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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1840-02-01 · Heft 5 (1.2.1840) · p. Seite 62

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
4 (1840)
Issue
Heft 5 (1.2.1840)
Date
1840-02-01
Page
Seite 62 (sequence 2)
Language
German
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62 Sie schlugen in ihre Hände, hoben sie ringend zum Himmel, und ließen sie dann auf die Brust fallen. Die Weiber seufzten laut. Die Stadt zahlt über 40,000 Einwohner, darunter 20,000 Juden, mit etwa 3500 Familien, welche 30 größere und 150kleinere Synagogen haben. In einer einzigen Straße zählten wir allein 20! Am Lage nach unserer Ankunft besuchten wir ein Dutzend derselben; viele der Andächtigen hatten dort die ganze Nacht im Gebet zugebracht: ihre, Augen waren von dem vielen Weinen ganz roth und geschwollen. Auch an diesem Tage waren alle Tempel überfüllt. Viele standen draußen und beteten, das Gesicht nach Jerusalem gekehrt; vor einer Synagoge bemerkten wir etwa hundert Frauen mit ihren Kindern, selbst den kleinsten, die in Wiegen lagen. Türkei. Im Archipelagus, Ende November. Je mehr Theilnahme das Schicksal der Juden in der Türkei, und im Oriente überhaupt in jüngster Zeit gefunden, desto mehr halten wir es für Wicht, die verschiedenen Berichte über sie zusammenzustellen. Je weniger man immer im Stande ist, die kundgegebenen Ansichten zu berichtigen, desto mehr müssen Berichte, im entgegengesetzten Sinne verfaßt, sich ergänzen und widerlegen. Folgende Stelle aus einem antitürkischen Berichte in der Allg. Augsb. Zeit, vom 11. Jan. unter obigem Datum, wird gewiß zu denken geben. „Eine vierte Nation, die in der Türkei zerstreut unter dem Scepter des Sultans lebt, bilden die Juden. Sie sind nicht allein Handelsleute, sondern nehmen im Ganzen eine in mancher Rücksicht mehr geachtete Stellung ein.' Wie die Armenier die Financiers und Bankiers der Türken sind, die Griechen ihre Secretäre und Dragomane, so sind die Juden hauptsächlich im Besitz der Zölle. Sie haben unter dem rohen unwissenden Volk der Türken nvthwendig eine geistig höhere Stellung zu behaupten. Auch sie werden, je mehr der Sultan europäische Kultur einführt, desto mehr ihrer Nationalität sich erinnern und desto mehr sich aus dem Gemisch der Bevölkerung der Türkei als eine besondere Nation ausscheiden, deren Einheit anfangs in der Idee bestehen , bald aber vielleicht auch räumlich sich darstellen wird. Es giebt schon unter ihnen selbst und unter den Christen manchen, der eine Erneuerung des jüdischen Reichs in Palästina in nicht ferne Aussicht stellt. Auch diese erwarten vom Jahr 1840 Außerordentliches. Jedenfalls wäre billig, daß man bei Regulirung der orientalischen Angelegenheiten, welche den Christen in der Türkei neue Garantien geben muß, sich auch der Juden erinnere und kräftig annehme." Die Hoffnung, die sich aus diesen Worten ergeben könnte, wird sehr herabgestimmt, wenn man die Grundansicht des Berichterstatters erwägt, aus der auch für die Juden die letzten Worte geflossen scheinen. Sie ist zu wichtig, als daß wir sie nicht den Berichterstatter selbst aussprechen lassen sollten: „Das ist überhaupt der Charakter der Auflösung des türkischen Reichs, daß die großen nationalen Individualitäten sich ihrer selbst bewußt werden, sich constituiren und sich aus dem haltlos gewordenen Gemisch aussondern. Die Türken haben das geistige und moralische Uebergewicht über ihre Unterthanen, die nichttürkischen, verloren, und werden es nie wieder gewinnen. Was immer der Sultan thue, mag er fortfahren auf seinem Wege der Reformen, oder mag eine Reaction eintreten, beides muß jene nichttürkischen Völkerschaften immer mehr zum Selbstbewußtsein bringen, und wie sie schon längst vorzugsweise das geistige Element in diesem faulen Körper waren, so werden sie je länger desto mehr durch geistige Uebcrlegenheit über ihre Herrscher sich erheben. Wie früher die kleinen nördlichen Staaten, wie dann Griechenland, wie gegenwärtig die arabische Nation sich ab- und aussondert, so werden wir noch andere Beispiele des „Unmöglichen" sehen, daß untergegangene Nationen wieder aufleben. Nämlich, sie waren nicht untergegangen, sie schliefen nur, und jetzt erwachen sie; sie waren eingesperrt, und jetzt kommen sie hervor aus ihrem Kerker. Der Sultan selbst, zu seiner eigenen Rettung — und dennoch zum Untergang seines Reichs — muß ihnen die verriegelten Worten öffnen. Seine letzte merkwürdige Proklamation der „Menschenrechte" beweist es. Ja, um sich und sein Reich zu retten, muß er nicht nur das mohammedanische Reich, sondern auch die mohammedanische Religion zerstören. So hat es eine allmächtige Hand geleitet."

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