Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 33 (11.8.1885)
- Date
- 1885-08-11
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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"Allgemeine Zeitung -es Iudenthuurs. Eiu unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. ui) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippsou in Bonn. KXpeöiLion: Leipzig, Woßplcrh 18. In redaktionellen Angelegenlieiteu wende man sich an I>r. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr lt M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 19. Zahrgang. Leipzig, den 11. August 1885. .\o 33. Inhalt. Seitenbe Artikel: Sir Muses Montefiore f. — Die Spracheirgeschichte des jüdischen Stammes.— Offener Brief an den Herrn Geheimrath vr. Gessken. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin. Hamburg, Cottbus, Hannover, Posen. — Oesterreich - Ungarn: Wien, Pest, Aus Ungarn. — Frankreich: Paris. — Großbritannien: London. Ramsgate. — Rußland: Petersburg. — Marokko: Gibraltar. — Feuilleton: Erinnerungen. — Antonio Enrique; Goinez. ein spanischer Dramatiker. — Vermischtes. Bonn, 5. August. * Air Moses Montefiore. * ,Ein Stern ist vom Himmel gefallen" — vom Himmel des Menscheuthums und Israels. Am 28. Juli Abends 7 Uhr erhielten wir durch die Ageuce Havas die Tranerlunde, daß Sir Moses Montefiore um 4 Uhr 30 Minuten Nachmittags in Ramsgate verschieden ist. So stehen wir an der Bahre des edlen, allverehrten Greises, der ein Leben eines ganzen > Jahrhunderts Werken der Humanität und den thatkräftigen Bestrebungen für das Wohl seiner Glaubensgenossen gewidmet hat. Wer der allgemeinen Jubelfeier gedenkt, die in allen Welttheilen begangen wurde, als der Verklärte sein lOOstcs Lebensjahr überschritt, der wird sich auch ein Bild von der schmerzliche» Theilnahme machen, welche diese Trauerbotschaft in zahllosen Herzen geweckt haben wird. In fast allen Synagogen wird man dem Dahingeschiedenen Trauergottesdienste halten und Worte geheiligten Andenkens sprechen. Aber dauernder als dies wird das Gedächtniß dieses ehrwürdigen Mannes leben und in die Tafeln der Zeitgeschichte eingegraben sein. Es wäre überflüssig, heute schon wieder die Lebensgeschichte des Sir Moses zu erzählen, nachdem vor Kurzem erst die Erinnerung an seine Thaten so lebhaft aufgefrischt und in unzähligen Zeitblättern mit Hellen Farben gezeichnet worden. Montefiore war kein Mann des Wortes und der Schrift, aber der That. Und hierin liegt seine Bedeutung. Als er in Verbindung mit Cr^mieux und Salomo» Munk 1840 nach Damaskus ging, um die Unschuld der dort auf Grund des bekannten mittelalterlichen Wahngebildes eingekerkerten Juden zu erweisen und ihre Befreiung und die Anerkennung ihrer Unschuld bei dem damaligen Beherrscher Syriens, dem Bicekönig von Egypten, Mehemet Ali, zu bewirken, und dies diesen Männern in Kairo auch vollständig gelang: da war ein Wendepunkt in der Geschichte Israels eingetreten. Jener Mangel an Gemeinsinn, jenes Fehlen aller Thatkrast, alles Einschreitens, alles Berwendens gegen Unterdrückung und Verfolgung von Glaubensgenossen, wie es bis dahin stattgefunden, hörte aus und Montefiore gab das erste glänzende Beispiel, und in der Folge immer mehrere, wie es die Pflicht jedes einflußreichen Israeliten sei, eine Pflicht gegen die menschliche Gesellschaft ebenso wie gegen das Judenthum und seine Bekenner, sein Ansehn und seine Kraft für die Rettung unglücklicher Glaubensgenossen, für , Recht und Wahrheit einzusetzen. Wir brauchen nicht an die > Geschichte des letzten halben Jahrhunderts zu erinnern, um j zu zeigen, wie die Fackel, welche Montefiore angezündet, j weiter geleuchtet und zu einer allgemeinen Theilnahme und Energie geführt hat. Es sind also nicht die einzelnen Thaten des Verstorbenen, nicht die dauernden oder vorübergehenden Erfolge, die seine Hingebung errang, welche den ganzen Werth dieser Persönlichkeit ausmachen, sondern die allgemeine Gesinnung und Thatkrast, die er vertreten und gefördert hat- Diese ist es, welche ihm eine hervorragende Stelle in der neueren Geschichte des jüdischen Stammes sichert, und die 33