Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1840-05-30 · Heft 22 (30.5.1840) · p. Seite 519

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
4 (1840)
Issue
Heft 22 (30.5.1840)
Date
1840-05-30
Page
Seite 519 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3225119-3225142--02748-3312246
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

319 tete. Und die Ortsobrigkeit? — Nun, da haben Sie ein Pröbchen ihrer loyalen Gesinnung: Vor einigen Wochen wurde bei einem der Honoratioren ein geliebtes Kammermädchen vermißt. Auf gelegentlicher Verwendung wurde der strenge Auftrag ertheilt: man solle alles aufwenden, es noch vor Ostern ausfindig zu machen. Diesem höchsten, für Juden tiefkränkenden Aufträge wurde pünktliche Folge geleistet. Man forschte, kundschaftete, suchte, und am Ende fand man das Kammermädchen — in einem Bordelle, die Welt mit einem unehelichen Kinde beglückend! Und als man bei dieser Gelegenheit einer hohen Magistrats-Person ein bei der dortigen Gemeinde aufbewahrtes Attest von Papst Gregor, das ftrafdrohend untersagt, Juden mit so was zu behelligen, vorlegte, gab sie zur Antwort: ,, Ehrliche Leute bedürfen keines Zeugnisses!" Wissen Sie, daß in Tarnow unlängst eine Christin aussagte, Juden hätten sie lange in einem Keller eingesperrt gehalten, und ihr Blut abgezapft-. Auf diese Aussage hin fand eine polizeiliche Untersuchung statt, und es zeigte sich, daß dieses Weib beim Baue eines, einem Juden zugehörigen Hauses unglücklicher Weise verwundet wurde, und der Eigenthümer sie menschenfreundlich pflegte. Auf Anrathen des Arztes ließ man ihr auch, um Gefahr vorzubeugen, zur Ader. Daher die Aussage aus purer Dankbarkeit! — Es scheint wirklich, als hatte ein Dämon, neidisch auf unser sich als civilisirt ausschreiendes Säkulum, diese, dem Mittelalter angehörige Beschuldigung, aus dem Pfuhl der Vergessenheit herausbeschworen, um die Stichhaltigkeit und Oberflächlichkeit der sogenannten Civilisation zu erproben. Und wie mußte er ein höllisches Gelächter ausgestoßen haben, da es ihm unbestreitbar gelungen, sie zu Schanden zu machen! — Tages-Controle. Aus dem Ealenbergischen, d. 1. Mai. — Erster Artikel. — Ich kann mir die Verwunderung denken, welche ein Bericht aus dem Königreiche Hannover bei Ihnen erregen muß. Ihr erster Gedanke ist wahrscheinlich, daß man auch hier endlich angefangen habe, unsre Glaubensverwandten zu berücksichtigen, und wenn die Nothwendigkeit zu solchem Anfänge den Maaßstab gäbe, so würde diese Hoffnung Sie nicht in dem Grade täuschen, wie es leider der Fall ist. Es ist und bleibt hier Alles beim Alten, und mit gewiß zu billigendem Gefühle des Neides blicken wir auf unsre benachbarten Religionsgenoffen in Hessen und Preußen, für welche die Sonne bürgerlicher Freiheit immer glänzender sich erhebt, während hier unser Standpunct von einem Dunkel. umnachtet ist, welches, dem Anscheine nach, noch lange das ersehnte Morgenroth entfernt halten wird. Im verwichenen Monat legte die Regierung der allgemeinen Standeversammlung den Entwurf zu dem neuen Staatsgrundgesetze vor. Daß darin nicht zugleich die Verhältnisse der Juden auf erledigende Weise festgestellt sein würden, stand zu erwarten; wol aber gab man sich der Hoffnung hin, deren Reform, als nothwendig erachtet, darin erwähnt und einen besonder« Gesetzentwurf darüber angekündigt zu sehen. Wir wurden, wo nicht eines Besseren, doch vom Gegcntheil belehrt, und wenn ich den Paragraph, daß den im Staate geduldeten Confessionen freie Religionsübung und häusliche Andacht zustehe, ausnehme: so, findet sich auch nicht ein Wort in Beziehung auf die zehntausend israelitische Seelen, welche im Lande leben. Neues also, wenigstens in politischer Hinsicht, dürfen Sie in meinem heutigen Schreiben nicht erwarten; über das Bestehende aber will ich Ihnen Einiges berichten, wäre es auch nur, um zu zeigen, wie viel Grund wir haben, eine baldige Aenderung herbeizuwünschen. Mit dem Schutzverhaltnisse der Juden im Königreich Hannover und der daraus erwachsenden Abgabe ist noch der aggravirende Umstand verknüpft, daß einer großen Anzahl unter.ihnen dieser Schutz nicht auf lebenslänglich, sondern immer nur auf ein Jahr bewilligt ist. Mit jedem ersten Juli bedarf derselbe, freilich nur pro forma, der Erneuerung. Es ist vielleicht der Mühe werth, das Rescript, welches zu dem Ende alljährlich von den Landdrosteien an die königlichen Aemter ergehet und von diesen den israelitischen Gemeinden insinuirt wird, kennen zu lernen. Ich schreibe das vom letzter« Jahre hier ab, und um Jrrthümern vorzubeugen, wiederhole ick Jk»-- nen, daß es die Jahreszahl Eintausend achthunverr und neun und dreißig trägt. „Da vorkommenden Umstände« nach beliebt worden ist, die mit dem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.