Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 32 (4.8.1885)
- Date
- 1885-08-04
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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3 I 4 Allgemeine Zeitung des Iudenthums. Ein unparteiisches Organ Kr alles indische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich.! Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnc-; ment in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 111) und Oesterreich bei allen! Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philipp son in Bonn. KXpeöiLiorr: Leipzig, Woßptcrh 18. | In rcbactiortcUcn Angelegenheiten! wende man sich an Or. Vhisippson in . i Bonn direct, in allen übrigen an die!! Dcrlagshanrlung. Beilagen (Gebühr; I- M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 49. Jahrgang. Leipzig, den 4. August 18-85. JVo. 32. Inball. Leitende Artikel: Abb6 Grsgoire. — Der Bankerutt des Antisemitismus. V. — Kol-Mdre. III. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, AuS der Taunus, Breslau, Frankfurt a. M. — Oesterreich-Ungarn: Wien. — Frankreich: -Paris. — Großbritannien: London. — Rußland: Turek. — Amerika: Chicago. — Bonn: Notizen. — Boun: Liteiarische Notizen. — Feuilleton: Der Proceß des Aaron Israel Briman Lliar Or. Justus. c i-tc iic'c Ox-Nfict. Bonn, 30. Juli. Jlbbe Grsgoire. Die Reihe derjenigen Männer, welche ihren Namen in die Geschichte der Inden durch die Vertheidigung derselben, durch ein thatkräftiges Eintreten für die Befreiung und Gleichberechtigung des tiefgedrückten Stammes eingezeichnet haben, ist nicht so groß, daß wir sie nicht allesammt in hohen Ehren halten müßten. Wenn Biele von Duldsamkeit sprechen — reden ist noch lange nicht handeln — so gehört noch eine ganz andere Freiheit und Energie des Geistes dazu, mit Entschiedenheit und unbedingt die Gleichstellung aller Religionsbekenner und aller Volksklassen und somit auch der Juden als unantastbares Prinzip des Rechtsstaates fordern und erkämpfen. Leicht stellt man sich vor, daß dies in der Mitte des vorigen Jahrhunderts ein besonders verdienstvolles Werk war, zu einer Zeit, wo noch nirgends die bürgerlichen Verhältnisse der Juden auch nur schon verbessert waren, und wo jenes Prinzip selbst noch in der neuen Nordamerikanischen Union wenigstens in den einzelnen Staaten auf große Schwierigkeiten stieß. Und noch einen Punkt müssen wir hervorheben: den Unterschied zwischen theoretischer Aussprache und praktischer Verwirklichung. Aber gerade dieser Unterschied fällt bei dem Geisteshelden hinweg, den wir heute, bei Gelegenheit, daß ihm in seiner Vaterstadt eine Statue errichtet und mit großer Würde enthüllt worden, zu feiern haben. Er war — nach Dohm und Mirabeau — der erste, der in beredter Schrift seine Stimme für die Emanzipation der Juden erhob, der aber auch in der Nationalversammlung und der Constituante sie unermüdlich vertheidigte und durchsetzte. Unter den Gestalten, welche in der französischen Revolution eine hervorragende Stellung einnchmen, sehen wir .nicht wenige bald wieder vom Schauplatze verschwinden, andere dauernd zum Abscheu der Menschen werden. Die Einen i wurden durch die Wogen der Zeit hinweggesluthet, die! Anderen überstürzten sich in ihren Leidenschaften zu Gewaltthaten, zu einer neuen Barbarei, welche zuletzt sie selbst in den Abgrund stürzte und ihre Namen für immer brandmarkte. Zu allen Diesen gehört Henri Grvgoire nicht. Vollmächtigem Freiheitstriebe beseelt und mit ganzer Seele der Revolution ergeben, besaß er doch Selbstbeherrschung und Rechtsgefühl genug, um sich als Mitglied des Convents der Schreckensherrschaft entgegenzustemmen und derPartei der Mäßigung onzugehören und auch der späteren Entwickelung der Dinge zu dienen. Dazu gehörte in dem Getümmel jener Zeit ciue große Festigkeit des Charakters; dies bezeugte Grsgoire in allen Wandlungen jener vielbewegten Periode und seines eigenen Lebens, so daß nur die Parteileidcnschast diese rühmenswerthe Eigenschaft nicht anerkennen möchte. Henri Grögoire war am 4. Dezember 175u zu Veho, einem kleinen Orte nicht weit von Lnneoille geboren. Seine Eltern waren unbemittelte Landleute. Glückliche Umstände förderten ihn in seinem theologischen Stndiunr. Aber die gewaltige Bewegung der Geister, welche damals die höhere Gesellschaft Frankreichs in einen stürmischen Wellenschlag , versetzt hatte, bemächtigte sich auch seiner und führte ihn aus 32