Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 155 (27.12.1838)
- Date
- 1838-12-27
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3224856-3225012--01506-3311876- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ii. Z-h-g-ng. Allgemeine No. ISS. Zeitung des Zu-cnthrrms. Ein uupartheiisches Organ für alles jüdische Interesse. (Mit Königs. Sächsischer allergnädigster Concession.) Leipzig, den 27. December 1838. Zeitungsnachrichten. Petersburg, 30. Nov. Die Preuß. Staatszeitung meldet von hier aus: Se. Majestät der Kaiser haben am 11. Oktober, auf Vorstellung des Ministers des Innern und gemäß dem Beschlüsse des Minister-Comitö's, Allerhöchst zu befehlen geruht, den Hebräern, welche von unseren Akademien und Universitäten Diplome über den Grad von Doktoren der Medizin oder von Chirurgen besitzen, zu gestatten, daß sie in allen Neu-Russischen Gouvernements und in der Provinz Bessarabien, wo es ihnen nur erlaubt ist, einen beständigen Wohnsitz zu haben, im Medizinalfache in den Staatsdienst treten können, mit den im Allerhöchst bestätigten Reglement über die Hebräer vom 13. April 1835 angegebenen Rechten. Von der Russischen Gränze, 29. Nov. (Privatmitth.). Das großartige und großherzige Streben und Wirken Sr. Majestät des Kaisers, das sich auch insonoers den jüdischen Unterthanen zugewendet, ist hinlänglich bekannt. Daß aber in einem so unermeßlichen Reiche dennoch gegen diese so Mancher seinem Hasse Genüge thut, und seine Gewaltthat dann noch öffentlich beschönigt, geht aus Folgendem hervor. In einem Schreiben aus Petersburg N. 319 der Augsb. Allgem. Zeit, liest man: „Aus den Städten Nikolajef und Sebastopol sind neuerlichst aus administrativen Rücksichten alle Juden entfernt worden." Wer wird nun nicht begierig sein, die administrativen Rücksichten, die im neunzehnten Jahrhundert ein Exil der Juden nothwendig gemacht, näher kennen zu lernen? Hier sind sie. Die obgenannten Städte sind bekanntlich Schiffswerften. Der Oberaufseher der Schiffsbauten in Nikolajef war vor einigen Jahren ein edler, humaner Admiral, Lord G..., der aus Liebe eine getaufte Jüdin geheirathet. Diese Frau blieb, was nicht immer zu geschehen pflegt, auch nach ihrer Bekehrung ihren früheren Glaubensgenossen mit Liebe zugethan, und unterstützte dieselbe, hauptsächlich ihre Anverwandte, auf jede erlaubte Weise. Durch ihre Verwendung wurden Einigen Schiffsbau-Material-Lieferungen übergeben, wodurch sie in den Stand gesetzt wurden, ihren Unterhalt in Ehren zu erwerben. Da erwachte der Neid einiger Uebelgestnnten, und diese benutzten die Anwesenheit eines in der russisch-türkischen Schlacht schwerverwundeten Admirals, der im Hause des Lord G... Pflege und Wartung fand, die armen Juden zu verdächtigen, vorgebend, daß sie die Lieferungen zu spottniedrigen Preisen erschleichen. Der wiederhergcstellte Admiral berichtete, aus Erkenntlichkeit gegen seine Wohlthater, an einen höhern Ort, alle Fraubasereien und Klätschereien als evidente Thatsachen, welches die Abberufung des Lord G.und den Befehl, daß kein Jude ein Schiffsbau-Material-Lieferant sein dürfe, zur Folge hatte. Der dem Lord G... folgende Oberaufseher fand, trotz aller Mühe und Vergünstigung, keinen Christen zu diesem beschwerlichen Unternehmen bereit, welches er auch ohne Weiteres der Regierung kund that, hinzufügend: „Das Ausschließen der Juden wird die Kosten um so mehr vergrößern, indem Christen nur ihren Namen gegen billiges Honorar leihen, und Hebräer nach wie vor die eigentlichen Lieferanten bleiben werden." Was war das Resultat? Die Entfernung der Juden aus administrativen Rücksichten! — Nach dem Bishergesagten ist die im gedachten Schreiben in der Mg. Augsb. Zeit, erwähnte, den christlichen Handwerkern und Fabrikanten geleistete Zusichrung lOjahriger großer Begünstigungen einleuchtend genug. Warschau^ 12. Nov. Dem Journal de Francfort wird von hier aus geschrieben: „Seit einigen Jahren hatte die Verwaltung der hiesigen Israelitischen Gemeinde von der Regierung die Erlaubniß erhalten, ein Theater zu errichten, auf dem Vorstellungen in einem auS Hebräischer und Deutscher Sprache gemischten Idiom, däS mit Hebräischen Buchstaben geschrieben und von den meisten Deutschen und Polnischen Israeliten gesprochen wird, stattfinden sollten. DieS Theater, dessen definitiver Organisirung unzählige Hindernisse entgegenstanden, wurde endlich am vorigen Montag mit einem fünfaktigen Drama, „Moses," eröffnet, das theilS in Versen, theils in Prosa geschrieben und der erste dramatische Versuch eines jungen Schauspielers und ausgezeichneten Schriftstellers, des Herrn Schenspierer auS Wien, ist, der selbst die Hauptrolle darin spielte und dem die Leitung deS Theaters provisorisch übertragen worden. DaS Stück, in welchem man einstimmig gut gezeichnete Charaktere, mehrere im höchsten Grade dramatische Situationen und eine Sprache findet, die zuweilen an die erhabene Einfachheit der Bibel erinnert, ist mit großem Beifalle ausgenommen worden. Der junge Verfasser wurde dreimal gerufen und mit einstimmigem Beifall empfangen. Auf dem Israelitischen Theater haben schon drei Vorstellungen stattgefunden. Das Publikum besteht natürlich im Allgemeinen auö Juden, doch hat man auch viele fremde Christen und eine ziemlich große Anzahl ruffischer Offiziere, und unter diesen den General Berg, General- Quartiermeister der Armee, bemerkt, der einer der vorzüglichsten Beschützer dieses Theaters sein soll, dessen Errichtung bereits mehrere Familien aus Brody, Lemberg, Berditscheff und Krakau bewogen hat, den Winter in Warschau zuzubringen. Herr Gersten-