Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-09-01 · Heft 36 (1.9.1885) · p. Seite 581

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 36 (1.9.1885)
Date
1885-09-01
Page
Seite 581 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227555-3227592--42897-3311492
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

581 Aeuikleton. Eiu Atöcker'scher Vorirag. Stöcker hat es verstanden, an seine Person ein weitgehendes Interesse zu knüpfen. Was von der antisemitischen Agitation in Deutschland noch übrig ist, stellt sich allein noch in Stöcker dar. Aber er hat gewußt, noch ein ganz anderes und dauerhafteres Interesse für sich zu gewinnen, nämlich das der protestantischen Orthodoxie, die sich gegenwärtig an ihn anklammert. Wie diese selbst und Stöcker in ihrem Nanien oft genug klagt, das jetzt „ein abgrundtiefer Unglaube das deutsche Volk beherrscht" — eigene Worte Stöckers — d. h., daß ein großer Theil des protestantischen Volkes von dieser Orthodoxie nichts mehr wissen will, so sucht sie nach Hilfsmitteln, um wieder in die Höhe zu kommen und hierzu scheint ihr Stöcker das passendste Rüstzeug. Freilich legt sie hiermit ein lautes Zeugniß von dem Mangel an geistigen Kräften ab, an welchen sie leidet: auch von dem ethischen Hirten verfiel aber aus das recht nahe liegende Radikalmittel, das einzig und allein geeignet ist, dem evangelischen Prediger das verlorene Vertrauen wiedcrzugewinnen, nämlich! man kümmere sich ausschließlich um das Seelenheil und nicht um die politische Gesinnung der Parochianen! Das wird gründlichhelfen!" - Hierauf folgt eine Skizze des Vortrages. Wir gestehen, daß selbst in dieser gedrängten Skizze so viele sonderbare Aussprüche sich zusammengewürfelt zeigen, daß man sich wundern muß, wie dergleichen aus irgend einsichtsvolle Zuhörer, und diese muß man doch bei einer Synode voraussctzen, Eindruck machen können. So heißt es u. A.: „Man müsse das Evangelium in die Politik hineintragen; man dürfe aber nicht die Politik in das Evangelium hineinmischen." Er sagte sehr klar: „Früher hatten wir den Staat, in welchem die Kirche herrschte; heute ist davon nicht die Rede. Die Religion, die Kirche müsse Alles beherrschen! (Sind diese identisch?! Red.) Das Evangelium müsse das erste Geiste, der in ihr lebt, zeugt nach den letzten Vorgängen Gesetz im Staatswesen sein, erst das zweite die sogenannte dieses Festhalten an Stöcker. Aber wie dem auch sei, Stöcker Staatsraison. Jetzt ist es leider umgekehrt." Vielleicht kam gewinnt hierdurch eine Bedeutung, einen Hinterhalt, dessen es Stöcker in den Sinn, daß er doch etwas zu weit gegangen, weitere Entwickelung wir nicht außer Augen lassen können. Wir erhalten soeben den „Cottbuser Anzeiger" vom 6. und 7. August, der ein treffliches Referat über einen Bortrag enthält, welchen Stöcker in der Schloßkirche zu Cottbus vor der dortigen Synodalversammlung über das Thema „jede Lösung der politischen und socialen Fragen liegt im Chrisienthum" hielt. Die Synode selbst hatte Stöcker zu dem Bortrage einge und er fügt hinzu: „Wir wollen nicht, daß der Staat die Kinder wieder zum Taufstein bringe; wir wollen auch nicht einmal, daß die kirchliche Trauung dasselbe Recht habe, wie die bürgerliche Copulation. Wir wollen nur die Luft der kirchlichen Freiheit wieder athmcn. Diese letzte Phrase hätte Stöcker doch etwas erläutern müssen, was er wohlweislich unterlassen hat. Denn was er unter „kirchlicher Freiheit" laden und ihm dieses Thema gestellt. Der Referent wunversteht, ist Bielen sehr zweifelhaft, und erscheint nur als dert sich zuerst darüber, daß man eine Synode und bie jiue Freiheit, alle anderen religiösen Richtungen, die nicht Schloßkirche zum Tummelplatz politischer und socialer Fragen mit seiner Orthodoxie übereinstimmen, aus der Kirche hin- und Agitation macht. Allein, fährt er fort, sind wir doch! aus zu jagen. Natürlich kommt er nun auf die Juden. „Wie der Thatsache, daß die orthodoxen Pastoren auf dem Lande kann Deutschland wieder ein christliches Land werden, da wir freiwillig die Rolle ultrakonservativer Agitatoren übernehmen, eine halbe Million Juden unter uns haben? Die Juden sind in den letzten Jahren allzu sehr „gewöhne worden", wie cs unter uns Fremdlinge, fremder Nationalität, fremder Religion, im „Götz" heißt. Eigenthümlich nimmt es sich aber aus, fremder Sitte und Sprache. Mögen sie, wenn sie einen ehrwenn dieselben orthodoxen Pastoren, welche konservative Wahl-! lichen Erwerb betreiben wollen, unter uns leben. Wenn sie geschäfte nach dem Muster und den Rezepten des Berliner . aber Miene machen zu herrschen, das Deutschthum und das Hofpredigcrs betreiben, ihrerseits bittere Klage führen über Christenthuni zu untergraben, dann muß in friedlichem Kamps die zunehmende Gleichgültigkeit religiösen Dingen gegenüber, ihre Macht gebrochen werden. Mau glaube nicht, daß wir Solche Klagen kamen auch auf der gestrigen Synodaloerdurch Gesetze und Maßregeln der Minister wieder ein chriftsammlung zur Sprache und es wurden auch Mittel angegeben/liches Volk werden können. Das können wir nur werden wie dem abzuhelfen sei. Mehrere Redner meinten, sie Geistdurch den Geist." lichen selbst müßten sich ändern, um einen anderen Einfluß Hierauf poltert er gegen den Parlamentarismus, die auf die ihnen anvertrauten Gemeinden zu gewinnen. Einer Bildung und die Sozialdemokratie. Uebrigcns waren in der behauptete, die Pastoren müßten konfessionell werden und Schloßkirche nur etwa 300 Personen versammelt, von denen konfessionell auch die Schule; ein anderer führte aus, die die Hälfte aus Damen bestand. Der Boden in Cotbus muß Pastoren müßten selbst das beste Beispiel geben, sie dürften also nicht sehr fruchtbar für diese Sache sein, nicht Karten spielen u. s. w. Keiner von den anwesenden' Interessanter als der Bortrag selbst sind die Bemcr-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.