Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 4 (1840)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1840)
- Date
- 1840-02-08
- Page
- Seite 88 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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88 systematisch bearbeitet zu übergeben nicht still. . Wir haben abermal drei Religionsbücher erhalten, deren verschiedenen Werth und Standpunkt wir kennen lernen werden. Ueber dir einzelnen Sätze des Glaubens und der Pflicht, über die Wahrheiten der Religion und des Lebens soll sich aber das lebendige und belebende Wort legen, und den Kern mit saftigem und gedeihlichem Fleische umgeben. Hat sich nun auch manche gewichtige Stimme mit vielem Rechte gegen die Ueberschwemmung der homiletischen Presse erhoben, die nicht, wie der Nil, Fruchtbarkeit zurückläßt, sondern. die klaren Bäche und Quellen nur ertränkt: so darf dieser Ueberdruß und diese Abneigung nicht allen ihren Produkten begegnen. Denn von der Predigt ist die erneute Begeistrung unsrer Zeit für den angestammten Glauben ausgegangen, von ihr wird sie erhalten und zu edlerm Sinne geleitet, und so müssen wir unter den Parasiten nicht den herrlichen Stamm vertrocknen lassen. Neben der Predigt wurzelt das Geber in demselben Boden. Was jene vom Standpunkte der allgemeinen Lehre, das soll dieses für das einzelne Menschenherz leisten: die Brücke zum Geisterreiche, die Leiter zu Gott. Das Gebet ist aber theils das gegebene, von der Synagoge sanktionirte, theils das neu und selbst geschaffene, das der gehobenen Seele eine Schwinge für sich anheften soll. Nun sollte zwar nur die gottbegeistectste, gebetreichste Brust sich unterfangen, der Seele des Staubgenossen das heiligende Wort zu leihen, nur die erhabenste Gesinnung sollte sich an dieses Allerheiligste wagen: aber der Zustande und Stufen der Einzelmenschen sind unzählige, und jede will ihre Befriedigung. Auch unsere hymnologische Literatur hat ihren Zuwachs erhalten. Unsere gegenwärtige Literatur fußet auf der der Vergangenheit. Das Leben des Geistes ist ein immerwährendes, wo sich ein Kreis in den andern verschränket und lehnet, eine Bahn aus der andern hervorgeht. In diesem Reiche darf nichts absterben, sofern es nur irgend Leben enthält, und das Kommende muß immer wieder das Gewesene und Seiende aufnehmen und sich aneignen. Nur dann brauchen wir das Geschaffene nicht wieder zu schaffen, und was vollendet und abgeschlossen ist, bleibt es für immer. Unsere Zeit hat das wesentliche Verdienst, neben der Bestrebung nach Neuem und Selbstgeschaffnem, neben der Sehnsucht nach fester Struktur und möglichster Um> bildung vorurtheilslos das Verdienst der Vergangenheit kritisch zu würdigen, und mit Freude zu nennen. So hat denn auch kein Zweig unsrer Literatur in jüngster Zeit so vielen Anbau erhalten, als unsre Literaturgeschichte, und man wetteiferte fast, bedeutende Werke alter Heroen wieder an's Licht zu ziehen. Neue Ausgaben, oder erste, Uebersetzungen und Kommentare, so manche wir auch schon unfern Lesern vorgeführt haben, harren noch unsres Winkes, auch in unfern Kreis einzutreten. Freilich fallt es auch hier auf, daß die umfassende Lichtung, daß die Bearbeitung in's Große noch fehlet, und nicht einmal für einzelne Literaturperioden etwas Erschöpfendes geschehen ist. Aber, wo das Streben noch neu und das rohe Material ungeheuer ist, wer darf klagen, daß sich die Arbeiter zuerst mit der Beschaffung und dem Behauen des Einzelnen begnügen, und vorsichtig warten, bis das Meiste brauchbar und der Riß wohl überlegt ist? Wo das Leben in frischen Wirbeln erwacht ist, da ist Kampf. Wo eine Wiedergeburt zu verjüngtem Dasein sich Raum schaffen will, da kommen die Instanzen und Momente in Streit, und das stetige Alte und das verwegene Neue stoßen vielfach auf einander. Thoren schütteln die altklugen Häupter, und vermeinen, der Boden wanke und die Säulen stürzen. Der Säemann muß die Erde verwunden, um seine Furchen zu ziehen. So ziehet sich auch durch unsre jüngste Literatur eine scharfe, bittere Polemik, die wir zwar von unserm Allerheiligsten zurückhalten wollen, die aber in den Außenhallen ihre Mannhaftigkeit darlegen mag. Schmach dem, der sein Theuerstes nicht vertheidigt! Schmach dem, der um eignen Nutzens oder gemeiner Leidenschaft willen das Schwert gegen das Theuerste Andrer zieht! Aber auch Schmach dem, der die bessere Erkenntniß feige in sich verschließet, um der Ruhe des Augenblickes willen, und mit dem, was ihm Gott in seinen Busen gelegt, nicht frisch in die lebendige Welt tritt, daß es dort wirke und Leben schaffe! Nur das Eine haben wir zu beschaffen, daß wir, soweit es möglich ist, die Persönlichkeit und die Gehässigkeit davon abhalten, und der Wahrheit stets das Recht geben. Aber auch nach außen bedarf es der Fürsicht und Rüstigkeit. Das Wort ist gegeben für Freund und Feind. Wir haben unser Heiligthum zu wahren, unsere Gerechtsame zu schützen und zu bewahren, den Lästerer zurückzuweisen, Angriffen zu begegnen, und den verständigen, rechtlichen Gegner zu überzeugen. Beide, Lästerer und Gegner, waren auch in der letzten Zeit nicht still, beide bedienten sich gegen uns des schimpfenden oder des entgegnenden Wortes, und es ermangelten nicht unsre Wortführer sich dem entgegenzustellen, um, wo möglich, es zu entwaffnen. Bedenken wir nun noch, daß es zu diesem großen Gebiete noch nahe, unentbehrliche Hülfsmarken giebt, daß Linguistik, Antiquitäten, Pädagogik ff. auch in unser Bereich greifen, und wir in sie, daß diese für unser geistiges Leben zum Theil von der praktischesten Wichtigkeit sind, und wir werden einsehen, daß es der Beharrlichkeit und Liebe bedarf, um hindurch zu gelangen, daß aber auch der Früchte am meisten hier zu pflücken und zu genießen sind. (Fortsetzung folgt.) Druck von I. B. Hirfchfeld,