Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 50 (8.12.1885)
- Date
- 1885-12-08
- Page
- Seite 805 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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805 Aeuit Moses ßenetoct und Christian GotLiied Schick. Wer den Jahrgang 1852 dieser Ztg. Nr. 32, S. 387 auffchlägt, liest, daß am 11. Juli jenes Jahres durch die Straßen von Stuttgart ein Leichenzug sich bewegte, welchem lausende von Theilnehmern anwohnten. Es wurde einem Manne die letzte Ehre bezeugt, der nicht blos als Geschäftsmann, sondern auch durch seine rege Förderung der Kunst und seine außergewöhnliche Wohlthätigkeit sich die allgemeine Achtung erworben hatte. Mau brachte den Banqier Moses Benedict zu seiner letzten Ruhestätte, nachdem er bis zu seinem 81. Lebensjahre ein arbeitsvolles und segensreiches Leben vollbracht. In diesen Tagen nun, und deshalb kommen wir darauf zurück, veröffentlichte die „Schwäbische Kronik" in ihrer Sonntagsbeilage vom 15. November sechs Briefe des seiner Zeit vielgerühmten Malers Christian Gottlieb Schick an Moses Benedict, welche sich im Nachlaffe des Postdirectors von Scholl vorsanden. Schon 1803 gab A. Haakh in seinem Buche „Beiträge aus Württemberg zur neueren deutschen Kunstgeschichte" eine Sammlung von Briefen dieses Meisters heraus. Die jetzt veröffentlichten Briefe an Moses Benedict haben aber einen besonderen culturhistorischen Werth, nicht blos, weil sie uns einen recht klaren Einblick in die Entwickelung dieses Malers gestatten, sondern auch weil sie ein Zeugniß der innigen Freundschaft abgcben zwischen ihm und Moses Benedict. Der Letztere war im Fahre 1772 in Stuttgart geboren, Sohn eines tüchtigen Geschäftsmannes. Er wurde 1785 als Stadtschüler in die Karlsschule ausgenommen mit der Bestimmung zur Bildhauerei. Auch sein älterer Bruder Seligmann Löw Benedict trat als Stadtschüler unter die Kunstzöglinge der Karlsschule ein. Beide aber kehrten später zu dem väterlichen Stande zurück und führten mit einander das angesehene Bankgeschäft Gebrüder Benedict. Moses starb am 8. Juli 1852. Jener Schick war der Sohn eines Stuttgarter Schneidermeisters und Weinschenks, geboren 1776. Er kam 17ü7 in die Karlsschule, wurde vom Maler Hetsch und dem Bildhauer Dannecker unterrichtet, ging 1798 nach Paris, kam 1802 nach Stuttgart zurück und ging im Herbste desselben Jahres nach Italien. Später zurückgekehrt, verstarb er am 7. Mai 1812. Schon vom Knabenalter her waren Schick und Moses Benedict durch herzliche Freundschaft verbunden und es wird erzählt, daß Letzterer seinem Freunde, der frühzeitig großes Talent für die Malerei bekundete, von seinem Taschengelde die ihm nöthigen Farben kaufte. Diese Freundschaft währte durch das ganze Leben. Wer die Berhältniffe der Juden in jener Zeit erwägt, wo sie auch in Württemberg nur als „Schutzjuden" und unter den drückendsten Beschränkungen teton. lebten, wird mit einigem Verwundern von diesem Geiste lesen, der für die Kunst im Hause des alten Benedict lebte und von der innigen Freundschaft zwischen den beiden Knaben, Jünglingen und Männern. Auch hierin liegt ein Beweis, wie sehr sich bereits zur Zeit Mendelssohn's und vor der Wirksamkeit desselben die Bildung einen Weg in die Häuser und Herzen der Juden gebahnt hatte, und daß die Freundschaft zwischen Mendelssohn und Lesfing selbst in jener Zeit nicht das einzige Beispiel war. Wir wünschen lebhaft, daß ein berufener Forscher all' das zerstreute Material sammelte und darstellte, welches die geistigen Zustände der Juden in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in das rechte Licht stellt, und da würden diese sechs Briefe Schicks nicht fehlen dürfen. Für uns an dieser Stelle haben sie nur insofern Jntereffe, als sie von der Freundschaft zu Benedict und deffen Persönlichkeit einige Kunde geben. Der erste Brief Schick's — bedauerlicher Weise sind die Briefe Benedict's verloren gegangen — ist datirt aus Stuttgart den 20. Februar 1797, als die Freunde schon das 20. Lebensjahr überschritten hatten. Benedict weilte damals in Neustadt an der Linde. Schick hatte ein Geschenk von seinem Freunde erhalten und bedankt sich dafür in humoristischer Weise, berichtet ihm über seine Arbeiten und bittet um baldige Antwort. Der zweite Brief ist bereits aus Paris geschrieben vom 2. Nov. 1798. Schick schreibt hier: „Lieber guter Freund! Wie ich vermuthe, zürnest du ein wenig, und würdest dich, wäre ich diesen Augenblick bey dir, über Kälte beschweren; Glaube aber das um aller Heiligen willen nicht, sondern sei versichert, daß ich dich, liebes Lsneäietls! nächst meiner Famillie, am ersten vor allen übrigen Menschen im Andenken behalten werde; ich denke 1O0mal an dich, wünsche dich lOOOmal zu mir. Ich sehe, was du mir warst, sehe was du mir seyn könntest, und muß dich entbehren, weiß auch nicht, ob ich dich je wieder sehen werde, es wird mir recht schwer, daran zu denken. Ich habe Bekannte angetroffen, aber sie sind nicht nach meinem Sinn." Weiterhin: „Ich bin schon so begierig, wie es dir wohl wirklich geht; schreibe! nur alles recht weitläufig, ob du mahlst, ob du sonst Geschäfte machst, wie es mit deiner Gesundheit geht, ob du I zufrieden bist; ich möchte gar zu gerne diese Zeit erleben, wo du mit eigener Ueberzeugung zu mir sagtest, ich bin zufrieden." Bon den Parisern ist er nicht entzückt und schildert sie von ihrer frivolen, ja liederlichen Seite. „Ach," schreibt er, „ich sehe mit Vergnügen in die vergangenen Tage zurück; hier fehlt mir ein Mensch, der mit mir sympathisirt,! mit einem Worte ein Lerwäiotte! Könnten wir doch die | ^0^ ausführen, die wir manchmal in glücklichen Stunden! gemacht haben, zusammen in der Schweiz ein Landhaus zu