Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 141 (24.11.1838)
- Date
- 1838-11-24
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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II. Jahrgang. AUZkMkMk No. 141. Zeitung des Zudcnthums. Sk» unpartheiisches Organ für alles jüdische Interesse. (Mit KSnigl. Sächsischer allergnädigster Conceffion.) Leipzig/ den 24. November 1838. Zeitungsnachrichten. Paris, 27. Okt. (Fortsetzung des Aufsatzes über Salvador.) Ich gestehe übrigens, daß, so erfinderisch, so wahrscheinlich auch, wenn man will, die Vertheidigungsrede ist, welche Herr Salvador zu Gunsten der Pharisäer und des jüdischen Rathes halt, es mir doch sonderbar vorkommt, daß derjenige, welcher alles Unrecht hatte, unter andern auch das Unrecht, sich an das Kreuz schlagen zu lassen, die Kunst besessen hat, sich durch das ganze Weltall Recht zu verschaffen. Wir sind ein wenig weit von der Zeit entfernt, wo die Kreuzigung Christi stattgefunden hat, um strenge über die Form seines Processes aburtheilen und um genau wissen zu können, was in den Herzen derjenigen vorging, die ihn verdammt haben; auch verlange ich eben nicht seine Rehabilitation. Mir scheint, daß er sich selbst genugsam rehabilitirt hat. Man revidirt solche Processe nicht. Herr Salvador weiß sehr wohl, daß, so achtbar auch die Formen sind, eine Zeit kommt, wo sie dadurch, daß sie veraltet und den Bedürfnissen und dem Geiste der * Generationen, auf denen sie lasten, nicht mehr angemessen sind, nur noch eine gesetzmäßige Heuchelei, ein ordnungsmäßiges Mittel des Verbrechens und der Unterdrückung werden, und die Leidenschaften, denen sie zur Maske dienen, nur noch gehässiger machen, statt sie zu entschuldigen. Gerade diese gesetzmäßige Heuchelei, dieser Aberglaube der Form ist es, welchen Jesus Christus den Pharisäern vorwirft. Nie ist das Abstoßende der Form, wenn der Geist, der sie verschönte, von ihr gewichen ist, besser charakterisirt worden, als durch den Ausdruck „übertünchte Gräber," welchen Jesus Christus auf die Pharisäer anwendete. Ich will hier nicht den Gelehrten spielen; nichts wäre mir ungelegener. Aber ich lese das Evangelium, und die Porträts, welche ich darin von jenen Gelehrten entworfen sehe, welche sich über die Sylben des Gesetzes streiten, und Gott mit Worten und Spitzfindigkeiten abspeisen, scheinen mir so voller schlagenden Wahrheiten, daß ich leicht begreifen kann, -warum die Welt hartnäckig Christus Recht gegeben hat. Und dann, noch einmal, hat man Unrecht, so verbleibt es ewig Unrecht. Wenn es wahr gewesen wäre, daß die Juden wohl daran gethan, Christus an's Kreuz zu nageln, so wäre das Kreuz -geblieben, was es war, das schimpflichste aller Werkzeuge zur Todesstrafe. Alle Kunstgriffe der Apostel hätten nicht gefruchtet, die Welt für einen Sektirer und Empörer einzunehmen, und schon lange würde man die Leidensgeschichte nicht mehr lesen. Ich meines Theils glaube nicht, daß man mit Taschenspielerkünsten ein großes und langes Glück haben könne. Alles laßt sich auf eine einzige Frage zurückführen: Ware es ein Glück für die Masse der Menschheit gewesen, wenn es den Juden gelungen wäre mit Jesus Christus auch seine Lehre zu tobten? Wenn ich .mich nicht irre, so würde Herr Salvador mit mir antworten: Nein! Ich würde ungerecht sein, wenn ich hier nicht hinzufüge, daß Herr Salvador diese dornigen Fragen mit aller Mäßigung und allem möglichen Ernste abhandelt, und daß er ein sehr höflicher, sehr würdiger Gegner ist, von der sorgsamsten Rechtschaffenheit. tm sieht sogar, daß Herr Salvador, und dafür weiß Dank, eine innere Angst, eine Art delicater Schamhaftigkeit empfindet, den Glauben und die heiligsten Gefühle so vieler Menschen zu verletzen, ungeachtet der Freiheit, welche ihm seine Persönlichkeit als Jude giebt. Eben so wenig darf man vergessen, daß Herr Salvador mit einer ganz natürlichen Vorliebe die Ehre seiner Nation vertheidigt, und daß seine Klagen nach achtzehn Jahrhunderten der Leiden und der Unterdrückung ziemlich gemäßigt sind. Bei der Beurtheilung Pauli und St. Johannis ist der Geist des Herrn Salvador freier, .und ich darf sagen, ruhiger. Er würdigt sehr wohl den glühenden und unermüdlichen Geist, die Gabe des Beherrschens, die männliche Beredsamkeit und das tiefe Wissen des Apostels Paulus. Nach ihm würde Paulus beinahe der wahre Gründer des Christenthums sein. Paulus ist es, der entschieden mit der Synagoge bricht, und der, von seinen Brüdern ausgestoßen, den ungeheuren Plan der Bekehrung der Heiden faßt. Ist es indessen nicht wahr, daß wenn wir die Episteln Pauli und in den Schriften der Apostel die Erzählung seiner Anstrengungen lesen, man weit eher hierin den Menschen fühlt, als in der Geschichte des Lebens Jesu Christi, ich meine damit die Anstrengungen, die Anspannung aller Seelenkräfte, und zwar wie von einer fremden Kraft entlehnt? Paulus, ich nehme seine eigene Schriften zu Zeugen, ist nur ein bewunderungswürdiger Apostel. Seine Reisen, seine Sprünge von Einem Lande zum Andern, sein Ungestüm kontrastiren mit der ruhigen Autorität und der göttlichen Einfachheit des Meisters, welcher ohne Anstrengung das arbeitet, was aus seinem eigenen Innern hervorgeht. Die auf St. Johannes bezüglichen Kapitel sind nicht minder wichtig. Herr Salvador meint, daß St. Johannes sein Evangelium geschrieben habe, um mehrere Ketzereien, welche sich schon in der Kirche bildeten, zu verhindern, und daß er deshalb Sorge getragen habe, die Göttlichkeit Jesu