Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1840-04-25 · Heft 17 (25.4.1840) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
4 (1840)
Issue
Heft 17 (25.4.1840)
Date
1840-04-25
Page
[Seite] (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3225119-3225137--02669-3312162
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Literatur. Archäologie. Homiletik. Der Chassidismus in Polen. Zweiter Artikel'). Von Julius Mareusson B . . . . . Haben wir nun die Prinzipien des Chassidismus, die drei geistigen Momente, erkannt, welche ihm das Dasein gaben und ausfüllen: so wollen wir diese nunmehrnach ihren ercentrischen und traurigen Wirkungen verfolgen, auf welchem Wege sie die bedaurungswürdigsten Wirkungen hervorriefen. Der Lichtseite des ersten Prinzips, nämlich der Hervorhebung der Persönlichkeit des Menschen, und des großen kräftigen Impulses zum bewegten Leben, den es den damals — zunächst in jenen Ländern — erstarrten Formen des Judenthums ertheilte, haben wir bereits mit Lob gedacht. Der Chassidismus hat zwar das Judenthum in Polen nicht vorwärts und zeitgemäß bewegt, aber er hat das unendliche Verdienst es bewegt, es aus seiner Erstarrung in feststehenden Ceremonien und Bräuchen, die ihm den geistigen Untergang droheten, aufgerüttelt zu haben. Diese Wahrheit findet man in den polnischen Provinzen so wol an Gemeinden als an Individuen bestätigt. Wo der Chassidismus reiner und intensiver sich erhalten hat, ja selbst )vo er in seinem Phanatismus, wenn nur mit aufrichtiger Selbstverläugnung, am stärksten sich zeigte, da erbrach auch früher die Morgenröthe einer schönen, ächten Aufklärung, weil der Gedanke nur mit dem Gedanken sich verbrüdert, weil die Idee nur bei demjenigen Eingang findet, der für irgend eine Idee lebt; weßhalb viele rühmliche Jünger der Wissenschaft öfter aus der Chassidischen Schule in Polen hervorgegangen sind. Es ist daher billig dem Bewegungsprinzipe des Chassidismus seinen Werth in einer Uebergangsperiode zuzugestehen, jedoch würde man wol Anstand nehmen müssen, ihn als künftiges stetiges Moment in einem rationellen Judenthume aufzunehmen,' schon darum weil er keine selbstständige reinvcrnünftige *) Erster Art. In No. 89—101. vor. I. Red. Tendenz hat, und nur vom mystischen Gangelbande der Kabbala sich leiten läßt. — So haben viele absurde Gebräuche , die selbst die spätesten Minhag schwangeren Rabbinen (wie nicht kannten, (wie die Nachtwachen am Schebuot (nir'iaw und Hokchanna rabba (ns-, «rnam V’V), ja zum Theil als pöbelhaft und talmudwidrig bezeichneten (wie dps miss) in der Chassivisch-religiösen Welt die größte theokosmische Bedeutung genommen. Welche Unzahl von niabi? ■’npvi sind nicht an die lächerlichen Einzelheiten dieser neugebackenen Mizwot geknüpft. Welche Bedeutsamkeit erhielt nicht jeder einzelne Geißelhieb des barbarischen Brauchs von Malkot-Schlagen! Hingegen andere uralte, von Talmud und Nation geheiligte, an sich bedeutungsvolle Gebrauche, wie jene der Erinnerung an den Fall Zion's geweihete Tag .(aixa won), der gewiß jedem fürNationalgefühl und Nationalehre nicht erstorbenen Herzen, noch immer bei erneuerter Wiederkehr verhängnißvoll entgegentritt, und es zu den wehmüthigsten Erinnerungen stimmt —haben bei den Chassidimkhre Bedeutung und Würde gänzlich.verloren, bloß dadurch weil sie in das kabbalistische System nicht gut passen wollten, ja oft nur im entgegengesetzten Sinne darin ausgenommen werden konnten; und so läßt sich es erklären, daß während des Vortrags der rührendsten Trauergesänge (a"na mrp) wo alle unsere ehrlichen Vorfahren Thränenströme vergossen, in den sogenannten Chassidischen Bethäusern der muthwilligste Scherz und die unanständigsten Schäkereien Statt finden. Auch das Fasten widerstreitet, als jede Depression, dem Chassidischen Ercitationsprinzipe, und daher wurden von ihnen viele Fasttage (wie ri'n ri'-aarai a'Ka) der Vergessenheit überliefert. Ueberhaupt bildet die Unterordnung der vernünftig religiösen Reform einem mystischen daher unvernünftigen Motive die Schattenseite des ersten Prinzips. Die Lichtseite des zweiten Prinzips ist an sich bedeutsam, verschwindet aber gegen seine Schattenseite. Allerdings findet mancher unglückliche Chassid in der Versichrung seines Zadik (Rebbi) die ermunterndste Hoffnung, und den besten 17"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.