Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1842-03-05 · Heft 10 (5.3.1842) · p. Seite 135

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
6 (1842)
Issue
Heft 10 (5.3.1842)
Date
1842-03-05
Page
Seite 135 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3225227-3225238--04196-3313772
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

135 geschloffen aus den Kreisen der angebornen Liebe, und dies führte leider -nur allzu oft zur sittlichen Verderbniß, zur Libertinage und zur sträflichsten Bespöttelung alles Glaubens und aller Tradition. Moses Mendelssohn folgte daher den Eingebungen eben so seines edlen Herzens, wie seines seltenen Geistes, als er seine Zeitgenossen ermahnte, nicht bloß an der Schrift, sondern auch am traditionellen Ceremonial sestzuhalten. Er wußte ja, welche Befriedigung sie darin fanden und wie sehr gerade der über das ganze äußere Leben sich erstreckende Eeremoniendienst die durch tausendjährigen Druck Gebeugten aufzurichten und die unter alle Völker Zerstreuten und von jedem Wolke Ausgestoßenen zu einem für die eigene Nationalität, für die Nationalität des Judenthums, begeisterten Volke zu erheben vermochte. Er ahnete nicht, daß das Morgenroth eines bessern Tages seinen Glaubensgenossen schon so nahe sei. Er streute mit seinen edeln Freunden, dem großherzigen Dohm und dem unsterblichen Lessing, den Samen echter Duldung aus — wie er meinte und auch in seinem „Jerusalem" es wehmüthig aussprach, für ein künftiges Jahrtausend. Doch zu jener Zeit machten Vernunft und Einsicht Riesenschritte, und schon wenige Jahre nach Mendelssohn's Tod trug der Baum, den er und seine Freunde gesäet, die herrlichsten Blüthen, deren Früchte zum Theil schon uns und noch mehr unseren Enkeln einst zu gut kommen. Aber je mehr nach dem Tode Mendelssohn's die Fesseln sich lösten, welche, die Juden in nationaler und politischer Absonderung gehalten, je mehr ihr eigenes Interesse, ihr eigenes Wohl und Weh sich mit dem ihres Preußischen, ihres Deutschen Vaterlandes identisizirte, um so häufiger mußten auch Einzelne die von unseren Borvätern um das göttliche Gesetz gezogenen Schranken mit ihren neugestalteten sozialen Verhältnissen unvereinbar finden. Diese Einzelnen, die nicht durch frivolen Leichtsinn, sondern eben nur in Folge jener Annäherungen zwischen Christen und Juden, in einen äußerlichen Widerspruch mit der Menge ihrer Glaubensgenossen gerathen waren, wurden gleichwol von diesen immer noch sehr hart beurthcilt. Die Menge geht niemals den liefern Gründen einer Erscheinung nach. Es kamen daher Konflikte-vor, die ein Zusammenhalten der Gleichgesinnten nothwendig machten: es gast nicht bloß, die Freiheit des Gewissens zu vertheidigen, sondern auch physischen Schutz zu gewähren, besonders denen, die ohne Familie in Berlin lebten und in Krankheits - oder andern Unglücksfällen keinen Beistand von denjenigen zu erwarten hatten, die damals innerhalb der Gemeinde im Besitze der Macht wie der herrschenden Meinung waren. Dieses Moment war es, dem, meine ehrwürdigen Freunde, Ihr Gedanke, unsere Gesellschaft zu begründen, sein Entstehen verdankte." Aus der Anrede an die Freunde: „Das halbe Jahrhundert, meine verehrten Freunde, das sich jetzt für unsere Gesellschaft abschließt, war zugleich eine der denkwürdigsten Epochen für 'die religiöse Genossenschaft, aus welcher dieser Bund zunächst hervorgegangen. Was unsere Vorfahren, als sie hier zusammentraten, für ihren engern Kreis erstrebten: nämlich die Achtung des Gewissens, und zwar nicht bloß der sogenannten Aufgeklärteren, sondern auch der Festhaltenden am Dogma, das beginnt in unserer Zeit zur allgemeinen Wahrheit zu werden. Durch beiderseitiges Entgegenkommen haben wir gelernt, unter der Hülle der dogmatischen Rechtgläubigkeit das Herz des Menschen und des Freundes herauszusinden, und in dem offenen Antlitz desjeni, gen, der eine Heuchelei zu begehen fürchtet, wenn er äußerlich etwas thut, was mit seinem Innern nicht harmonirt, die Bürgschaft einer ehrenwerthen und auch religiösen Gesinnung zu erkennen. Was im Jahre 1792 noch für etwas Schwieriges, ja kaum Mögliches gehalten wurde: wie die Leitung von Gemeinde-Angelegenheiten in einem Sinne, der weder gegen die Einen noch gegen die Anderen verstößt, die Beerdigung unserer Tobten, nicht bloß in einer äußerlich der allgemeinen Landessitte entsprechenden Weise, sondern auch nach einer dreitägigen Beschützung des Körpers gegen die furchtbare Möglichkeit des Lebendigbegrabenwerdens — dies und vieles Andere ist jetzt so zur allgemeinen Regel geworden, daß uns die Zeit, die dagegen ankämpfte, wie in einem fernen Hintergründe zu liegen scheint. — Noch ist allerdings nicht Alles gethan: noch bleibt uns in sozialer wie in politischer Hinsicht Manches zu wünschen; aber wie sehr haben wir doch Ursache, unsere bürgerlichen Zustände im Vergleiche mit denjenigen zu preisenj aus welchen vor fünfzig Jahren diese Gesellschaft hervorgegang'en!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.