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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-09-01 · Heft 36 (1.9.1885) · p. Seite 579

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 36 (1.9.1885)
Date
1885-09-01
Page
Seite 579 (sequence 11)
Language
German
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579 vorgibt. Die heutige Abendausgabe der „Bukarester freien Presse," welche unbeschadet ihrer Zustimmung zur Regierungspolitik Bratiano's doch eine vollständig unabhängige Stellung bewahrt, hat denn auch den „Telegraphul" in entsprechender Weise in's Gebet genommen, gleichzeitig aber auch betont, daß jene Israeliten Rumäniens sich und deren Glaubensgenossen einen schlechten Dienst erweisen, welche von der Intervention des Auslandes die Beseitigung jener Härten der rumänischen Verfassung erwarten, unter welchen nicht allein sie, sondern überhaupt alle Fremden in Rumänien zu leiden haben. Bukarest, 17. Äug. Die gegenwärtige Lage der Juden in Rumänien ist so prekär, daß wir ihr unsere Aufmerksamkeit besonders zuwcnden müssen. Anerkanntermaßen ist der Haß, der in den maßgebenden Kreisen Rumäniens gegen die Juden vorherrscht, in jener Zeit entstanden, als über die Judenverfolgungen in den europäischen Blättern heftig geklagt und von europäischen Regierungen dringende Vorstellungen nach Bukarest gerichtet wurden. Die rumänischen Wortführer, die damals schon auf die Unabhängigkeit Rumäniens mit größtem Eifer hinarbeiteten und wußten, daß sie diese ohne europäische Hilfe nicht zu erlangen vermochten, waren darüber wüthend und nahmen sich vor, die Juden dafür aufs Nachdrücklichste zu züchtigen. Man kann sich daher denken, wie aufgebracht sie jetzt wieder sind, daß dieselben Klagen, wenigstens in England, wieder an die Oeffentlichkeit treten. Wir haben bereits mehrere rumänische Stimmen angeführt, die sich darüber in wüthigster Weise auslassen. In ruhiger Art spricht sich Demetar Bratiano, Bruder des Ministerpräsidenten in seinem Blatte „Natiunea" aus. Er spottet über die Vorstellungen englischer Juden bei Lord Salisbury, was ganz ohne Bedeutung sei. Er verlangt aber, daß die rumänischen Juden „gegen die dem englischen Premierminister vorgetragenen unbegründeten Beschuldigungen in formeller und kategorischer Weise protestiren." Bekanntlich hat man schon früher einmal die rumänischen Juden gezwungen, sämmtliche Klagen über ihre Mißhandlung in einem Schriftstück zu dementiren. Wenn Bratiano hinzufügt, im gedachten Falle „würde alle Welt ihnen glauben" — so ist dies doch etwas zweifelhaft. — Eine etwas abwiegelnde Correspondenz aus Bukarest vom 13. d. enthält die „Franks. Ztg." vom 20. Der Corresp. schreibt u. A.: „Eine eigentliche Judenverfolgung — ich betone das ganz ausdrücklich — hat es in Rumänien während der Zeit meines sechsjährigen Aufenthaltes in Rumänien nicht gegeben, und sind auch die gegen den Hausirhandel erlassenen Verbote nicht so sehr als eine blos gegen die Israeliten gemünzte Neuerung aufzufassen, als einerseits der Hausirhandel Rumäniens sich keineswegs ausschließlich in den Händen der Israeliten befand, und als anderseits die weitaus größere Mehrzahl der in Rümänien lebenden Israeliten bei der Landwirthschaft, beim seßhaften Handel und im bürgerlichen Gewerbe ihren Unterhalt erwirbt. Als Fremde betrachtet, haben sie unter den Selbstüberhebungen des nationalen Chauvinismus nicht mehr und nicht weniger als jeder andere Fremde zu leiden. Ja noch mehr; ich kann sogar ohne Furcht vor einem Widerspruch behaupten, daß die prekären äußeren Lebensverhältnisse der meisten rumänischen Israeliten nicht einmal jenem Neide Raum geben, welcher in anderen Ländern den Wohlstand der fleißigen und sparsamen jüdischen Bevölkerung zu einer Haupttriebfeder des antisemitischen Pöbelhasses werden ließ. Nun haben sich aber im Laufe der letzten zwei Jahre in der vom Staate subventionirten Papierfabrik von Bacau mehrere Vorfälle abgespielt, welche erstlich den Thatbestand von Mißhandlungen jüdischer Landesangehöriger blos ihres Glaubens willen konstatiren lassen, während anderseits die Regierungsbehörde diesen Ausschreitungen rohesten Rassenhasses gegenüber ihres Amtes nicht mit gehörigem Nachdruck waltete und demnach den Schein einer indirekten Begünstigung dieser Ausschreitungen auf sich lud. Der moralische Urheber dieser Vorfälle ist ein junger Mann, Namens Porumbaru, ein moralisch verkommener und wie es scheint nicht ganz zurechnungsfähiger Mann, dem man mit Rücksicht auf seinen bei der liberalen Partei sehr wohl gelittenen Herrn Papa das Amt eines Direktors der Bacauer Papierfabrik übertrug. Porumbaru sen. hat längere Zeit als Präsident der ,,Concordia roinania“ fungirt, welche die Verdrängung aller fremden Gewerbsleute aus Rumänien bezweckt, und Herr Porumbaru jun. hat die väterliche Idee in's Antisemitische übersetzt, indem er an die Eingänge der von ihm übrigens in schauerlicher Weise geleiteten Fabrik Tafeln mit der Inschrift anbringen ließ: „Juden ist der Eintritt verboten!" Verirrte sich nun einmal ein Israelit in das Gehege dieses verrufenen Fabrikdirektors, so wurde er weidlich durchgebläut. Kleinere Vergehen dieser Art blieben unbeachtet. Als aber vor mehreren Monaten ein armer Teufel nicht nur mit Fausthieben traktirt, sondern einer förmliche Tortur unterworfen und schließlich im Gesicht mit Vitriol beschmiert wurde, erhob sich in der ganzen nicht geradezu antisemitischen Presse Rumäniens ein Schrei der Entrüstung über diese Barbarei, welche, wie ganz richtig bemerkt wurde, das Aussehen Rumäniens im Auslande kompromittiren müsse. Gleichwohl wurde Herrn Porumbaru, wohl aus Rücksicht auf den Anhang seines Herrn Papas, kein Härlein gekrümmt, und hat es daher die Regierung nur sich selbst zuzuschreiben, wenn gerade dieser straflos gebliebene empörende Fall die Grundlage jener Beschwerden wurde, welche eine Deputation der Londoner Judenschaft dem englischen Ministerpräsidenten unterbreitete. Ich halte mich im Interesse der Wahrheit zu dieser objektiven Darstellung des Sachverhalts verpflichtet, glaube aber, daß 36*

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