Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 6 (1842)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1842)
- Date
- 1842-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3225227-3225229--04066-3313633- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
14 den setzt die ungestörte Dbmacht aller der Gewalten voraus, welche bis dahin die Gesellschaft beherrschten; und so läßt sich auch nicht ein entscheidender Schritt von ihnen erwarten, sondern daß sie, nur sehr allinählig den innern Entfaltungen des Geistes folgend, diesen in den Veränderungen des äußern Lebens nachgeben. Solches erweist uns auch das abgelaufene Jahr, wenn wir es mit einem Blicke überschauen. Wir erblicken nirgends einen unerwarteten, großartigen Schritt, ein überraschendes Faktum: wohl aber eine Menge kleiner Koncessionen, welche freilich durch ihr bloßes Dasein schon die innere Nothwendigkeit zukünftiger größerer erweisen. Im Oriente that sich das von der Negierung des Sultans angenommene Princip der Toleranz durch abermalige Ferman's, die sowohl die Gleichberechtigung der Raja's in Handclsverhältnissen, als auch den Schutz her palästinensischen Juden insbesondere aussprachen, kund, und wurden sie von persönlichen Versicherungen des Sultans und seiner Minister begleitet. Anderweitig verhinderte die Schwäche der türkischen Regierung in Asien nicht, daß die Wirren Syriens alle Klassen der Bewohner niederdrückten. Ein ungeheurer Brand versetzte die türkischen und jüdischen Bewohner Smyrna's in die traurigste Lage. Zwar versuchten einige gehässige Zeitungsscribenten über die Juden von Damaskus neue Lügen zu verbreiten, indem sie diese der Repressalien nach dem Abzüge Ibrahim-Pascha's beschuldigten. Allein der Einzug des Generals Jochmus in Damaskus, das Fest, das dem Obristen Churchill von den Juden daselbst gegeben wurde, das Urtheil dieser Männer über die Unschuldigen, die rem blutigen Jusiizfrevel anheimgesallen, so wie endlich die nachträglichen Zeugnisse, welche Männer, wie v. Hailbronner, Fürst Pückler-Muskau, abgaben, zerstreuten die letzten Wolken, die über diesen unsern Glaubensbrüdern hingen. In Europa erwies sich der Anklang, den diese Angelegenheit erweckt hatte, noch durch die vielen Orarionen, die den Herren Montesiore und Cremieux, und neuerdings dem Dr. Löwe bereitet wurden. Hingegen wurde durch öftere Berichte der traurige Zustand dargelegt, in welchem die Juden in Konstantinopel durch ihre ganze Verfassung schmachten, ohne daß eine Abhülfe sich nahe zeigte. In Kairo und Alexandrien gediehen die Schulen, welche durch Cremieux geschaffen worden, und waren schon im Stande, eine öffentliche Prüfung zu bestehen. Aus Abyssinien wie aus Indien kamen uns neuere Berichte zu über dortige jüdische Geschlechter und ihre Eigenthümlichkeiten. Auch in Algier sind die Israeliten in trauriger Lage. Der Zusammenstoß der Civilisation mit den frühem Verhältnissen, verbunden mit dem traurigen Zerstörungskampfe, den die Eingebornen mit den Franzosen bestehen, konnte die Juden nur der bisherigen Hülfsquelle berauben, ohne ihnen neue zu eröffnen. So schilderten die Rabbinen in einem Sendschreiben an die französischen Israeliten selbst das Trübsal, dem sie unterliegen. - Am Südwestende von Europa, in Portugal sind zwar die Gesetze wider die Niederlassung der Juden noch nicht aufgehoben, aber allmählig häufen sich solche daselbst doch, und bilden, bei stiller Duldung der Behörden, schon Gemeinden. In Spanien ist hingegen ihnen der Eintritt noch verwehrt. Auch in Brasilien treten jetzt die Juden offen als solche auf, während in den inneren Landschaften, z. B. Columbien nur noch Katholiken geduldet werden. Das vorige Jahr hatte in Frankreich durch die eigenthümliche Verwickelung in die Damasker Angelegenheit unter Thiers eine gewisse Reaktion gegen die Israeliten erlebt: dieselbe wirkte im verflossenen Jahre noch nach. Bei den Discussionen über die Fabrikarbeiten wurde keine Rücksicht auf den Sabbat für die Juden genommen, und konnte dies auch um so weniger geschehen, da der Deputirte, welcher unsre Religion bekennt, dieselbe selbst abzulehnen wagte. Obgleich nun einerseits das Budget des jüdischen Kultus um »000 Franks jährlich vermehrt wurde, so äußerte sich andrerseits doch eine völlige Apathie, als die Wegweisung eines französischen Bürgers, der Israelit ist, aus Dresden dieses letztern Umstandes wegen, zur Sprache gebracht ward, und hatte die mühsam zuwege gebrachte Diskussion die einfache Ueberweisung an den Minister zur Folge. Eine unangenehme Verhandlung fand auch statt, als der jüdische Kirchhof zu Paris theilweise von der Stadt in Anspruch genommen wurde. Ein Vergleich,