Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 146 (6.12.1838)
- Date
- 1838-12-06
- Page
- Seite 590 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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590 Ein Literatnrbricf. (Fortsetzung.) Soll ich Ihnen mit wenigen Worten das Charakteristikum -er gegenwärtigen Lebensbcwegung in der jüdischen Literatur bezeichnen, so ist.dies: der Kampf des Schaffens an dem Gegebenen, des Werdens mir dem Langstfertigen. In der verschiedenen Befriedigung dieses Kampfes find allein die verschiedenen Tendenzen und Färbungen der Zeit motivirt. Sic muffen mich recht verstehen; dieser Kampf ist nicht der Kampf der Parteien, die wir erst sagen können, wenn wir diese selbst begriffen haben: eS ist der Kampf, der in jedem Einzelnen, selbst der konservativen Partei, stattfindet. — Auf jedem andern ^menschlichgeistigen Gebiete kann man einmal das Alte, daS Langstgültige hinter oder von sich werfen, kann man, mit mehr oder weniger Glück, an die vollständige Schöpfung eines Neuen, an den Aufs -bau eines neuen Gebäudes schreiten, sei es auf der Statte des alten, dessen Trümmer man weggeräumt, sei cs auf einem neu aufgefundcnen Bauplatze, den man sich dazu geebnet har. Ja, wo ist eine Wissenschaft, in der die neuere Zeit dies nicht versucht, dick nicht gethan har? So hat Rousseau einen neuen Staat in seinem contrat social zu schaffen versucht, indem er einen ganz neuen Grund warf. So hat Kant die Philosophie umgcschaffen, indem er durch eine neue Untersuchung der Gesetze des Denkens, sie zu fondiren sich bemühte. Anders ist es mit dem JudeiNhume. Das Judenthum ist ein Gegebenes. Das Judenthum ist Offenbarung. Das Judentum ist kein Abstraktum, das man von Neuem schaffen kann, es ist ein Conkretum. Ein neues Judenthum schaffen wollen, ist ein Widerspruch in sich. Man kann sich eine Religion, eine Philosophie, ein System schaffen, aber ein Judenthum nicht, weil Judenthum ein Längstgeschaffenes, ein LängstvorhandcneS ist. Aber der Geist des Schaffens ruhet nicht im Menschen. Er ist ihm eingeboren, er ist das o-eouov $u<fvTov der alten Natur- Philosophen. Er kann in ganzen Geschlechtern schlummern, die sich höchstens mit der Ausschmückung und Beleuchtung deS vorhandenen Bauwerks, in dem sie friedlich wohnen, beschäftigen und freuen. Aber er erwacht immer wieder, und dann mit erneuerter Kraft, mit verdoppelter, je länger er geschlafen. Und wenn er erwacht ist, ist er nimmer zurück zu halten, nimmer zu fesseln. Mit der ganzen Schnellkraft des menschlichen Bewußtseins tritt er auf. Webe, wenn man ihn bannen will. Dann wird, er zum zerstörenden Dämon, der die Fackel der Zwietracht und Zerstörung anzündet, und sie schleudert in das Haus, in den eigenen Mutterschoß! Und er soll nicht verschluunnern. Denn ohne ihn ist es todt und düster in der Menschenwelt, und keine Freude ist ohne ihn. Dieser Geist des Schaffens, wenn er erwacht ist, stößt auf das Vorhandene. Kann er sich dessen bemächtigen, kann er cs gewaltigen, ist ihm die Macht darüber gegeben, so wird er es zerlegen, auseinanderbreiten, und aus den Materialien, die er teils daraus, theils selbst gewonnen, ein neues Bauwerk aufführen : wir haben das herrlichste Schauspiel dessen, was Menschenkraft vermag. Stoßt er aber auf das Gegebene, stößt er auf solches, dessen Kern, dessen Innerstes ein Göttliches, ein Unveränderliches, so mag er zwar anfänglich zurückprallen von dem Urfelscn, den er nickt zu zerstören vermag, aber er wird wiederkehren, und an demselben zu arbeiten, zu hämmern und zu schmieden beginnen. Da spinnet sich dann eine lange Thätigkeit und Anstrengung, ein langer Kampf aus, denen Ende lange nicht abzusehen ist. — Warum? Ist es nicht Frevel, ist cs nicht menschlicher Uebermuth, der sich wider daS Göttliche aufzulehnen sucht? Weiß er dies nickt? Wohl kommt auch dieser Geist des Schaffens, wenn auch nicht gleich., zu diesem Bewußtsein — aber er geht von der Ansicht aus, daß, indem auch das Göttliche vor de« Augen der Menschen der Form bedarf, des Gewandes, gerade darum aber diese Form, dieses Gewand den jeweiligen Bedürfnissen aller Zeiten angemessen sein muß, sie nur Zeitliches und Menschliches am Göttlichen sind, und wandelbar. Da will nun der Geist des Schaffens hineindringen, und auffinden, wie weit sich daS Menschliche um das Göttliche gelegt, wo die geheime Grenz- und Scheidelinie sei, um des Ersteren sich bemächtigen zu können, das Letztere unangetastet zu lagen. Und weil nun eben diese Grenzlinie eine geheime ist, weil bei der Vermahlung des Menschlichen mir dem.Göttlichen kein 'Protocotl, kein NotariatSzeugniß ausgenommen worden, darum wird der Geist des Schaffens in den Menschen uneinig, und jeder Einzelne kämpft den Kampf in sich. Dies ist der Kampf des Schaffens mit dem Gegebenen oder an dem Gegebenen, den ich Ihnen als daS Charakteristikum der gegenwärtigen Lebenöbewegung in der jüdischen Literatur bezeichnet habe. Mendelssohn reprasentirt nicht die neuere Zeit im Judenthume. Mendelssohn war nicht im Judenthume concentrirt, er hatte zwei von einander gesonderte Gebiete, die er in Unabhängigkeit von einander hielt: Philosophie und Judcnthum. In der erstem genügte er dem Geiste, des Schaffens, der in ihm wach geworden. Mendelssohn war aber das Instrument, durch welches sich die neuere Zeit loslöfete. Mendelssohn brachte das Judenthum wieder zu seinem eigenen Bewußtsein, und das war eben das Erwachen des Geistes des Schaffens, wenn auch noch nicht seine Thätigkeit. Es war also ein ganz richtiger Instinkt, der jene polnischen Rabbinen den Mendelssohn abweisen ließ, wenn er auch noch ganz unschuldig im Judenthum war. Sie fühlten, daß er das geburtöhülfliche Werkzeug einer neuen Zeit sei, wenn auch diese noch nicht selbst. Als nun der Geist des Schaffens im Judenthum erwacht war, und sich auf dasselbe warf, da prallte er von ihm, wie von einem Granitfelsen, zurück, und fand noch keinen Anhalt. ^Da geschah es, daß die ungeübten Männer versuchten, neben dem hochragenden Gottesfelsen eine eigene kleine Hütte aufzuschlagen, in der sic wohnen könnten mit Behaglichkeit. Es war jener inhaltslose Deismus, der sich aus den Bauhölzern der Begriffe deS gemeinen Menschenverstandes, der nackten, schwachathmigen Prosa eine Wohnstätte baute. Was von Offenbarung, von der heiligen Schrift darin gesprochen wurde, damit war es ihnen kein Ernst, kein Herz, eine ledige Gewohnheit, die sie nicht ablegen mochten. Tradition und Geschichte waren ihnen hohle Klänge, in denen sie kein Verständnis fanden. Friedlander und seine Anhänger sind die Heroen dieser Zeit. Sie ignonrten den Fels, in dcffewSchatten sie ihr Nest geklebt. Sie glaubten ihn im Schwinden. Täuschen wir uns nicht. Eben weil sie sich nicht über den Staub der Straße wagten, ist der Haufe ihrer Nachfolger noch sehr groß. Ihre Zeit ist noch zu nabe. Nicht jener hirnlose Haufe, der nur den Namen des Judenthums trägt, und in materielle Befriedigung versunken ist. Wohl aber die große Zahl derer, welche, gehoben von einer gewissen Weltbildung, -verfeinert durch sachliche Kenntnisse, durch einen umfassenden Geschäftsbetrieb, den geringen Hauch des religiösen Geistes, der in ihnen weht, durch die feilen Brocken der gewöhnlichen, allgemeinen Begriffe gefriedigt und aufgefangen hatten, und weil das Judenthum diese eben auch und ungetrübter in sich faßt, es genugsam und ganz in ihnen zu haben glauben, und ein Judenthum, das mehr hatte, verachten. Da diese aber so außerhalb der Wirksamkeit und Wechselwirkung der jetzigen Zeit im Judenthume stehen, können wir sie da stehen lassen und hiermit abgethan haben. (Fortsetzung folgt.) Redactcur: Dr. L. Philippfou. — Verlag von BarrmgärtuerS Drrchharrdlrmg. — Druck von Z. B. Hirfchfeld.