Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 46 (10.11.1885)
- Date
- 1885-11-10
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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"Allgemeine Zeitung des Zudenlhums. Ein unparteiisches Organ für alles indische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 1») und Oesterreich bei allen . Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Bonn. GXpeörtron: Leipzig, Woßpkcrh 18. In redactionellen Angelegenheiten 1 wende man sich an vr. Philippson in I Bonn direct, in allen übrigen an die Berlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.> sind gleichfalls an letztere einzuscnden. 49. Jahrgang. Leipzig, den 10. November 1885. JVo. 46. Inhalt. Leitende Artikel: Die Propheten und das mosaische Gesetz. — Ter Bankerutt des Antisemitismus. VEH. — Petersburger Briefe. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Bonn, Danzig, Bielefeld, Guesen, Landau. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Lemberg. — Rumänien: Bukarest. — Italien: Rom. — Großbritannien: Cambridge.. — Bonn: Notizen. — Fenilleton: Correspondenz. Ort» trat.! Bonn, 3. November. Die Propheten und das mosaische Oesei;. i. Bor Kurzem hatten wir einmal wieder Veranlassung, jene Theorie moderner Radikalen zurückzuweisen, welche das Judenthum vom „mosaischen Gesetze", d. h. doch vom Mosaismus loslösen und auf die Propheten beschränken will. Abgesehen von Anderem, machten wir den Einwand geltend, daß die Propheten selbst auf dem Boden des mosaischen Gesetzes stehen und ohne den Mosaismus garnicht verständlich sind. Wie könnten wir wohl die, den Hauptraum der prophetischen Bücher ausfüllenden Strafredcn und Strasverkündigungen auf den von Israel vollbrachten Abfall von der Gotteslehre und dem göttlichen Gesetze verstehen, wenn nicht der Bestand dieser Gotteslehre und Gesetze und die Verpflichtung Israels auf dieselben seit langer Zeit vorausgesetzt wird? Wir wollen heute nicht einmal das Moment betonen, welches uns allerdings das wichtigste scheint, nämlich daß sämmtliche Propheten in der Anschauung übereinstimmen und von ihr ausgehen, daß die Erkenntniß des einzigen Gottes, des Schöpfers der Welt und aller Creatur. des Lenkers aller Geschicke, des Richters aller menschlichen Handlungen, zugleich die Quelle aller Sittlichkeit ist und die einzig richtigen sozialen und politischen Grundsätze abgiebt, und daß der Abfall zum Hcidcnthume und die Nichterfüllung der göttlichen Gebote die sittliche Entartung und die soziale Versunkenheit und hiermit den Untergang für die Menschen, die Völker und besonders Israel herbeiführt, daß jedoch die Umkehr und reuige ernsthafte Befferung und damit die Läuterung und Wiederherstellung stets offen steht; eine Uebereinstimmung, welche unwiderleglich auf eine gemeinsame Wurzel, auf einen festen gemeinsamen Untergrund, d. i. auf die mosaische Lehre und das mosaische Gesetz hinweist. Begegnen wir doch bei den Propheten überall die mosaischen Ausdrücke: „In seinem Wege wandeln, seine Gesetze üben, seine Rechte wahren" u. s. w., welche zweifellos eine alte Verkündigung dieses Weges, dieser Gesetze und Rechte erweisen. Kann man doch Niemandem den Abfall von einer Lehre, von einem Gesetze und Rechte vorwerfen und zur Ursache der Bestrafung machen, wenn ihm jene nicht schon in der Vorzeit verkündet worden und in vielfacher Uebung gewesen wären. Aber wir begnügen uns niemals gern mit dem Allgemeinen, sondern suchen stets dasselbe durch Thatsachen und Beispiele zu erhärten. Wir wollen uns deshalb bei den Propheten selbst umsehen und wählen hier zunächst Ezekiel, weil dieser wohl am öftersten aus das mosaische Gesetz hindeutet und weil hierdurch erwiesen wird, daß das mosaische Gesetz und seine Uebung von den aus Jerusalem nach Babel Weggcführten mit dahingebracht wurde, wenigstens von dem getreuen Theile des Volkes. Schon bei Beginn seiner Prophetie (4,14.) heißt es: „Da sprach ich: „Ach, Herr, Ewiger, siehe, meine Seele ist nie verunreinigt worden, Gefallenes und Zerriffenes habe ich nicht gegessen von meiner Jugend an bis jetzt und Fleisch des Greuels ist nicht in meinen Mund gekommen." Einen 46