Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1840-11-21 · Heft 47 (21.11.1840) · p. Seite 676

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
4 (1840)
Issue
Heft 47 (21.11.1840)
Date
1840-11-21
Page
Seite 676 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3225119-3225167--03128-3312651
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

676~ das ihm gebührt, betteln gehen. Wenn man keine Waffen hat, sein Recht zu erkämpfen, so ist daö Schweigen wenigstens ein Schild, auf dem man ehrlich sterben kann. Ern edler Stolz wird sich auch nicht selbst zu vergolden und zu idealisiren suchen , damit ihm Recht werde, sondernsich binstellen mit seinen Fehlern und seinen Tugenden. Wer über sich selbst wahr ist, findet Glauben für Beides, für seine Licktso wie für seine Sckattenseiten. In diesem Sinne haben C. Maien und S. Frankenberg^ den ersten Jahrgang eines Taschenbuchs für die Kunde des jüdischen Lebens herausgegeben. Die meisten Beiträge entsprechen auch jener Ansicht; künftige Jahrgänge werden hoffentlich noch ein männlicheres Streben zeigen. Skizzen und Bilder aus dem jüdischen Leben der Gegenwart, so wie Anklänge aus der Vergangenheit des jüdischen Volkes bieten in diesem Taschenbuche viel Mannichfaltigkeit. Unter den Gedichten sind einige, die sehr sinnig find. Eine Novelle von Maien zeigt weniger Gestaltungskraft, als Humor und Reichthum an poetischent Gedanken. Eine Skizze von I)r. Heinrich Arndt ist sehr fein gezeichnet. 3) Die Posaune, von H. Harry. Die Herausgeber dieses ersten unter den diesjährigen Taschenbüchern verwahren sich im Vorworte gegen den etwaigen Vorwurf nationaler und religiöser Absonderung; sie wollen zu den Herzen ihrer GlaubenSbrüder reden, und nur von den Freunden und Verteidigern ihrer Sache gehört sein. Aus diesem Gesichtspunkte hat man also das Unternehmen zu beurtheilen. Es ist kein glühender Kampf für die Sache des 'Glaubens, keine Herausforderung an die Menschheit zur Anerkennung von Menschenrechten, was in diesem Buche vorkommt: die Herausgeber haben sich in den engen und ruhigeren Schranken dichterischer Produktionen auS der Geschichte ihres Volks und ihres Glaubens gehalten, harmlose und gemächliche Schilderungen ihrer Zustände gegeben. WaS einigermaßen aus diesen Schranken heraustritt, ist die Charakteristik Riesser's, dessen Porträt dem Taschenbuche sehr würdig voransteht.- Unter den Lyrikern zeichnet sich Carl Maien durch Wärme der Empfindung und rmist treffliche. Form auS. Der böhmische Dorfjude von Kaufmann ist charakteristisch und lebenvoll geschildert. S. Frankenberg schreibt in den „Briefen eines denkenden Kleinstädters" nicht ohne gute Beobachtung :c. — Außerdem finden sich zahlreiche Lieder, Legenden und Balladen, Novellen und Skizzen, unter welchen letztem sich noch David Isaak' von Dr. Arndt erwähnt werden muß. Das Taschenbuch, dessen äußere Ausstattung vorzüglich schön ist, kann im Allgemeinen recht sehr empfohlen werden, und wird ohne Zweifel auch genug Theilnahme finden. 4) Abendzeitung. Es war zu erwarten, daß in einer Zeitperiode, in welcher das Judenthum nicht nur seinem Interesse ausschließlich gewidmete, politische und belletristische Schriften und sogar periodische Blätter aus. dem breiten Strome der Literatur emportauchen sieht, auch die eine gleiche Tendenz verfolgenden Almanache nicht länger ausbleiben können. Mir dem „Ieschurun" wäre also der Anfang gemacht, und der durch sämmtliche Beiträge durchklingende Grundton, die Klage um Zion's Fall und über die blonden Judenfeinde , ist wohl geeignet, christliche Leser von dem Mitgenuffe des hier dargebotenen zu verscheuchen; während andrerseitauch anerkannt werden muß, daß auch die Schattenpartieen des öffentlichen und sozialen Lebens in Israel in dem hier gebotenen Bilderreiche von dem unbefangenen Auge nicht vermißt werden. In dieser Beziehung sprechen Referenten die sarmischen Seitenhiebe in Kaufmann'S „böhmischen Dorfjuden" und Fr an k e nb erg'S „Briefe eines denkenden Kleinftädter's" vorzugsweise an. Letzterer erwähnt der „Kalliko verkaufenden Kommerzicnräthe, die zum Weiterschreiten der Juden im sozialen und staatlichen Verbände nicht den mindesten Ratb geben," vergißt auch nicht der „doctorlichen Rabbinm der Neuzeit," rügt ihre Eitelkeit, die sich in dem Eifer, ihre Predigten drucken za lassen, kund giebt, so wie ihre Herrchr* lei, welche zwei Parteien, den Orthodoxen und Rationellen zugleich dienstbar ist; dann folgen;die ästhetischen Jüdinnen und CommrSvoyageurs der schonen Literatur, die vom Ladentisch aus das „Feuilleton" der Zeitschriften besorgen rc. — Das Porträt Gabr. Riesser's ist eine zierliche Beigabe rc. 5) Europa, von Aug. Lewatd. Die Idee dieses Taschenbuch'S findet leider in der unglücklichen Menge von Vorurtheilen, die noch gegen die Bekenner des Glaubens walten, Der zuerst die Menschheit zu einem großen und allmächtigen Gott sühne, ihre vollste Entschuldigung. So lange man von gewissen Seiten her eifrigst bemüht ist, die Juden um ih» rer treuen Anhänglichkeit an ihre Religion willen, zum guten Theile von den Segnungen auszuschließcn, die ein großes und freies Vaterland über alle feine Angehörigen verbreiten sollte, so lange werden sie gezwungen sein,, sich mit vollstem Vertrauen lediglich an ihre Glaubensbrüder, wenden , zu müssen, und vor einem Kreise, wo sie nicht befürchten dürfen, nicht verstanden und verspottet zu werden, die Leiden zu beklagen, . deren Abhilfe die Gesetzgebung vieler deutschen Staaten mit einer Halbheit und Lauheit betreibt, die ihr nichts weniger als zur Ehre gereicht. Ein Taschenbuch nicht religiösen Inhalts von Juden für Juden, während die Literatur unseres gemeinsamen Vaterlandes nur an Deutsche sich wenden sollte, ist eine bedeutsame Klage. Kann denn ein Land an Liebe so überreich sein, daß es Menschen, die in ihm geboren wurden, seine Sprache reden, die öffentlichen Lasten mittragen helfen, ziemlich muthwillig den Trost nimmt, sich auch ganz und ohne Einschränkung seinen Kindern beizählen zu dürfende. Es würde gewiß überflüssig sein, noch etwas zur Empfehlung des Taschenbuches hinzufügen zu wollen, indessen sei noch bemerkt, daß die wirklich prachtvolle Ausstattung desselben es ganz besonders zu einem willkommenen Geschenke eignet, so wie auch das im feinsten Stahlstiche ausgeführte Porträt Gabr. Riesser's dem Buche zu einer würdigen Zierde dient. So möge denn ein Unternehmen die nöthige Unterstützung finden, welches im Vertrauen auf dieselbe begangen wurde, und sie in jeder Hinsicht vollkommen verdient, und dessen allgemein gewünschtes Fortbestehen nur auf diese Weise gesichert werden kann! — Das Taschenbuch ist in allen Buchhandlungen für 2 Thlr. und Riesser's Porträt auf größeres Papier als Zimmerverzierung für 8 Gr. zu haben *). Leipzig im November 1840. L. Fort» •) Auch das vorige Stück der Mg. Zeit, des Judenth., welches mir so eben zükvmmt, enthält eine ausführliche Besprechung des Taschenbuchs, und wenn auch-der geehrte Herr Verfasser derselben den Maaßstab einer strengeren Kritik anlegen zu müssen geglaubt hat, so stimmt derselbe doch auch mit dem von so vielen ausgesprochenen Wunsche überein, daß das Unternehmen, da es „aus den reinsten Intentionen, aus den edelsten Absichten und der löblichsten Gesinnung entsprungen, und nicht ohne Talent und mancherlei Schmuck ausgeführt ist," Unterstützung finden möge, damit die Fortsetzung deyelben, bei welcher die Mängel, die an dem ersten Jahrgange aufzufinden sein dürften, leicht vermieden werden können, möglich gemacht werde. D. O. Druck von Z. B. Hirfchftld

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.