Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 6 (1842)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1842)
- Date
- 1842-04-16
- Page
- [Seite] (sequence 17)
- Language
- German
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Beilage zue Allgemeinen Zeitung -es Judenthums No. 16. Fernere Gutachten über das Hamburger Gebetbuch. i. Die liturgische Streitfrage, welche durch den von dem Herrn Chacham Bernays gegen das „Gebetbuch für die öffentliche und häusliche Andacht, nach dem Gebrauch des neuen israelitischen Tempels in Hamburg/' geschleuderten Bannstrahl hervorgerufen wurde, kann gewiß — wie unangenehm sie, zumal durch die Art und Weise ihrer Entstehungen dem ersten Augenblicke die kirchlichen Verhältniffe der israelitischen Gemeinden, insbesondere der zu Hamburg berühren mochte — im Allgemeinen für die innere Reform des jüdischen Kultus nur segensvolle Folgen haben. So stark nämlich neuerer Zeit von vielen Seiten eingesehen wird, daß der israelitische Gottesdienst, wie er sich seit mehreren Jahrhunderten gestaltet und stabil erhalten hat, seiner ursprünglichen Bedeutung und seiner heiligen Bestimmung sich entfremdet habe: so wähnen dennoch Wiele, welche die Mängel dieses Gottesdienstes mehr empfinden als erkennen, dem Nebel der Andachtlostgkeit sei abgeholfen, dem Zwecke der Erbauung Genüge gethan, wenn die-Form gebeffert, der Inhalt aber unangetastet bleibe. Auf diese Weise entstanden in vielen israelitischen Gemeinden Kultus-Reformen, welche, obwol ihnen in Rücksicht der bestehenden Verhältniffe die gebührende Anerkennung nicht versagt werden darf, dennoch dem Geiste religiöser Erkenntniß und sittlicher Aufklärung keine wahre Befriedigung gewähren. Die alten unansehnlichen Gebethauser, konform dem darin herrschenden Kultus, verwandelten sich Ln schön geschmückte Synagogen, die starke Unordnung und das widerliche Geschrei, natürliche Begleiter eines von störenden Elementen entstellten Gottesdienstes, wichen der befohlnen Ruhe und erborgten, wohlklingenden Melodien; das Gebet selbst dagegen wurde nicht geläutert von falschen Ausdrücken, von irrigen Ansichten und unfrommen Wünschen, welche sich allmalig und immer mehr eingeschlichen hatten. So wurde für Auge und Ohr mehr gesorgt, als für Geist und Herz, und das alte morsche Gebäude prunkte in frisch glänzender Farbe, den äußern Sinn rauschend und den innern Sinn kaum berührend. Mögen alle diejenigen, welche die Schale höher schätzen als den Kern, zu dieser scheinbaren Regeneration des Kultus sich Glück wünschen; der Intelligente erkennt mit Wehmuth, daß auf diesem Halden Wege die Anforderungen der Gotteslehre nicht gewürdigt sind, und die Belebung des religiösen Geistes nicht erlangt wird. Denn diese äußere Umformung ist ein Palliauf, das die wahre Heilung mehr hinaus rückt, als fördert, weil die geringfügige Anregung, welche diese oberflächliche Reform in der ersten Zeit erweckt, nach wenigen Jahren erlischt, mit der Neuheit den Eindruck verlierend, abgesehen davon, daß sie das Innerste des geistigen Lebens, Ueberzeugung und Gesinnung, nie trifft. Soll der Gottesdienst seinem Zweck entsprechen, so muß sein Inhalt mit den reinen Lehren der Religion übereinstimmen. Dieses Bedücfniß, wahrgenommen von allen wahrhaft religiös Gebildeten Israels, rief den Tempclverein und sein Gebetbuch in's Leben. Wie sehr es einerseits zu bedauern, daß die starre Unbeweglichkeit der Synagoge eine solche Separation — welche aber darum noch nicht als eine eigene Sekte sich herausstellt — nothwendig gemacht, so wenig bedarf andererseits die Erscheinung eines neuen im Geiste erleuchteter Religiosität bearbeiteten Gebetbuches einer Rechtfertigung. Ob das fragliche Gebetbuch des Tempels in allen einzelnen Punkten schon solch eine Gestalt erhalten, daß es allen gerechten Ansprüchen vollkommen Genüge gethan, ist eine Frage, deren Beantwortung außerhalb der Granzen dieser Arbeit liegt. Laugnen wollen wir es jedoch nicht, daß nach unserer individuellen Ansicht mancher Ausdruck oder Satz stehen geblieben, der hinweggenommen, nicht vermißt worden wäre; so wie umgekehrt Satze fehlen, die unbeschadet der Basis, auf welcher dieses Werk ruhet, hatten stehen bleiben können. Selbst von Inkonsequenzen sprechen wir dieses Gebetbuch nicht frei, so z. B. daß in dem Gebete an Werktagen (S. 397.) der deutsche Ausdruck von s-'^n von dem üblichen Texte abgewichen ist, während in dem Mussaphgebete des neuen Jahres (S. 175.) Text und ^Übersetzung der alten Formet treu geblieben; daß -ferner S. 122. den Worten b? *518*15:"2 keine Aufnahme gestattet, wahrend S. 121. der Ausdruck “ünüm nicht beanstandet wurde. Doch solche geringe und selbst noch bedeutendere Ausstellungen können dem Gebetbuche seinen Werth nicht nehmen. Auch ist die Tempelgemcinde, deren Existenz auf dem Prinzips des Fortschrittes beruhet, gewiß weit entfernt von der Behauptung, als bedürfe dieses Gebetbuch keiner Vervollkommnung, da doch schon die zweite Auflage das Zeugniß giebt, wie gerne der Tempelverein seinen Gottesdienst verbessert und vervollständiget. Uebrigens soll hier keine in's Einzelne gehende Kritik gegeben, sondern nach dem Wunsche der hochverehrlichen Herren Direktoren und Prediger, das Gutachten abgegeben werden: ob das mehrerwähnte Gebetbuch nach den positiven Grundsätzen des Judenthums gutgeheißen werden könne, oder ob' das Verwerfungsurtheil des Herrn Chacham Bernays begründet sei? Gehörte diese Frage in das Bereich der in unserer Zeit häufig aufgeworfenen strittigen Fragen, deren Beantwortung verschieden aussallt, je nachdem der Entscheidende