Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 24 (9.6.1885)
- Date
- 1885-06-09
- Page
- Seite 386 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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gängig eine antisemitische Gesinnung hegen und bethätigen.. Nun sind die Czechen auch keine großen Judenfreunde; aber! sie besitzen die Klugheit, Alles, was sich dem Czechenthum zuneigt, mit freundlichem Sinne zu behandeln und ihnen gleiche Gerechtsame zuzusichern. Die Deutschen sind weniger politisch, und haben nicht selten nicht bloß nach einem Wahlkampfe. sondern selbst während eines solchen ihre Antipathie gegen die Juden fühlbar gemacht. Aber ganz abgesehen hiervon hat es die Erfahrung gezeigt, daß die jüdische Jugend mit ihrer enthusiastischen Anlage überall der vorherrschenden und vordriugenden Nationalität sich begeistert anschließt, während die ältere Generation auf ihrem gewohnten Lebensgange verharrt. Aus Ungarn, 25. Mai. (Privatmitth.) Die erste Session des ungarischen Reichstages ist beendet. Der Gegenstand der Berathungen und Beschlüffe war die Reform des Oberhauses. Die von der Regierung beantragte Vertretung des Judenthums als anerkannter Religionsgenosienschaft wurde vom llnterhause mit großer Majorität angenommen, vom Oberhause verworfen und darauf vom Unterhause fallen gelaffen, jedoch mit der ausdrücklichen Bemerkung, daß es hierein willige, um das Reformgesetz überhaupt zu Stande kommen zu laffen. Dieses negative Resultat wird von Seiten der Juden mit ruhiger Resignation ertragen. Ein weiteres Moment haben die Antisemiten, trotzdem sie eine Fraction von 20 Mitgliedern bildeten, nicht erreicht, nicht einmal, als sie gegen die vermeintliche, vom Ministerpräsidenten geleugnete Ueberschwemmung durch russisch-jüdische Einwanderer protestirten. Aber eine andere Seite hatten die Verhandlungen, nämlich daß der größte Theil der Zeit der Session durch die Deklamationen der Antisemiten ausgefüllt war. Sie haben dabei eine Kraft der Lunge entwickelt, wie sie von keiner andern Fraction erreicht wird. Daß ne aber auch hiermit nichts erlangten, dafür spricht die Thatsache, daß die bedeutendsten Führer der Fraction, Jstoczy selbst und Pater Zimandi aus der Fraction ausgetteten sind, und zwar mit der ausdrücklichen Angabe des Motivs, daß sie „materiell und moralisch keine Unterstützung bei der Mehrheit des Landes“ fänden und selbst ihr Parteiblatt aufgeben mußten. Mit diesem Resultat können wir zufrieden sein. Es war längst kein Geheimniß mehr, daß die Antisemiten zum Bewußtsein ihrer Ohnmacht gekommen; aber sie wollten dies durch Lärmen, Geschrei und Reden verheimlichen und ihr Ansehen erhalten — bis es eben nicht mehr ging, und sie selbst mit dem Ende der Session ihre Nichtigkeit bekunden mußten. Frankreich. Paris, 20. Mai. (Privatmitth.) Die in diesem Blatte wiederhol! ausgesprochene Besorgniß, die eventuelle Streichung des Cultus-Etats würde die jüdischen Gemeinden Frankreichs in finanzielle Verlegenheiten stürzen, aus denen sie sich nur mit großer Mühe würden retten können, diese Besorgniß, meine ich, möchte sich nicht als so begründet Herausstellen, wie es den Anschein hat. Denn im Grunde deckt das Staatsbudget — abgesehen von den Kosten der Consistorialversassung — doch nur einen geringen Theil der Cultuskosten der Gemeinden. Einen Beweis hierfür liefert der Jahresbericht der Gemeinde in Lyon über 1884. Die Gemeinde hatte für Zinsen ihrer Schuld 0100 fr., für den Cultus 20,000 fr., für den Unterricht 3600 fr., für den Friedhof 1600 fr., für Wohlthätigkeit 2400 sr., generelle Kosten 7000 fr., zusammen 43,000 fr. zu zahlen. Dem gegenüber steht die Einnahme i von 45,800 fr, wovon mehr als die Hälfte aus dem Preise für die Plätze im Tempel erfloß. Außerdem besitzt die verhältnismäßig junge Gemeinde mehrfache Stiftungen. Bei einem solchen Bcrhältniß würde cs kaum Schwierigkeiten haben, die durch Streichung des Cultus-Etats bewirkte Linke geeignet auszufüllen. Möchten recht viele jüdische Gemeinden j Frankreichs sich in so günstiger Lage befinden! Rußland. Petersburg. 20. Mai. Aus Petersburg wird heute gemeldet, daß dem Reichsrathe das von der Judencommiffion unter dem Grafen Pahlen ausgearbeitete Regulativ zugegangeu ist, betteffend den Einttitt derjenigen Juden, welche das Gymnasium absolvirt haben, in die Universität. Für die Berathung des Regulativs ist die Dringlichkeit beantragt worden. Dorpat, 25. Mai. (Privatmitth.) Zu einer Zeit, wo es den in der Reserve dienenden jüdischen Soldaten, welche stets fürs Vaterland einzutreten bereit sind, nicht mehr gestattet ist, mit Weib und Kind in der Residenz zu wohnen; zu einer Zeit, wo eine Abart des Tißa-Eßlarer Prozesses in Luzin verhandelt wird und wo der Drang nach höherer Bildung von Seiten der jüdischen Jugend zur vorwmfsvollen „Frage" geworden ist, — verdient es desto mehr hervorgehoben zu werden, wenn in den weiten Grenzen Rußlands Männer von Geburt»- und geistigem Adel eine Lanze für die jüdische Bevölkerung, wenn auch nur ihres Gebietes,; brechen. — Wie die „ Nowosti" berichten, wurde nämlich in Helsingfors in einer der letzten Sitzungen über das Gutachten der Petitionscommifiion die Lage der jüdischen Bevölkerung Finnlands betreffend, verhandelt. Laut Bestimmung vom 26. Januar 1779 war es den Juden bloß in Stockholm und einigen anderen größeren Städten gestattet, Synagogen zu haben, (— dieses Gesetz ist in Schweden selbst längst aufgehoben. — Redact.) was auch für Finnland volle Kraft harte; es zeigt sich jedoch, daß daselbst ca. 1000 Personen