Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 29 (14.7.1885)
- Date
- 1885-07-14
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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emerne Zeitung -es Iudmlhums Ein unparteiisches Organ sür alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig » Marl. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste I Nr. Ul) und Oesterreich bei allen , Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner 0r. Ludwig Philippsou in Bonn. GXpeSition: Leipzig, Woßptcrh 18. In redactionellcn Angelegenheiten wende man sich an I>r. 'vhiiippipn in 1 Bonn direct, in allen übrigen an die , DerlagShandlung. Beilagen (Wo bühr; 1-J M.) sind gleichfalls' an lehtere einzusenden. 49. Jahrgang. Leipzig, den 14. Juli 1885. Ko. 29. Inhalt. Leitende Artikel: Symbolische Gestalten. H. — Der Bankerutt des Antisemitismus. III. — Kol Nidre. II. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Aus der Provinz. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Pest. Brünn, Karlsbad. — Frankreich: Paris. — Großbritannien: London. — Rußland: Petersburg. — Bonn: Literarische Notizen. — Feuilleton: Der Hühneraugenarzt Napoleon I. Bonn, 8. Juli. > Symbolische Gestalten. n. Zunächst taucht hier die Frage auf, welches war der Zweck dieser Symbolik? Wir müssen uns erinnern, daß anfänglich, wie bie; Schrift uns andeutet, die Absicht nicht vorwaltete, ein bestimmtes Heiligthum mit einem Priesterstamme einzurichten. Die erstgeborenen Söhne in den Familien sollten, natürlich! neben ihrem bürgerlichen Berufe, priesterliche Funktionen verrichten. Bis nach der Verkündigung vom Sinai wurden an betreffenden Orten Altäre errichtet und Opfer dargebracht. Erst nach der Katastrophe mit dem goldenen Kalbe, in welcher sich das religiöse Bewußtsein der Volksmaffe noch so schwankend und unzuverlässig erwiesen hatte, wurde die Familie Ahron's zum Priestergeschlechte erwählt, ein Opfercultus instituirt und ein Heiligthum errichtet. Selbstverständlich mußte auch in diesen die Gedanken der Offenbarung ausgeprägt werden, d. h. sie mußten eine Gestalt erhalten, welche fern von aller götzendienerischen Deutung, der geoffcnbarten Lehre entsprach. Dies konnte doch nicht anders, als auf dem Wege der Symbolik geschehen. Das Heiligthum mußte in Form, Maßen, Farben und Stoffen symbolisch Gedanken aus dem Bereiche der Lehre ausprägen. Nur so war es kein willkürliches Werk, und die sorgfältigen Vorschriften, die dafür erfloffen und die so ausführlich und sogar wiederholt mitgetheilt werden, geben für ihre symbolischen Zwecke den unleugbaren Beweis. Man muß sich eben erinnern, daß in jenen Zeiten die symbolische Auffaffung in der damaligen Natur der Menschenseele lag und das Verständniß wie von selbst gegeben war. Darum begegnen wir in der Schrift nur selten einer Andeutung von der Bedeutung eines Symbols wie z. B. bei der Vorschrift der blauen Schnur in den Schaufäden. Wenn nun die Cherubim innerhalb des Allerheiligsten und des Heiligen angebracht waren, so galt es eben nur den Priestern, die hierhin kamen, den symbolischen Gedanken der Abgrenzung zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen nahe zu bringen, da sie gerade am ehesten zur Ueberschreitung dieser Grenze kommen konnten, außerdem aber allen denen, welche durch das Forschen im Schriftworte mit der Beschaffenheit des inneren Heiligthums bekannt wurden. Fünf Jahrhunderte waren verfloffen, als Salomon den Tempel aus Morija erbaute. Es war eine Epoche seit Moses vorübergegangen, welche sehr wenig für die Fortpflanzung und Entwickelung des religiösen Bewußtseins zu thun befähigt war, das erst mit David sich von Neuem entzündet, dann aber vorherrschend eine verstandesmäßige Richtung eingeschlagcn hatte. Das Verständniß der Symbolik war allmählig aus der Volksseele geschwunden und machte deshalb sehr nüchternen Begriffen vom Opfercultus Platz. Es kann daher nicht Wunder nehmen, daß wir im salomonischen Tempel, obwohl er sich im Ganzen an das mosaische Heiligthum anschloß, auf mehrfache Verletzungen der mosaischen Symbolik stoßen. So auch hinsichtlich der Cherubim. Zwar wurde die Bundeslade mit 29