Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 38 (15.9.1885)
- Date
- 1885-09-15
- Page
- Seite 608 (sequence 8)
- Language
- German
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608 Schüler und Schülerinnen der beiden oberen Klassen der städtischen Volksschulen, sowie die Lehrer und Lehrerinnen dieser Schulen; hierauf die Magistratsbeamten, von denen drei reich mit Blumen und weißseidenen Bändern garnirte Palmenzweige trugen; vor dem Sarge ein Mitglied der uuiformirten Compagnie des Landwehrvereins auf einem Kiffen die Orden des Verstorbenen tragend. Neben dem Leichenwagen gingen zu beiden Seiten die zahlreichen Magistrats- Unterbeamten mit Marschallstäben und Palmenzweigen. Dem Leichenwagen folgten nächst den männlichen Leidtragenden die Mitglieder des Magistrats und der Stadtverordnetenversammlung, die Lehrer der Realschule, Ober-Präsident v. Günther, Consistorial-Präsident v. d. Groben, sowie zahlreiche Mitglieder des Regierungs-Collegiums, General-Landschafts-Dircctor Staudy, Polizei-Rath Schön, Bürgermeister a. D. Herfe, Generalarzt Dr. Henrici, die Mitglieder der Pofener Handelskammer, die Mitglieder der israelitischen Brüdergemeinde, welcher der Verstorbene angehört hatte, sowie alle die zahlreichen anderen Personen, welche dem Verstorbenen die letzte Ehre erwiesen. Den Schluß machte eine Reihe von über 40 Equipagen, in denen zum Theil die weiblichen Leidtragenden saßen, eine dieser Equipagen war ganz mit Kränzen gefüllt. Auf dem israelitischen Friedhöfe an der Breslauer Chaussee wurde der Sarg vor der Halle niedergesetzt, dort vom Rabbiner Dr. Bloch (bei der israelitischen Brüdergemeinde) die ergreifende Trauerrede gehalten, und alsdann der Sarg ins Grab versenkt. Die zahlreiche Betheiligung von Angehörigen aller Confessionen und Stände an der Beerdigung ist der beste Beweis, welche hohe Achtung und Liebe sich der Verstorbene durch seine langjährige selbstlose Wirksamkeit erworben hat. — Herr Rohr war in der vorigen Woche hier und hat sich entschlossen, zu den früheren 300,000 M. noch weitere 100,000 M. für das in Bojaworow zu gründende Lehrer- Seminar zu bewilligen, so daß er nun 400,000 M., sowie ein großes Haus mit Garten und Grundstück dazu gicbt. Die Sachen sind bereits einem Rechtsanwalt zur Bearbeitung für die Regierung übergeben. Königsberg i. Pr., 1. September, lieber die Ausweisung russischer Staatsangehöriger in Königsberg lesen wir in der neuesten „Königsb. Hart. Ztg.": Die Ausweisung Nichtdeutscher, namentlich von Russen, nimmt jetzt auch in unserer Stadt anscheinend einen solchen Umfang an, daß nicht bloß die Gemüther der Betroffenen dadurch in hohem Grade erregt werden. Personen, die hier seit Jahren, oft sogar seit Jahrzehnten eine durchaus loyale und friedliche Existenz fristen, auch im Besitze der vollgiltigstcn Legitimationen sowie ausreichender und wohlfundirter Existenzmittel sind, werden angewiesen, unsere Stadt zu verlassen und über die Grenze in ihre Heimath zurückzu kehren. Aeltcrc Damen, welche von ihren Zinsen leben, Kinder, z. B. ein russisches Waisenkind, welches hier in dem Dr. Kosch'schen (jüdischen) Waisenhause erzogen wird, ohne daß zu befürchten wäre, es würde jemals der Stadt zur Last fallen, vor allem aber zahlreiche Kaufleute mit soliden Geschäften, wie viele schon Jahre hindurch etablirte Handwerker werden dadurch betroffen. Wir hören von etwa 500 Ausmeisungsordres des hiesigen Polizeipräsidiums, und man berechnet die Zahl der ausgcwiesenen Personen auf etwa 1500 Köpfe. Wer unsere Handelsbeziehungen mit Rußland kennt, weiß, wie oft russische Händler und Vermittler für das hiesige Geschäft geradezu unentbehrlich sind, daher hat sich auch die Aufregung seit einigen Tagen ganz besonders unserer Handelskreise bemächtigt und das Borsteheramt der hiesigen Kaufmannschaft bereits gestern eingehend mit der Frage beschäftigt, was geschehen könne, um diesen neuen Schlag noch nach Kräften abzuwcnden. Auch aus den Kreisen der städtischen Behörden erfahren wir Aehnliches. Wenn gleichzeitig 500 Wohnungen und diese zum größten Theil in demselben Stadttheil miethsfrei werden, so iverden die betreffenden Hausbesitzer nicht bloß für den Augenblick geschädigt, und kann es an dieser Stelle der Stadt leicht zu einer Hypotheken- und Häuserkalamität kommen. Auch der Ausfall an Communalsteuer ist für die Stadtverwaltung gar nicht zu unterschätzen. Bromberg, 31. Aug. Von hier wird der „Pos. Ztg." geschrieben: Die Zahl der Ausgcwiesenen beträgt in der Stadt gegenwärtig einige 40. Unter denselben befinden sich eigentliche Polen gar nicht, sondern meistens deutsche oder jüdische Familien. Zu letzter» gehört ein hiesiger Klempnermeister, ein in seinem Fache sehr intelligenter und rühriger Mann, weshalb ihm auch viele Bauarbeiten von Behörden übertragen worden sind. In Anbetracht des Umstandes, daß er noch viele Lieferungen :c. hat, ist ihm eine Frist bis zum nächsten Jahre gewährt worden. — Ein Wurstfabrikant mit polnischem Namen, sonst aber ein Deutscher, muß ebenfalls fort, ebenso seine Frau, die er hier vor einigen Jahren gcheirathct hat. Einen Eisenbahnbureau-Asfistenten, welcher als Zeichner in einem Bauburcau der Ostbahn beschäftigt ist, hat ebenfalls das Schicksal, als russischer Uebcrläufer ausgewicsen zu werden, ereilt. Als Knabe von 7 Jahren kam derselbe mit seiner Mutter herüber nach Preußen; er besuchte das Gymnasium bis Prima und widmete sich dem Baufache. Als er militärpflichtig wurde, beantragte der junge Mann seine Naturalisation. wobei er gleichzeitig erklärte, sein Jahr als Freiwilliger abzudienen. Sein Gesuch wurde abgelehnt, auch spätere Gesuche um Naturalisation waren ohne Erfolg. Der junge Techniker hat zwar einen polnischen Namen, ist aber ein guter Deutscher. Sein Bruder, der in Berlin Medicin studirt, ist schon vor einiger Zeit der Ausweisungsmaßregel