Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 37 (8.9.1885)
- Date
- 1885-09-08
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227555-3227593--42902-3311498- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Allgemeine Zeitung des Äudmthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. , Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig s Mark. Abonne- I ment in Deutschland (Postzeitungsliste! Nr. ui> und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Wlipplon in Bonn. KXpeöilron: Leipzig, Woßptcrh 18. In redaktionellen Angelegenheiten > wende man sich an Nr. Philippson in!! Bonn direct, in allen übrigen an die! : Berlagshandlung. Beilagen (Gebühr ' I-’ M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 49. Jahrgang. Leipzig, den 8. September 1885. JVö. 37. Inhalt. Leitende Artikel: Zu den Festen — Vom Lapidarstyl in der Bibel.— Das Princiy des Strafrechts oder der Straszweck. I. Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Leipzig, Königsberg. Bromberg, Aus Mecklenburg, Posen. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Prag, Krakau, Aus Ungarn. — Frankreich: Paris. — Belgien: Brüssel. — Rußland: Turek, Petersburg. — Bonn: Notizen. — Bonn, Turek: Literarische Notizen. — Feuilleton: Erinnerungen IV. £ci1?c+i?e €Xzti£ef. Bonn, 2. September. Zu den Festen. Wenn dieses Blatt in die Hände unsrer Leser kommt, find die uralten geheiligten Feste genaht, welche eine so tiefe religiöse und fittliche Bedeutung haben und die ein festes religiöses Band um alle Bekenner des Judenthums schlingen.i Denn selbst in entlegenen Fernen, in unwirthlichen und unduldsamen Ländern, wenn Männer Judas, eine geringe Zahl, | sich daselbst zusammengefunden, suchen sie gemeinsam diese j Feste in Andacht und Weihe zu begehen. Darum bringen mir j unfern Lesern zu dieser religiösen Feier unseren herzlichen! Glückwunsch; möge ihnen allen ein gesegnetes Jahr beschieden sein, ein Jahr des heiteren und frischen Lebens, des tüchtigen, Strebens, der günstigsten Erfolge in Gerechtigkeit und Frieden, der Bewahrung vor jedem Leid und herbem Verlust'^ Das Jahr ist von der Natur selbst zum Abschnitt für i die menschliche Zeitrechnung bestimmt; es ist der Wandel der i Erde um die Sonne in ihrem ganzen Laufe. Ob auch der! jüdische Kalender nach Monden zählt, so bringt er doch immer wieder das Jahr mit dem Sonnenjahr zum Ausgleich. Somit ist das Ende und der Anfang eines Jahres der naturgemäße Anhaltspunkt, an welchem wir ebenso in die Vergangenheit zurück wie in die Zukunft vorwärts schauen, und wo der gewissenhafte Mensch Einkehr hält in sich selbst und sich fragt: wie hast du im vergangenen Jahre bestanden und wie willst du im zukünftigen Jahre bestehen? Mögen wir Alle berechtigt sein, ruhig und der Barmherzigkeit Gottes vertrauend auf unser vergangenes Leben zurückzusehen und uns gedrungen fühlen, mit edlen Vorsätzen und energischem Willen sie ausznführen, in das neue Jahr einzutreten! In seinem Psalm (90, 12) ruft Moses aus: „Zu zählen unsre Tage, also lehre uns, daß wir ein weises Herz erlangen." Das klingt freilich anders, als wenn der heidnische Horaz in seiner vierzehnten Ode (Buch 2.) klagt: „Ach! flüchtig, Postumus, eilen die Jahre dahin, und auch die Frömmigkeit vermag den Runzeln und dem nahenden Alter und dem unzähmbaren Tode keinen Aufschub zu schaffen!" Hier wird vor der Flüchtigkeit der Zeit der fromme Sinn und Wandel als ohnmächtig geschildert — während Moses aus derselben Flucht der Jahre, wenn wir sie mit Besonnenheit betrachten und uns immer wiederholt zum Bewußtsein bringen, „ein weises Herz zu gewinnen hofft." Denn wer „seine Tage zählt", wer den Fortgang seines Lebens ernst beachtet, seines Lebrnsgangs und in welchem Stadium seines Daseins er steht, sich stets bewußt ist — der klagt nicht, wie Horaz. über die Flüchtigkeit der Zeit, sondern bedenkt, wie Moses, die Verwendung seiner Zeit, den Inhalt, den er „seinen Tagen" gicbt; der legt geringern Werth irdischen Gütern und Genüffen bei, mehr Bedeutung seinem Thun und Lasten, seinem Streben und Schaffen, seinem Ringen nach höherem Besitz, nach Erkenntniß, Wissen, edler Bildung, gemeinnützigem Wirken, wohlthätigen Werken, der wird — weisen Herzens! Darum ist es eine unberechenbare Wohlthat unsrer Religion, daß sie in ihrer mütterlichen Fürsorge für unser Seelenheil den ersten Tag des Jahres zu einem tief-