Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 37 (8.9.1885)
- Date
- 1885-09-08
- Page
- Seite 596 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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596 des Tages Einiges über die Geschichte dieses Instituts, daS wir hier wiederge-en: Unter die älteren Buchhändlerfirmen Frankfurts zählt auch die Firma JosephBaer L Co., welche heute die Feier des hundertjährigen Bestandes begeht. Wir sind in der Lage, einige authentische Mittheilungen über den Gang dieses Geschäftes, welches z. Z. auf dem Gebiete des Anti, quariats-Buchhandels einen unbestrittenen Weltruf genießt, unseren Lesern zu bieten. — In dem letzten Dezennium des vorigen Jahrhunderts hatte eine von Hanau verzogene jüdische Familie mit Namen Baer in dem benachbarten Bockenheim ihren Wohnsitz genommen. Nach den damaligen Frankfurter Gesetzen konnte dieselbe nicht das Bürgerrecht unserer Stadt erlangen und durfte hier kein offenes Geschäft betreiben. Der Familienvorsteher Joseph Baer fand jedoch Mittel und Wege, in dem Dominikanerkloster im Jahre 1785 in einem kleinen Lokale ein buchhändlerisches Antiquariats-Geschäft zu gründen, worin gewisiermaßen unter der Hand gekauft und verkauft wurde. Die Umsichtigkeit des Besitzers ließ trotz der ungünstigen Lage des Geschäftes daffelbe einen raschen Aufschwung nehmen und der durchaus ehrenhafte Charakter Joseph Baer's gewann ihm bald einflußreiche Gönner, welche es ihm ermöglichten, die ihm entgegenstehenden gesetzlichen Schwierigkeiten zu überwinden und als Bürger nach Frankfurt überzusiedeln. Er erweiterte das Geschäft und verlegte es in die Steingaffe, wo er es jetzt offen betreiben durfte. — Joseph Baer war bestrebt, seinen Kindern eine sorgfältige Erziehung angedeihen zu laffen. Sein Sohn Leopold Joseph Baer, geboren am 2. October 1804 in Bockenheim, besuchte in den Jahren 1815 bis 1820 das Frankfurter Gymnasium und trat dann in das väterliche Geschäft ein, welches zu jener Zeit bereits eine große Ausdehnung erfahren hatte. Vier Jahre später, im Jahre 1824, verband sich sein Bruder Hermann Joseph Baer mit ihm zur Uebernahme der Handlung. Selten wohl vereinigten sich zwei so strebsame und tüchtige Männer in rastloser Thätigkeit und in der Bemühung, dem Hause eine fortwährende Ausdehnung und Bedeutung zu geben. Der Erfolg war auch ein ausgezeichneter und es ist eine nicht zu leugnende Thatsache, daß die Gebrüder Baer die ersten waren, welche dem Antiquariatsgeschäfte in Deutschland eine weitere und höhere Bahn ebneten. In richtiger Erkenntniß der Berhältniffe theilten sie die Arbeit. Während der jüngere Bruder Hccrmann Joseph weite Reisen nach England, Frankreich, Holland und Italien unternahm, um Ankäufe hervorragender oder seltener Werke zu machen, wozu ihn seine bibliographischen Kenntnisse vortrefflich befähigten, leitete der ältere Bruder Leopold Joseph das Geschäft in Frankfurt, und er darf es sich zu besonderem Verdienste anrechnen, von den mit fachkundigster Weise in Besitz gebrachten literarischen Schätzen des Auslandes die öffentlichen Bibliotheken versorgt und vervollständigt zu haben. Mit ganz ungewöhnlichen bibliographischen Kenntniffen war namentlich der ältere Bruder ausgerüstet und er wußte dadurch dem Geschäft den besten Ruf in der europäischen Gelehrtenwelt zu verschaffen und auch insbesondere intime Beziehungen zu den öffentlichen Bibliotheken in Rußland anzuknüpfen. — In Frankfurt selbst war das Baer'sche Geschäft ein Sammelplatz der Bücherkenner und Bücherliebhaber, welche die reich zuströmenden Schätze in Ansicht nahmen, damit selbst ihre Kenntuiffe erweiterten oder durch die Liberalität der Besitzer Notizen darüber sammelten und literarisch verwertheten. So waren Rath Schlosser, der Geschichtsschreiber Schlosser, Clemens Brentano, v. Bethmann-Hollweg, Frhr. A. Friedrich v. Schack, vr. Joh. Friedrich Boehmer, Dr. Lorenz Diefenbach, Hofmann von Fallersleben theils Besucher und Kunden des Geschäftes, theils Freunde des Hauses und auch im Jahre 1848 zur Zeit des Parlaments waren viele von dessen Mitgliedern, darunter namentlich Jakob Grimm, Karl Bogt, der Stiftsprobst Döllinger u. A. sehr häufig in den bücherreichen Räumen zu finden. Besonders viel verkehrten Schöff, vr. F. P. Usener und vr. I. Gerhard Christian Thomas, Verfasser des „Oberhof zu Frankfurt", mit den Brüdern Baer. — Nachdem, wie aus älteren Frankfurter Adreßbüchern zu ersehen ist, das Geschäft mehrfach verlegt worden war, wurde es, dem Bedürfniß nach größerer Ausdehnung nachgebend, im Jahre 1850 in das am Roßmarkt gelegene Casino (Roßmarkt 10) übergeführt; zehn Jahre später ein eigenes Haus von den Brüdern dafür erworben, das am Roßmarkt dem Gutenberg-Denkmal gegenüber gelegene große (ehemals Dick'sche) Gebäude, wo sich der Bücherschatz noch heute befindet und in dessen Räumen ein antiquarisches Lager von über 300 000 Bänden aufgestellt ist. — Im Jahre 1853 trat ein Vorkommniß ein, welches dem Baer'schen Geschäft eine weitere Bedeutung gab. Baron Modest v. Korff war es, auf dessen Betreibung Leopold Joseph Baer zum Hauptkommissär der kaiserlichen öffentliche» Bibliothek in St. Petersburg und des öffentlichen Museums in Moskau ernannt, sowie mit der russischen goldenen Verdienstmedaille ausgezeichnet wurde. — Leopold Joseph Baer konnte sich des neuen Besitzthums auf dem Roßmarkt nicht lange erfreuen; ein Herzleiden machte bereits im folgenden Jahre, am 31. Dezember 1861, am Orte seiner Thätigkeit selbst, im eignen Laden seinem Leben ein Ende. Im Adreßbuch von 1866, dem letzten der freien Stadt Frankfurt, sehen wir als Eigenthümer Herman Joseph Baer und Wittwe Helene Baer geborene Töplitz, und als Prokuristen Julius Leopold Baer, Sohn Leopold Joseph's Baer verzeichnet. Hermann Joseph Baer trat 1872 aus dem Geschäft aus, nachdem ein Jahr vorher (1871) daffelbe durch die Gründung einer Filiale in Paris eine bedeutende Erweiterung erfahren hatte, zu welchem Behufe vr. H. Deren-