und Ihre Therapie mit weniger Liebe und kälterem Herzen darnach eingerichtet hätten! Nein, das ist nicht möglich, und kann nicht möglich sein. Und Sie entmenschen grausam und gemüthlos ohne Nachsicht den jüdischen Arzt, behauptend, daß er nur Glaubensbrüder behandeln könne. Sehen Sie sich in der Gegenwart um! Die jüdischen Aerzte genießen nicht weniger Vertrauen als früher, nicht weniger, als die christlichen. Die Divergenz des Glaubens hört da auf, wo der Kranke ärztlicher Hülfe bedarf, und die Wiederherstellung seiner Gesundheit verlangt — die faulen Flecke der Unwissenheit lassen sich hinter dem Deckmantel der Religion nicht verbergen. Es gibt nur einen Weg in der praktischen Medizin, Gründlichkeit und reelles Wissen. Noch findet dieß, Dank dem Schöpfer, gerechte Anerkennung. Wem in dem Labyrinthe der Medizin! nach langem mühsamen Forschen die innere Leuchte