Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 28 (7.7.1885)
- Date
- 1885-07-07
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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"Allgemeine Zeitung des Iudenthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich.! HerüNsaeaebeN VON Preis vierteljährig »Mark. Llbonnej o o - Rabbiner Dr. Ludwig Wlivploi, in Bonn. Postämtern, außerdem durch den Buchi J ' T Handel. -GXpeöitiorr: Leipzig, Woßpkcth 18.! o.n icbactioncllcn AngelegenIieiten inende man ficti an l>r. Vbrlippson in J Bonn direet, in allen übrigen an die i Berlagghandlnng. Beilagen «lgebülir lll M.> sind gleiedialls an letztere einznsenden. 49. Jahrgang Leipzig, den 7. Juli 1865, Xo. 28. Inhalt. Leitende Artikel: Der Bankerutt des Antisemitismus. II. — Tie Juden in Medina. — ^hilo. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Bielefeld. Halle, Breslau, Erlangen. Au» Schlesingen. — Italien: Florenz. — Großbritannien; London. — Bonn: Notizen. — Brüssel: Literarische Notizen. — Feuilleton: Leestnem. £ci-tv'yiC>e Ctitil;«!. Bonn, 1. Juli. Der Bankerutt des Antisemitismus. In zwei Bildern. II. 2. Der intellektuelle Bankerutt. Nachdem der Antisemitismus als brutale Agitation und als Partei sich bemeiklich gemacht, traten natürlich sogenanute Intelligenzen hinzu, um jenen womöglich ein grundsätzliches Motiv, eine systematische Begründung zu verschaffen. Ter Antisemitismus kämpfte von vornherein mit nichts als einer Menge Behauptungen und Anschuldigungen, die er auf die Juden häufte, und deren Begründung nur aus den vorhandenen Borurtheilen und aus den Erscheinungen der Vergangenheit gezogen war. Da figurirte die Beherrschung des Kapitals, die Beherrschung der Preffe, die „Verjudung" der deutschen Nationalität, das Streben nach Weltherrschaft, der größere Antheil am Berbrecherthum, die Ueberschwemmung Deutschlands mit „hosenverkaufeuden, polnischen Jünglingen", der jüdische Wucher, die Feindseligkeit gegen das Christeuthum u. s. w. Einsichtlich ist cs, daß, namentlich in einer Zeit der industriellen und finanziellen Krise, der Unbehaglichkeit in den wirthschaftlichen Zuständen, alle diese Anklagen recht vielen Anklang, besonders in den sogenannten gebildeten Kreisen, fanden. Aber unsere Zeit ist doch nicht angethan, bloße herbe Anklagen ohne Kritik in längerer Dauer anzunehmen. An Widerlegungen, an Beweisen für die Unhaltbarkeit jener fehlte cs nicht, und als sich das Volk uuisab, um in der Wirklichkeit der Dinge die realen Beweise zu finden, stieß es auf solche nicht, und traf höchstens in den j großen Centren auf Veranlassung zu antipathischen Gefühlen.!Am ehesten zeigte sich die Tüchtigkeit und Unhaltbarkeit der j ganzen Tendenz, als cs sich um die Frage handelte, was denn nun! gegen die und mit den Inden zu thun sei? Ter brutale Anti-; semitismus hatte nur die Antwort: Ausrottung der Juden — aber die ging in unserer Zeit nicht mehr. So etwas brachten Hunnen und Vandalen, Kreuzfahrer und spanische Inquisition (gegen Mauren und Juden) zu Wege, aber das 1t). Jahrhundert und der gegenwärtige Staat konnte solche mordlustigc Pläne, selbst in Rumänien, nicht dulden. Dann schlug er die Austreibung vor. Diese hatte schon nähere Beispiele, und die Aufhebung des Ediktes von Nantes und die Vertreibung , der Zillerthaler aus Tirol boten anziehende Vorbilder. Aber auch damit ging es nicht; denn schon Pharao und Maria Theresia halten die Einsicht, daß sie durch die Austreibung der Juden dem Staate selbst den größten Schaden thäten, daß das Hinauswerfen so vieler Arbeitskräfte und nützlicher Werkzeuge des Verkehrs der Gesammtheit bedeutenden Nachtheil brächte. Die Forderung einer solchen Gewaltmaßregel gegen eine halbe Million Deutsche und anderthalb Millionen Oesterrcicher konnte nur Verachtung für die Urheber cinstößen. Man griff deshalb nun zur Zurücknahme der Gleich-; stcllung, zu Ausnahmegesetzen, Beschränkungen, Bedrückungen. 1 Das hieße jedoch nichts Anderes, als den Umsturz der Verfassungen, die Rückkehr in die mittelalterliche Zeit der Privile-