Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 6 (1842)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1842)
- Date
- 1842-10-15
- Page
- Seite 627 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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627 durch, ganz gegen die hohen, landesväterlichen Absichten unseres allergnädigsten Königs, aber darum nicht minder in fast unausbleiblicher Wirkung, uns, unfern Kindern und Nachkommen bevor!" Berlin, 2. Oktober. (Privatmitth.) Wir sind in den stutus quo zurückgekehrt, indem, wie Sie wissen, der zum Oberrabbiner gewählte Do. Frankel in Dresden die Stelle nicht angenommen. Ich glaube aus guter Quelle versichern zu können, daß vor der Hand nichts mehr in der Sache vorgenommen werden wird, da die Leiter unsrer Angelegenheiten von vorn herein es bloß auf den genannten Herrn abgesehen hatten. Jetzt, da also jede Persönlichkeit wegfällt, glaube ich um so unbefangner, mit Uebergehung aller besondern und einzelnen Vorgänge, die ja doch nur nach ihren Resultaten Wichtigkeit haben, über den Gang der Angelegenheit ein Urtheil fällen zu können. Zuerst fällt auf: hatte man sich das, was man eigentlich bezweckte, von Anfang an deutlich gemacht? Seit 1820 hatte man keinen Oberrabbincn, einer bloßen Person dieses Titels bedurfte man daher wohl nicht; da aber die bisherigen Verweser des Rabbinats nur eine einseitige Richtung, die rabbinisch-rituelle, wenn auch wacker und hinlänglich, vertraten, unsere Zeit aber noch ganz andere Thätigkeiten verlangt, so mußten es letztere insonders sein, welche zu berücksichtigen waren: Hier gab cs wieder drei Gebiete: die Repräsentation des Judenthums vom geistlichen Standpunkt nach außen, den Kultus und die Schule. Im Kultus trat aber wieder das Predigtamt als vorwiegend wichtig hervor, welches überhaupt eine kräftige Wirksamkeit in unsrer Zeit bedingt. In der Schule galten die Verhältnisse der vorhandenen Institute und die neue Schöpfung eines allgemeinen, organisirten Religionsunterrichtes zu regeln. Was war nun hier die erste Bedingung? Alle diese Dinge im Voraus nach ihren äußeren Grenzlinien zu ordnen, und die vielen Konflikte, die mit den vielen, bis jetzt darin thäligen Männern auszugleichen — eine große Arbeit, aber unumgänglich nothwendig, wenn man nicht in eine dunkle Wahlurne hineingreifen und tausend Kämpfe erwirken wollte. Hat man es gethan? Es verlautet Nichts. Es hätte eine ausführliche Darlegung vorher ausgearbeitet, und dem betreffenden Publikum vorgelegt werden müssen. Es hätte dem Publikum gesagt werden müssen: das und das .brauchen wir; dem zu Wählenden: das und das sollst du; anstatt dessen sagte man nur: den und den wollen wir! — Wir wollen hier gar nicht untersuchen, inwiefern der Gewählte, wenn er die Wahl angenommen, alle Hoffnungen zu erfüllen, allen Erwartungen zu entsprechen geeignet gewesen wäre: daß man aber geglaubt, mit Einem Manne Alles zu erlangen, und, wenn es Noth thäte, noch einen „Prediger" zu berufen, zeigt hinlänglich, daß man über das Bedürfniß Berlin's noch gar nicht im Klaren war. Berlin bedarf, wie es schon in diesen Blättern öfter dargelegt worden, eines Kollegiums, das nicht aus einem und zweien, sondern mehren kräftigen, thatglühenden Männern besteht, wenn nicht wieder ein bloßer Nihilismus zu Tage gefördert werden sollte. Diese gleichgeordneten Männer, wenn auch Einer als Vorsitzender agirt, müssen in organischem Verhältniß arbeiten, nach allen Seiten hin wirksam sein. Soll ein Oberrabbiner sein, der nicht tüchtig und mächtig reden kann, so wird er von einem etwaigen „Prediger" bald in Schatten gestellt, der letztere hinwiederum muß in Bälde aufgerieben werden. Ein Mann, der Beides sei, würde gar nicht zu Ende kommen. Denn einerseits, gesetzt es sind in einer Woche ein Dutzend Trauungen mit Traupredigten — denn solche verlangt bald, und mit Recht, jedes Paar — einige Leichenreden, und zuletzt am Sabbat eine Synagogenpredigt, wer führt dies bei einer Gemeinde von 7000 Seelen durch, und was vermöchte er noch sonst zu leisten? In dieser einen Thätigkeit absorbirte sich bald alles Ändere. Dann: nur ein geordnetes Kollegium erzwingt sich Achtung und Gehorsam; der Einzelne bleibt ein Einzelwillen, und zersplittert sich an den tausend entgegengesetzten Willensmeinungen; der Einzelne würde bei den vielen Nebenautoritäten, die an der hiesigen Gemeinde haften, nicht das Geringsie durchsetzen, wohingegen vor einem Kollegium alles Gesonderte zum Schweigen gebracht würde, da einem Kollegium gegenüber eine einzelne Stimme verhallt. Durch ein Kollegium hätte die hiesige Gemeinde Wirksamkeit aus die übrigen preußischen Gemeinden erlangt, wohingegen einem Einzelnen nur die Werthschätzung eben eines Einzelmannes werden würde. Also mir Einem Worte, nicht einen Oberrabbi-