Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 26 (23.6.1885)
- Date
- 1885-06-23
- Page
- Seite 422 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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422 Edinal mit einigen Soldaten, die mit der Bewachung der Fahne beauftragt sind. Siebentausend Preußen dringen in die Stadt, welche nicht vertheidigt wird. Philippe reißt die Fahne von ihrem Schaft und verbirgt sie unter der Erde im Gesängniß. Nach dem Waffenstillstand beeilt er sich, seinen Schatz zu suchen, bringt ihn dem Erzbischof, welcher mit Thronen im Auge den jungen Offizier umarmt, welcher sein Soldatenwort gehalten hatte. Diese Fahne, von Kugeln durchbohrt, weht in dem Schiffe der Kathedrale, nach einem der letzten Willensäußerungen des patriotischen Bischofs, der als Erzbischof starb. — Im Dorfe Mennetou, zwischen Vierzon nnd Blois, hatte Ihr Secretair die Ehre, einen Bor- Posten zu commandiren. Man zeigt ihm eine Gruppe Reiter (feindliche Eclaireurs). Um die Leute zusammenzurufen, die er befehligt, muß er bis ans Ende des Dorfes laufen. Während er die Hauptstraße durcheilt, hört er Geschrei! Ein ganz junges Kind war in das Hammerwerk eines Hufschmiedes gefallen. Die Pflicht des Offiziers ist, zu seinen Soldaten zu eilen. Die Pflicht des Menschen von Herz ist, das Kind zu retten. Der Retter trägt den Sieg über den Soldaten davon und das Kind ist gerettet. Die Behörden übergeben unserem Freunde einen Brief, den er als kostbares Andenken bewahren sollte. Einige Tage vorher kleidet sich der Offizier in Lumpen und verkleidet sich als Bettler, zieht allein nach Blois, spaziert in der Stadt umher und bringt dem Chef des Generalstabes den Namen der feindlichen Regimenter, sowie die Anzahl der Kanonen, deren Jnspection er beigewohnt hatte. — Schließlich gehörte unser tapferer Kamerad zu jener Armee des Westens, welche mit der Jnternirung in der Schweiz endete, jenem gastfreundlichen Lande, das die dankbaren Herzen nicht vergessen dürfen. Dreiundsiebzigtausend Mann mußten nach der Convention ihre Waffen abgeben; indem sie die Grenzen überschritten. Während dieses Durchzuges traurigen Angedenkens, besetzt Philippe das verlasiene Fort von Joux und von der Höhe dieses Adlernestes, wo die dreifarbige Fahne wehte, beschützt er den Rückzug, indem er die Straße von Pontarlier beschießt, welche von dem Feinde überschwemmt wird. Er ist der letzte der französischen Offiziere, der die Schweiz betrat. Ihm und seinen 50 Mann war eine besondere Ehre bestimmt. Der General der Bundesarmee bestehlt, daß diese kleine Gruppe vonBertheidigern mit Waffen und Bagage in die Schweiz bis nach Neufcharel vorgehe. Der General Pellu de la Barri^on, jüngst noch Gouverneur von Neu Caledonien, bestätigt diese Thatsache. Unser neuer Secretair ist unermüdlich. In der Schweiz erfährt er, daß die Sterblichkeit unter unseren erschöpften Soldaten groß ist. Er organisirt ein Conzert und vor 400 Offizieren füllt er ganz allein ein künstlerisches Programm aus. Die Einnahme betrug 1500 fr. Er geht nach Fraunfeld in der deutschen Schweiz. Dort spricht man nicht mehr französisch, aber Philippe spricht deutsch. Er übergiebt dem schweizerischen Präfecten seine 1500 fr., um 20 Soldaten, die fern vom Vaterland gestorben sind, ein Grabmal zu errichten. Es werden Diejenigen,-welche eines Tages dortbin gehen, sich auf den Kirchhof begeben, dort werden sic eine hohe Granitsäule sehen und auf einer Marmorplatte folgende Worte mit goldenen Lettern eingegroben erblicken: Monument, errichtet von dem Lieutenant Edouard Philippe. Andenken eines Franzosen an seine Kameraden. Seit 1869 hat Philippe schon vier Rettungen in Paris vollzogen. Wenn er von uns eine Belohnung verlangt hätte, würde er sie erhalten haben. Er hat vorgezogen, einen Preis für die schönen Thaten Anderer zu stiften. Ich habe in dieser Versammlung nicht die Miffion, von dem zu sprechen, was die Künstler den kleinen blauen Mantel nennen, ich überlasse diese Pflicht der Gesellschaft der Ermuthigung zum Guten, welche, wie ich weiß, ihm in nächster Zeit eine lieber - raschung vorbehält. — Ich vermag nicht zu schließen, ohne Ihnen zu sagen, daß Philippe, der vom General Cambriels zum Lieutenant in der Armee der Vogesen ernannt worden ist, von dem tapferen und betrauerten General Clinchant, dem Gouverneur von Paris, für die Ehrenlegion vorgeschlagen worden ist. Wenn das Actenstück in den Kästen der Kanzlei schlummert, so habe ich die feste Ueberzeugung, daß das Erwachen nicht auf sich warten lasten wird. Unser Kamerad Philippe hat als dramatischer Autor in seinem jüngsten Stück „Kleber" seine patriotischen Gefühle ertönen lasten. Er hatte dies nicht nöthig. Seine Vergangenheit sprach für ihn und für die Wahl, welche Ihr Verwaltungsrath traf, indem sie ihn zum Generalsecretair ernannte. Es ist jetzt an Ihnen, meine lieben Genossen, diese Wahl zu bestätigen. Ist es noch nöthig zu sagen, daß die Versammlung mit einstimmigem Beifall die Wahl ihres Comites begrüßte? Vermischtes. Erzbischof und Rabbiner. Die Arch. isr. theilen aus Rheims mit, daß vor einigen Tagen der Rabbiner von Rheims, Herr Emil Cahen, vom dortigen Erzbischof, Herrn Langcnieux, eine Zuschrift erhielt, in welcher er um seine Anwesenheit bei dem Jahresgottesdienst in der Kathedrale für die Ruhe der Seele der Mutter des Erzbischofs, die im Jahr vorher verschieden war, gebeten wurde. Die Antwort des Rabbinen war zustimmend, und