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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1838-11-22 · Heft 140 (22.11.1838) · p. Seite 566

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
2 (1838)
Issue
Heft 140 (22.11.1838)
Date
1838-11-22
Page
Seite 566 (sequence 4)
Language
German
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566 Corres porrdeuzeu, Auszüge, Replikc n. Aus dem Regierungsbezirke Düsseldorf. Oktober. G e m eiudewese n. Essen. — Ihr gemeinnütziges Blatt hat auch in unfern Bezirken die gebührende Anerkennung gefunden, und ist auch der Geist der Boir bei uno im Allgemeinen noch nicht so wie bei den mehr nach üievDcn wohnenden Juden, vorgeschritten, \o dürfen wir doch kühn behaupten, daß wir nicht gan,s_ zu. rückbleiben werden, wenn andere Gemeinden sichtbar das Bcstere aufnahmen. — Unsere Gemeinde au* fast 40 Familien bestehend, har sehr verschiedene Denker über Religion. Wir haben strenge orthodoxe, halbonbodore, dann einige aufgeklärte Mitglieder in der Gemeinde/ Liese Verschiedenheit der Denkweise^ ist's gerade, was jede neue Institution, jeden Vorschlag zur Besserung io schwierig durchzusühren macht, und bei allen Neuerungen in Bezug dev Gottesdienstes sott nur ein allmähligeS Forrschrelcen sichtbar fern. Noch vor 5 Jahren, wo die hiesige Gemeinde schon fast eben so zahlreich war, kennte sie als Muster der Unordnung, der Zwietracht und deo Illiberalismus unter ihren Glaubensschwestern ausgezählt werden, und heute nach Verlauf von 5 Jahren muß ich's zum Lode derselben sagen, ist zur Beycrung Erbeblichesgeschchen. Diese Umgestaltung, namentlich der kirchlichen Verbaltnche, verdanken wir dem zeitigen Vorsteher Herrn Wolf Kaufmann, einem eben so biedern alb waecern Mitbürger, dessen Streben ohne allen Eigennutz, unermudet darauf dinauszielt, Eintracht und Friede in der Gemeinde selbst, Ruhe und Würde beim Gottesdienste zu erhalten. Und wenn auch theoretisch vielleicht Einer oder Anderer der Gemeinde ibm überlegen sein sollte, so ersetzt bei ihm Elfer und Unverdrossenheit, verbunden mir einer natürlichenGuunülhigkeit, das Fehlende durch praktische Erfahrung und vorsichtiges - Einschreiten. — So ist cs ihm gelungen, den Mißbrauch des Mi zw o tversteigern s abzubringen, und diesen Ertrag der Kaste, durch mäßige Auflagen auf die beirragsfüyigen Gemeindegliedcr, zu ersetzen, wodurch denn manche scandalose Sccnen, die den Gottesdienst nur unwürdig entweihen, vermieden werden. Eben so sieht er strenge aus jede Störung durch Plaudern, Rufen, Umherlaufen während des Gottesdienstes, und wenn auch Anfangs einzelne hartnäckige widerspenstige Ruhestörer sich der -guten Sache nicht fugen wellten, so muß man nunmehr zum Ruhme der Gemeinde gestehen, daß so gut es nach altem Ritus geht, unser Gottesdienst jetzt einem solchen wohl ähnlich sieht. Freilich konnte Manches noch' abgeschasst, und Zeitgemäßeres an dessen Stelle treten; allein dazu dürfte cs wach bei Vielen noch zu früh sein, und so halte ichs meiner für bester, die bestehende Ordnung in der Gemeinde zu erhalten, als durch voreilige Reformen der Sache nur hindernd in den Weg zu treten. Auch bei Leichenbegängnissen fehlte cs hier vormals an allem äußern Anstand und Takt. Seitdem aber die Gemeinde sich vor Kurzem einen neuen Gottesacker angckauft, wurde von mehrern Seiten der Wunsch rege, nunmehr auch unsere Lobten, wie es andere Conscffioncn langst thun, anständig zu beerdigen. Unter energischer Mitwirkung des Vorstehers wurde daher anständige Bekleidung, dann paarweises Zusammengehen, der die Leiche begleitenden Individuen zur ausdrücklichen Bedingung, gemacht. Die Leidtragenden geben dicht hinter der Leiche, diesen schließen sich der Vorsteher und die Gemeinde-A'eltesten an, die Träger werden vorher bestimmt, unb darf eine Aenderurig nicht stattfinden. Obgleich Liese Ordnung erst in neuester Zeit-gehandbabt worden, so darf icb naiv fcf weiche ln, daß der bei unserm feierliche Acrus in unsrer Gemeinde, immer würdiger, der Handlung angemessen, gehalten werde. — f Sehr fühlbar aber wird der Mangel eines tüchtigen wissen: schafttich gebildeten Predigers bei uns, und ich glaube es mit Sicherheit behaupten zu können, daß unsere jüngere Generation allgemein, unsere altere Gemeindeglieder größtcnrheils dafür empfänglich wären; aber woher die drittel nehmen, einen solchen $u besolden l Traurig ist es, daß in kleinen Orten wie der Unsrige, nicht die Einrichtung allgemein getroffen ist, daß der Lehrer, den doch fast jede kleinere Gemeinde schon ziemlich anständig besoldet, wenigstens so viel Kanzel-Beredsamkeit besitzt, eine logisch richtig geordnete Rede an Sabbat lind Festtagen abzuhalten, was doch aus die Jugend insbesondere die ersprießlichsten Wirkungen erzengen mußte, während durch die der Mehrzahl unverständlichen hebräischen Gebete das jugendliche Herz durchaus nicht zur wahren Andacht gestimmt werden kann. Bei den einstweiligen pccuniärcn Verhältnissen unsere^ Gemeinde werden wir furerft leider noch darauf verzichten wüsten, nichts desto weniger gebe ich die Hoffnung dazu nicht ganz auf. — So viel von unserm Kirchenwejcn. — Was unsere Schul- und Erziehungs-Anstalten betreffen, so ließe sich darüber weniger Erfreuliches sagen. Wir besitzen außer den christlichen Bildungsschulen, Gymnasium :c. auch eine jüdische Gemeindeschule unter der Direcrion des Herrn Adler, die in ihrer jetzigen Gestalt vielleicht schon 10 Jahre besteht. Hierin genießen fast saumuliche jüdische Kinder den hebräischen und'deutschen Elementar-Unterri ehr, weicher Letzterer einer jährlichen Prüfung unter Vorsitz der Schul-Eommission unterworfen ist, und wollen wir's dem Urtheile jener sachkundigen Männer überlassen, was darin geleistet wird. Mit dem hebräischen Unterrichte sind die Kinder, die eine Hälfte des Tages beschäftigt. Was hierin geschieht, ist mir bis jetzt unbekannt geblieben. So viel aber meine ich mißfällig bemerken zu mügen, daß alle Confirmanonen bei unfern Knaben noch immer darin bestehen, daß sie wie vor IDO Jahren, sobald sie 13 Jahre, d. h. P2 geworden, eine sogenannte in der Synagoge ablesen, und wenn diese maschinenmäßig abgeleiert werden, ohne daß sie manchmal selbst den Inhalt verstehen, die Feierlichkeit der Confirmation für beendigt anzusehen ist. Könnten nicht wie an vielen andern Orten unsere Knaben.auch ein auf die Grundpfeiler unserer Religion begründetes Glaubensbekenntnis; oblegen, und dadurch öffentlich die Religion worin sie geboren anerkennen, und das Festbalten an ihre Gesetze betheuern ’t Ein solcher. Knabe wußte wenigstens, daß mit seinem 13ren Lebensjahre eine ernstere Periode seines Lebens begönne, daß er als Jude besondere Pflichten habe, und warum er der Religion seines Vaters treu bleiben wolle. — Eine Prüfung in der Religion mußte unbedingt stattfinden, und eine Rede und Ermahnung des Lehrers an die Eltern und den confirmirten Knaben könnte die Feier beschließen. Auch die Mädchen, die bei uns vom Synagogen-Besuch ganz.ausgeschlossen sind, müßten sich einer eben solchen Prüfung und Confirmation unterwerfen; denn sie müssen ja ebensowol als der Mann die Pflichten gegen Gott und ihre Nebenmenschen erfüllen lernen. Wünschend, daß bei uns der Sinn für das Bessere sich so fort bewähren möge, wie er seit einiger Zeit begonnen, setze ich das Vertrauen auf Gott, daß wenn wir Eintracht und Friede im Innern als unser engstes Band festhalten, wodurch nur etwaö Gutes und Dauerndes befördert werden kann, es uns gelingen wird einst sagen zu können, wir haben gemeinschaftlich daH Gute befördert, wir brauchen uns jetzt nicht mehr zu schämen, öüf unsere Milbrüder hinüber zu schauen. Ein Freund des Guten. Redacteur: Irr. L« Philippen. — Verlag von BaumgartnersBuch Heilung. — Druck von I. V. HLrfchfetd.

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