Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 29 (14.7.1885)
- Date
- 1885-07-14
- Page
- Seite 468 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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468 wie man in Brünn und hier sehr wohl weiß, keineswegs der Normalarbeitstag allein den Anlaß zu den Unruhen gab. Vielmehr haben socialistische, nationale und antisemitisches Hetzereien zu gleichen Thcilen die Schuld an den Ausschrei-1 tnngen gehabt, und an diesen Hetzereien betheiligten sich Personen, die der „Germaniaihrer Gesinnung nach jedenfalls näher stehen, als irgendwem sonst. Ist doch unter Anderem > bereits gegen den famosen Mechaniker Schneider, den Mitarbeiter des ultramontanen Wiener „Vaterland", amtlich die Anzeige wegen Aufreizungen in Brünn erstattet worden. (Nun, es ist nicht das erste Mal, daß die ultramontanen und conservativeu Blätter lügen, wenn es gilt, den Juden , etwas anzulügcn!)! Karlsbad, 23. Juni. (Privatmitth.) Der Neubau des hiesigen israelitischen Hospitals, das den 15. Juni 1847 eröffnet wurde, soll nach Beendigung der Saison in Angriff genommen werden. Dasselbe wird auf dem Platze, wo gegenwärtig das alte israelitische Bethaus steht, gänzlich neu aufgebaut werden. Dem uns vorliegenden Jahresbericht über die vorjährige Saison entnehmen wir, daß in der Zeit vom 14. Mai bis 15. September 1884 68 Männer und 65 Frauen in Behandlung und Verpflegung standen. Die Verpflegungskosten beliesen sich auf 2431 fl. 53 Kr. Frankreich. Paris, 26. Juni. (Privatmitth.) Es muß den franzö fischen Juden nachgerühmt werden, speciell den Parisern, daß sie in der letzten Zeit ihr Organisationstalent uud ihre Bereinsthätigkeit sehr würdig bewährt haben. Was in dem viel zahlreicheren und wissenschaftlich viel entwickelteren deutschen Judenihum nicht gelungen, florirt in Paris: die „Gesellschaft: der jüdischen Studien". Tie von dieser herausgcgebenen j Revue fies etudes juives findet in diesem Blatte stets aus-! sührliche Berichterstattung. Außerdem giebt sie auch ein! Jahrbuch, Amnvaire, heraus, von dem soeben der vierte Jahr-; gang erschienen ist. Dasselbe enthält zunächst einen Berichts über die Generalversammlung vom 20. Tecember 1884. Wir erfahren aus demselben, daß die Zahl der Mitglieder, gegenwärtig 365 beträgt, von denen einige recht hohe Bei-' träge zahlen. Der Verein befindet sich in der glücklichen Lage, kein Deficit zu haben, und sein Grundcapital durch die Zinsen zu vergrößern. Jndcß hat sich der Kassenbestand etwas vermindert. Tie Einnahmen und Ausgaben im Vereinsjahre 1883 84 beliesen sich auf 14,677 Frcs., wobei der Kassenbestand 2250 Frcs. gewesen und 1278 Frcs. verblieben. In dem Halbjahre Juli - Tecember 1884 — man will das Vereinsjahr jetzt mit dem bürgerlichen in Uebereinstimmuug bringen — betrugen die Einnahmen und Ausgaben 6847 Frcs., wobei der Kassenbestand sich auf 705 Frcs. rcducirte. Ein nicht unbeträchtlicher Theil der Ausgaben geht für das Honorar an die Schriftsteller auf, und das ist gewiß sehr löblich. Der Vorsitzende, Herr Joseph Derenburg, erwähnt in seiner Ansprache, daß eine Anzahl Mitglieder die Revue zu ernst und streng finden, und der Inhalt derselben sie nur abschreckt. Er erwidert, daß die Herausgeber „sich bemühen, in jeder Nummer einen oder zwei Artikel zu geben, welche Jedermann mit Vergnügen und Nutzen lesen könne." Allerdings, wer eine spezielle Fachzeitschrift hält und liest, muß eben spezielle Gegenstände zu finden voraussetzen, Monographien über Literatur und Geschichte. Allein die Sache liegt doch anders. Die Revue hält sich streng innerhalb der Grenzen der Vergangenheit, etwa bis zur Mendelssohn'schen Zeit. Die Gegenwart liegt ihr so fern, daß sie selbst aus ihrem bibliographischen Berichte Alles ausschließt, was auf die Gegenwart Bezug hat. Ebenso aber hält sie jede dogmatische Erörterung fern: das Schriftthum wird mehr von der formalen Seite, die Spezialgeschichte von der faktischen behandelt, wobei nicht! zu übersehen, daß die Spezialgeschichten der Juden aus dem! Mittelalter doch meist ganz ähnlich verlaufen, nur daß Namen,! Ort und Jahreszahlen variiren. Die Revue schließt also | gerade das aus, was der Jetztzeit am nöthigsten ist: die; höhere Geistesbelebung, die Auffrischung des Gedanken- und ■ Lehrinhalts, die Stärkung und Befeuerung der religiösen! lleberzeugung! Für diese kann in unserer Zeit nicht genug! geschehen, und so hoch wir auch die nüchterne gelehrte For-! schung anschlagen, so weicht sie doch — bei der Beschaffenheit des jüdischen Publikums — vor dem geistigen Bedürfnis der Gegenwart an Bedeutung und Wirksamkeit zurück. Lange genug hatten sich die jüdischen Gelehrten allein um ihre Folianten gekümmert, und nicht im Geringsten um das Bedürfuiß des Volkes und um das, was in demselben vorging — und dies zum großen Schaden des Judenthums. Möchte sich dies nicht wieder erneuern. Bei den jüngst in Tunis stattgcfuudenen Streitigkeiten zwischen Italienern und Franzosen hatte die Agenee Havas telcgraphirt, daß die Juden deu Italienern Unterstützung gewährt. Man konnte voraussetzen, daß dies aus der Luft gegriffen sei, urrd dies mußte jetzt der Eorrespondent der Agenee Havas selbst eingestehen. Der Zwitterzustand, der durch die französische Protection, während die Behörden des Bcy's in voller Thätigkeit bleiben, geschaffen worden, macht sich oft recht fühlbar. Vor Kurzem überfielen vier Araber das Haus eines Juden. Z mißhandelten die Frau aufs Schimpflichste. Tie muselmännischen Behörden wollten nichts davon wissen und der französische Lieutenant des Ortes, so viele Theiluahme er auch für die Unglücklichen hegte, hatte nicht die Vollmacht, in solchen Fällen eiuzuschreiten. Nichts wäre wünschenswerter, als daß durch die vollständige französische Occupation civilisirende und regelmäßige Verhältnisse eintreten könnten.