Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1842-02-26 · Heft 9 (26.2.1842) · p. Seite 132

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
6 (1842)
Issue
Heft 9 (26.2.1842)
Date
1842-02-26
Page
Seite 132 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3225227-3225237--04192-3313767
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

132 täglich mehr, und Jeder, auch der Geringste aus der Gemeinde glaubte sich berechtiget, ihm das Leben zu vergällen und ihn zu verfolgen. Auch seine Einkünfte wurden hierdurch immer mehr geschmälert, und sehr oft befand er sich in der kummervollen Lage, für sich und die Seinigen die unentbehrlichsten Lebensbedürfnisse nicht anschassen zu können. In dieser verzweiflungsvollen Lage sing er an ernstlich darauf zu sinnen, diesen endlosen Sekaturen und Verfolgungen zu entgehen, und da sich ihm kein Ausweg zu zeigen schien, verfiel er auf den Gedanken, seiner Religion abzusallen. Seine Frau redete ihm zu, dieftn j um des Motives willen sündigen Gedanken — so nannte I ihn später der Konvertirte selbst — zu realisiren.— Nach einem zwei Jahre langen inner» Kampfe, wahrend welcher Zeit seine Lage um vieles mißlicher und drückender i geworden, vollzog er endlich, aus Verzweiflung, an ynriK j nöö biz) im Kloster zu Csakathurn mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen den Religionsübertritt; der Graf Altheim, der frühere Besitzer Csakathurns war sein und seiner Familie Taufpathe und lebenslänglicher Versorger. Deshalb, vorzüglich aber weil zur damaligen Zeit in Csakathurn noch gar kein Jude wohnte °), hat er es zu seinem Taus- und zu seinem nunmehrigen, beständigen Wohnorte gewählt. Er bekleidete da das Kirchendieneramt, und lebte in dem neuen Glauben, wie man uns angab volle 48 Jahre. Diese Angabe scheint indessen übertrieben zu sein, und mit vieler Wahrscheinlichkeit kann man sie auf 30 und einige Jahre reduziren. Auch soll er ein Alter von 88 Jahren.'erreicht haben. (Auch diese Angabe scheint mit 10 oder noch mehr Jahren überschätzt zu sein) und starb 1804 an dem nämlichen * Tage — NvL — an dem ec seiner angebornen Religion abstarb. — Jndeß blieb er dem Judenthume sehr hold. Die Psalmen in der Originalsprache waren seine tägliche Gebete, und in seinem hohen Alter die *) Erst in Kaiser Joseph II. Zeiten, ungefähr um das Jahr 1783—1785 singen an israelitische Fackilien in Csakathurn sich niederzulassen. Der erste israel. Ansiedler daselbst war der selige Fabius Fischer, der Vater der noch jetzt allda bestehenden, wohlhabenden und sehr achtbaren Familie Fischer. Jetzt zählt man hier ungefähr vierzig israelitische Familien, und bilden diese eine sehr ehrsame Gemeinde. Sie hat vor einigen Jahren ein sehr schönes Gotteshaus erbaut, und strebt jetzt dahirs eine öffentliche regelrechte Jugendschule zu organisiren. — D. Corresp. Mischnajot, seine geheimen Studien. Den durchreisenden Juden war seiü Haus eine freundliche Herberge, und er hatte dabei kein andres Interesse, als, so oft als möglich mit Juden zusammen zu sein. Diese nahmen auch, in so lange in Csakathurn keine Juden wohnten sehr gerne bei ihm Obdach ein. Traf es sich, daß unter diesen ein Schriftkundiger war, so'war es seine innige Freude mit ihm über. Stoffe aus dem Talmud zu dissertiren. — Bedurfte ein Jude seines Beistandes, so konnte er auf ihn, er mag ihn gekannt oder nicht gekannt haben, ganz gewiß rechnen. So z. B. traf es sich, daß ein Israelit, Namens Jakob Cohn, Vater des ersten, mitBefugniß in Wacasdin angestedelten Israeliten *) in der von Csakathurn eine Stunde gelegnen Pfarre St. Georgen plötzlich starb. Ein damals^in Ungarn, wie in den meisten Slaventandern stark herrschendes, und jetzt noch nicht ganz geschwundenes Vorurtheil: „daß eine Leiche übers Feld geführt, auf die Aussaat der ganzen Umgegend sieben Jahre hintereinander einen nachtheiligen Einfluß übe" > wollte es durchaus nicht zugeben, daß man den Tobten nach dem, sieben deutsche Meilen von hier gelegnen Löwe — das war damals die nächste Jsraeliten- Gemeinde — zur Beerdigung führe. Alle, Versuche dieses Vorurtheil zu bekämpfen, blieben fruchtlos, ja selbst die viel vermögende goldene Zauberformel vermochte es nicht zu verscheuchen. In dieser Verlegenheit wandten sich die Angehörigen des Verstorbenen an den konvertirten Rabbinen und baten ihn, daß er sich darum bei der Geistlichkeit verwenden wolle. Er that's, und stellte ihr vor: daß er nur deshalb die Gegend zu seinem Tauf¬ und Wohnorte erwählt, weil sie von Juden frei, und folglich noch eine heilige sei. Nun habe er zu seinem Leidwesen vernommen, daß man den heiligen Boden dieser Gegend mit einer jüdischen Leiche entweihen wolle. Möge sie (die Geistlichkeit) dies ja nicht zugeben, und bedenken, daß man mit dieser Sünde über's Land eine weit größere Heimsuchung bringen könne, als der etwaige noch sehr ungegründete siebenjährige Mißwachs. Dieses Gegengift, nämlich das noch größere Vorurtheil,^brachte die gewünschte Wirkung, und die Israeliten erhielten die Erlaubnis die Leiche in der eben erwähnten Jsraeliten- Kommune zur Beerdigung zu bringen. *) Siehe im v. Jahrg. dieser Zeitung S. 286. „Die Geschichte der Juden Croariens rc. vom Correspondenten. Druck von I. B. Hirschfeld<

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.