Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 5 (1841)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1841)
- Date
- 1841-08-21
- Page
- Seite 488 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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488 Man reist das Haus nicht ein, das Vater uns gebaut; Doch richtet man sichs ein, wie mans am liebsten schaut. Und räumt man nicht hinweg ehrwürd'ge Ahnenbilder: Durch Deutung macht man sie und durch Umgebung milder. Des Glaubens Bilder sind unendlich umzudeuten, Das macht so brauchbar sic bei so verschiednen Leuten. Friedrich II. und Mofes Mendelssohn. t Eingesandt.) Es werden jetzt dieser beiden großen Zeitgenossen sämmtliche Werke von Neuem mit Sorgfalt edirt. Für Beide sind öffentliche Aufrufe ergangen, Alles mitzutheilen, was Authentisches irgend vorhanden wäre. Die folgende Anekdote zeichnet gewiß das vorige Jahrhundert und seine Repräsentanten auf so charakteristische Weise, daß sie hier mitgetheilt zu werden wol verdient. Es wohnte in den Jahren 1761—1770 in Berlin ein gelehrter Jude, Namens Raphael, welcher Freund von Moses Mendelssohn war. Er trieb keinen Handel, sondern lebte bloß als Sprachm^ister, da er der französischen, italiänischen und englischen Sprache sehr kundig war. Durch öftere sreimüthige Reden wider mancherlei jüdischen Aberglauben, zog er sich das Mißfallen der Rabbinen und Judenältesten zu, welche gegen Ende des siebenjährigen Krieges es mit Ernst darauf anlegten, ihn von Berlin zu vertreiben. Um ihm einigen Schutz zu verschaffen, machte ihn Moses mit dem Marquis d'Argens bekannt, der ihn bald sehr lieb gewann, sich von ihm im Hebräischen unterweisen ließ, sich fast täglich mit ihm von Literatur, besonders von der deutschen, unterhielt, und ihn gewöhnlich seinen Engel Raphael nannte. Dieß war genug, daß die Judenältesten vor der Hand sich nicht getrauten, ihn anzutasten. In den Unterredungen mit Raphael kam der Marquis auch auf die Toleranz. Er bezeugte sein Erstaunen, daß in den Staaten Friedrichs des Großen noch Intoleranz herrsche. Er glaubte, die Judenältesten hätten nur die Abwesenheit des Königs mißbrauchen wollen, um den guten Raphael aus Berlin zu vertreiben. Er wunderte sich aber nicht wenig, zu hören, daß die Judenältesten durch die Gesetze nicht allein berechtigt, sondern auch sogar verpflichtet seien, jeden Juden, der nicht entweder ein Schutzprivilegium habe, aber im Dienste eines Schutzjuden sei, ohne weitere Rechtsform in der ersten Stunde, wo der Polizei die Anzeige geschehe, durch dieselbe aus der Stadt bringen zu lassen"). Der Marquis konnte immer noch nicht begreifen, daß dieses Gesetz obne allen Unterschied angewendet würde; er fragte endlich: „Aber unser lieber „Moses"") ist doch wol nicht in dem Fall?" Raphael antwortete: „Allerdings! er wird hier blos ge- „duldet, weil er in Diensten der Wittwe Bernhard „ist. Wenn diese ihn heute aus ihrem Dienste entläßt, und er keinen andern Schutzjuden finden „kann, welcher ihn in seinen Dienst nehmen will; „so muß er, wenn die Judenältesten es noch heute „der Polizei anzeigen, und seine Wegschaffung ver- ,.langen, noch heute die Stadt verlassen." Der Marquis war darüber außer sich. Der edle Mann konnte den Gedanken nicht ertragen: daß ein Philosoph, daß ein so weiser und gelehrter Mann, den jeder Rechtschaffene hochschätzen müßte, täglich in der Gefahr sein sollte, sich auf so niedrige Art behandelt zu sehen. Er wollte es nicht eher glauben, bis es ihm Moses selbst bekräftigte, welcher in dem ihm eigenen, edlen, ruhigen Tone hinzusetzte: „Sokrates „bewies ja seinem Freunde Kriton, daß der Weise „schuldig ist, zu sterben, wenn es die Gesetze des „Staats fordern. Ich muß also die Gesetze des „Staats, worin ich lebe, noch für milde halten, daß „sie mich blos austreiben, im Fall mich, in Ermangelung eines andern Schutzjuden, auch nicht einer „von den Trödeljuden in der) Reezengaffe für seinen „Diener erklären will." Den Marquis frappirte diese Lage der Sache ") In jeder andern Stadt, wo derJude kein Schutzprivilegium hatte, geschah eben dieses und. so wurde jeder fremde Jude endlich bis an die Grenze des Landes gebracht. Der Sinn des Gesetzes war übrigens: daß der Jude an den Ort seiner Geburt zurückkehren sollte, wo er den Schutz hatte. Raphael pflegte zu sagen: „Ich „bin in einem Dörfchen in Polen geboren, das abgebrannt „ist. Also habe ich keinen Geburtsort." Corresp. **) So wurde Mendelssohn von seinen Zeitgenossen genannt.