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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-09-01 · Heft 36 (1.9.1885) · p. Seite 582

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 36 (1.9.1885)
Date
1885-09-01
Page
Seite 582 (sequence 14)
Language
German
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582 hingen, welche der Referent, der Stöcker in den Berliner christlich-sozialen Versammlungen, im Parlamente und im Tome gesehen und gehört hat, daran knüpft. Er sagt da: Bei einem Stöcker'schen Vortrage ist das Wesentliche, die eigentliche Rede, vom Beiwerke wohl zu trennen. Zum Beiwerk rechnen wir das sonore, kräftige Organ, die berechnete Betonung einzelner Worte und Sätze, das Pathos, das Redner meisterlich zu handhaben versteht und schließlich die Gesten. An diesem Beiwerke ist nicht das Geringste auszusetzen, es ist vielmehr mustcrgiltig für Bolksredner und solche, die es werden wollen. Wer einen Stöcker'schen Vortrag zum ersten Male hört, wie am Dienstag das Publikum in der hiesigen Schloßkirche, der wird mehr auf das Beiwerk des Vortrages achten, als auf den Fluß der Rede, die Formvollendung der Sätze, auf die mitunter überraschenden Schlagworte rc. re., kurz darauf, wie der Herr Hofprcdiger sein Thema vorführt und beherrscht. Acltere Kunden desselben lassen sich aber vom Beiwerke nicht mehr verblüffen, sondern gehen auf den Kern selbst, um ihn aus der gleißenden Schale berauszuschälen. Und da zeigt sich's denn, wie cs sich auch am Dienstag für jeden Kundigen wieder zeigte, daß der Stöcker'sche Vortrag zumeist nicht originell, vielmehr in der einen oder andern Form, mit diesen oder jenen geringfügigen Abänderungen, schon öfter dawesen ist. Ganze Sätze, ganze Redeabschnitte kehren in jedem Stöcker'schen Bortrage wieder. Sie sind die Knochen und Muskeln, welche er für jeden einzelnen Fall mit einer neuen Haut überzieht. So erscheint der Stöcker'sche Bortrag selten aus einem Guß, er ist stets ein Conglomerat, das für den Augenblick hergestellt wird, um bei einem späteren Bortrage, in seine einzelnen Theile ausgelöst, wiederum in anderer Zusammensetzung Verwendung zu finden. Es hängt diese Art Borträge zu halten, damit zusammen, daß Herr Stöcker, namentlich auf politischem Gebiete eigentlich recht arm an! originellen Gedanken ist. Hätte er die Juden nicht, und da- > mit zusammenhängend die Angriffe auf den Mammonismus j und die Börse, würde ihm das Schimpfen auf die „verruchte! demokratisch-radikale Presse", mit welchem Titel Herr Stöcker! alle Blätter beehrt, die von ihm nicht entzückt sind, genommen, wir wüßten nicht, worüber der Herr Hofprcdiger sonst in politischen Versammlungen noch sprechen könnte. Die großen Fragen der Zeit sind ihm versiegelte Bücher; obschon er sich zur christlich-sozialen Sache bekennt, ist ihm doch das Wesen des Sozialismus bis zum heutigen Tage noch nicht offenbar geworden. Die wenigen Schlagworte, die er in Bezng auf die soziale Frage zu verwenden beliebt, hat er den Berliner Arbeiterführern, einige sozialwissenschaftlich sein sollende Deductiouen seinem Freunde Professor Wagner abgelauscht. (Und aus dem Buche des Pastors Todt! Red.) Er selbst hat den Sozialismus nicht studirt — wo soll der vielbeschäftigte Autor auch die Zeit dazu hergenommen haben? — und versteht ihn auch nicht. Daher wird er. sobald ihn sein Thema drängt, die soziale Frage zu berühren, flüchtig und oberflächlich; er selbst mag sich nur zu sehr bewußt sein, das cs fremdes unerforschtes Gebiet ist, das er betritt. Weiterhin heißt es: „Daß der Herr Hofprediger schließlich nicht einmal in der Bekämpfung der Juden, die doch eigentlich sein Leib- und Magenthema ist, mit erzenen Waffen zu streiten in der Lage ist, sich solche vielmehr erst borgen muß, haben die Verhandlungen im Prozesse Bäcker zur Evidenz bewiesen. Den Talmud, aus dem er sich das Rüstzeug gegen den Semitismus zu holen gedachte, kennt er nicht gründlicher als den Sozialismus. Auch in der Ausnutzung des Talmuds schmückte er sich mit fremden Feden." Der Referent schließt mit den Worten: „Was bleibt nun von den Stöcker'schen Vorträgen, die auf Christlich-Soziale und Synodale solch nachhaltigen Eindruck zu machen pflegen, übrig? Nichts als das Beiwerk! Es ist das unbegreiflichste Räthsel der Zeit, daß mit der oberflächlich urtheilendcn Allgemeinheit auch Männer dem hohlen Scheine des Stöcker'schen Beiwerks verfallen, die gründlicher unterrichtet sind, die tiefere Studien über das Wesen der unsere Verhältnisse bewegenden Fragen gemacht haben, als Stöcker selbst. Es muß im Strome der Zeit liegen oder in dem Umstande, daß der Byzantinismus, der in dem freiheitlich angehauchten siebenten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts keine Stätte fand, in den achtziger Jahren in stetigem Zunehmen begriffen ist. Der Byzantinismus aber ist der Feind der freien Meinungsäußerung ebenso wie der Freiheit selbst, während er Politiker zeitigt vom Schlage des Herrn Hofprediger Stöcker." vermischtes. Der Papst über die Banken. Der Pariser Voltaire erzählt Folgendes: Am Tage nach dem Krach der Union generale (bekanntlich einer katholischen Bank) wurde Bontoux, der Gründer und Leiter derselben, verhaftet. Der päpstliche Nuntius Czacki begab sich zum damaligen Justizminister Humbert, um ihn zu bitten, Bontoux unter Caution provisorisch in Freiheit zu setzen. „Das ist unmöglich, Exccllenz, antwortete der Minister, ich kann das Vorgehen der Justiz nicht aufhalten." Und da der Nuntius in seinen Bitten beharrte, sagte der Minister: „Ist denn der heilige Vater bei diesem Krach betheiligt?" Worauf der Nuntius antwortete: „Ich glaube es nicht, Herr Minister, denn es ist Tradition im Vatican, unser Geld niemals den katholischen sondern stets den jüdischen Banken anzuvertrauen."

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