Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 6 (1842)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1842)
- Date
- 1842-06-04
- Page
- Seite 338 (sequence 6)
- Language
- German
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338 1813, 14 und 15 cinnehinen, wieder zu einer Isolirtheit zurückschreiten sollte. Das Zeitalter engherziger Glaubensvorurtheile scheint uns vorüber. Ew König!. Majestät haben in der, den Deputirten der Aeltesten der jüdischen Gemeinde zu Berlin am 17. Juli 1810 huldreichst gewährten Audienz Höchstdero erhabenen und hochherzigen Ansichten ausgesprochen, sie leben in unserm Herzen fort, und berechtigen uns zu dem Vertrauen nicht in unfern ersten Rechten und Pflichten als Staatsbürger, als Söhne eines Vaterlandes, als getreue Unterthanen, gekränkt zu werden. — Die erste und heiligste Pflicht eines jeden Bürgers in einem aufgeklärten Staate ist aber die, in den Stunden der Gefahr nicht zurückzustehen; sondern mit Gut und Blut die heiligsten Güter des Lebens, König und Vaterland zu schützen. Wir glauben diesen Verpflichtungen auch damals in dem heiligen Kriege der denkwürdigen Jahre 1813—15 nachgekommen zu sein und Mancher von uns trägt noch das ehrende Denkzeichen jener Zeit auf seiner Brust. War es doch hier im Osten wo sich die Liebe zum Vaterlande so kräftig schön entwickelte, und wahrlich unsere Glaubensgenossen waren nicht die Letzten, die in den Reihen vaterländischer Krieger eintraten , und das erhabene Wort Sr. Majestät glorreichen Andenkens in sich aufnahmen und beherzigten. Tief verletzen müßte es uns aber, wenn wir jetzt noch einem alten Vorurtheile hingegeben, sehen würden, wie jene Beweise vaterländischer Treue und Anhänglichkeit in den Schatten zurücktretcn würden. Ew. König!. Majestät werden in diesen in tiefster Ehrerbietung niedergeschriebenen Worten nur die Sprache unseres Herzens und unseres Willens Huldreichst erkennen und Allergnädigst die Besorgnisse von uns nehmen, die jede Beschränkung unserer Staatspflichten in uns erregen muß. Der Allerhöchsten Weisheit vertrauend legen wir ehrfurchtsvoll jUnser Wohl in die erhabene Hände Ew. Maj. mit der Bitte: uns auch fernerhin unsere Militairpflicht auf die bisherige Weise ableisten zu lassen. In tiefster Ehrfurcht Ew. Majestät Gumbinnen, den 7. März 1842. allerunterthänigste I. F. Hell, D. Moses, T. Flatow und Genossen, und im Aufträge der jüdischen Einwohner zu Tilsit und Namens aller übrigen Städte und Orte des Gumbinner Reg.-Departements. Tilsit, im Mai. (Privatmitth.) Am 28. April fand hier die feierliche Einweihung des neu erbauten Gotteshauses statt. Schon am Morgen bemerkte man auf den Straßen eine seltene Emsigkeit;- alles strömte und wogte nach dem Pferdemarkte hin, um dort den festlichen Zug der Gemeinde nach ihrem neuen Gotteshause vorbeiziehn zu sehn. In der Wohnung des Herrn Leonhardt, eines Mitgliedes der Bau- Deputation, hatten sich der Rabbiner, die Gemeindemitglieder, die eingeladenen Gäste, worunter sich die hiesigen ersten Civil- und Militairbeamten, die Magistratspersonen, die angesehensten Kaufleute, die Aelterleute sämmtlicher Gewerke befanden, zahlreich versammelt. Gegen 11 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung. Ein gut besetztes Musikkorps eröffnete ihn: dann folgten zwei Chapeaux d'honneur von 12 kleinen Knaben begleitet. Hierauf kam ein hiesiger junger israelitischer Kaufmann, der aus einem weißen Atlas-Kissen den schweren silbernen Kirchen-Schlüssel trug. Nach ihm erschien ein Baldachin von karmoisinrother Seide, von 4 jungen Kaufleuten getragen, unter welchem der Rabbiner, die Thorarolle im Arme, ernst einherschritt. Diesem schlossen sich die Gemeindeältesten, jeder eine Thorarolle tragend, und die eingeladenen Beamten, zum Theil in glänzenden Uniformen, und Privatpersonen an; die Gemeindemitglieder, von 2 Chapeaux d'honneur begleitet, beschlossen den Zug. Dieser nahm seinen Weg über den Pferdemarkt längs der hohen Straße nach der zwischen den Gärten erbauten neuen Synagoge, die unterdeß sich mit Zuschauern angefüllt hat; jedoch wurde des starken Andrangs wegen der Zutritt nur gegen vorher ausgegebene Einlaßkarten erlaubt. In dem Moment, in welchem die Gemeindeglieder mit den Thora-Rollen in die Vorhalle eintratcn, begann die Instrumental-Einleitung, bei der einige hiesige Musikfteunde aus Gefälligkeit mitwirkten. Während derselben nahm Jeder in größter Stille seinen Platz im Raume der Synagoge ein; die Gemeinde Vorsteher aber mit den Thora-Rollen blieben in der Vorhalle stehen. Es war aus Königsberg der bekannte Prediger und Religionslehrer, Hr. vr. Saalschütz und der Vorsänger mit seinem Chor zu dieser Feier herüber gekommen. Der einfache, aber herzerhebende Gesang der klangvollen Knabenstimmen, der deutliche, ausdrucksvolle Vortrag des Predigers haben gewiß auf einen Jeden einen tiefen