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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-05-26 · Heft 22 (26.5.1885) · p. Seite 358

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 22 (26.5.1885)
Date
1885-05-26
Page
Seite 358 (sequence 14)
Language
German
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358 einen Gottesdienst, so hehr und wahr, daß der Herrr der Welt1 2 daran Wohlgefallen findet. Hier ruft ihm jede Stelle, jede Stunde das Prophetenmorl*) in's Gedächtnis: „Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Füße; wo1 ist das Haus, das Ihr mir bauen wollt!" Und doch drängt es den Fremden, das Heiligthum aufzusuchen, das Menschen zur Stätte des Gottesdienstes gegründet haben, und mit inniger Sehnsucht blickt er nach der Perle'-) der Tage, nach dem Sabbath aus, an welchem das Gotteshaus weit hin seine i Pforten öffnet und eine große Gemeinde zu Andacht und Gebet einzieht. Kaum giebt es einen namhaften Kurort in Deutschland, wo nicht. Dank der großsinnigen Denkart oder der glaubensvollen Gesinnung der jüdischen Kurgäste, eine! Synagoge besteht, die mehr oder weniger hoheitsvoll und prächtig unter den Bauten des Orts ausragt. Denn die Fremden sind es zu gutem Theil, deren reiche Beiträge den stolzen Bau ermöglichen und welche der einheimischen Gemeinde, die voll Freudigkeit, aber auch voll großer Verantwortung das Werk zur Ehre Gottes und Israels geplant und geschaffen, die daraus entstandenen Verpflichtungen tragen helfen. Was will da noch die Klage über Mangel an heiligen Idealen und religiösem Gefühl bedeuten, wenn solches Zeugniß inniger, thatkräftiger Antheilnahme an der Förderung ehrwürdiger Schöpfungen dagegen spricht und viele Hunderte aus allen Schichten des Badepublikums, aus allen Theilen der Welt, sich im Gotteshause zusammenfinden, um zu Dem zu beten, vor dem sie alle geeint sind im Glauben der Väter. Dabei muß ich freilich an eine Gruppe unter den Badegästen denken, welchen der Synagogenbau wenig behagt und die lieber für andere Einrichtungen eintreten, die nach ihrer Meinung auf dem Boden des religiösen Lebens belangreicher als Synagogen sind. Ich habe cs selbst erlebt daß in einem Kurorte, in welchem ein Synagogenbau in Angriff genommen werden sollte, ein im fernen Osten lebender Rabbiner, der hier als Kurgast anwesend war, dein Vorsteher der jüdischen Gemeinde darüber Vorstellungen machte, daß eine Synagoge durchaus nicht nöthig wäre, wohl aber ein rituelles Frauenbad, und daß die vorhandenen Gelder zur Herstellung eines solchen verwendet werden möchten. Ter Vorsteher, ein hochbejahrter, frommgesinnter Mann versicherte mich, was ich mir allerdings selbst sagen konnte, daß die ganze Gesellschaft, in deren Namen der Antragsteller gesprochen, niemals auch nur mit einem Kreuzer an irgend welcher gemeinnützigen Angelegenheit im Badeorte betheiligt wäre. Allein, verehrter Freund, war dem nicht immer so und darf es uns erregen, daß in unfern Tagen ebenso wie in politischer Hinsicht, auch in religiöser die Ideale verschieden 1) Jesaias 66, l. 2) Kusari III, 5. sind? Als zwei Männer, deren Namen uns der Talmud') aufbewahrt hat, an der Synagoge in Lydda vorüber gingen, rief der eine von ihnen begeistert aus: „Wie große Summen haben meine Vorfahren zu diesen Bauten hergegeben!" Der andere aber bemerkte dagegen: „Ja, große Summen; aber konnten sie diese nicht lieber zum Unterhalt der Gelehrten verwenden?" Es kommt immer nur auf das Maaß der Wahrheit und Treue an, das den Bestrebungen der Menschen zu Grunde liegt; überall wo jenes hinreichend besteht, müssen wir diesen mit Achtung und Schonung begegnen. Einer andern Erwägung konnte ich mich beim Anblick der stolzen Gotteshäuser nicht entschlagen. Wie viel Sorge, sagte ich mir, trugen in früheren Jahrhunderten die Gelehrten, daß der Prachtbau der Synagogen, den Talmud*) und Codices^) empfehlen, nicht Mißfallen bei der nichtjüdischen Bevölkerung erregen.c) In unfern Tagen hingegen setzen alle großen Gemeinden sorglos eine Ehre darein, ihre Synagogen im großen Stil zu bauen und einzurichten, und hier im Badeorte wird das jüdische Gotteshaus, architektonisch ausgezeichnet neben den christlichen Kirchen, vielleicht neidlos für eine Zierde des Orts angesehen und in Stunden des Gottesdienstes auch von Nichtjuden, die aus Aller Herren Länder zusanuuengeströmt sind, mit Ehrfurcht betreten. Ost habe ich Geistliche und Laien der christlichen Bekenntnisse in andächtigem Gebet in der Synagoge während des Gottesdienstes gesehen oder beobachtet, wie sie mit ehrfurchtsvoller Aufmerksamkeit den Vorgängen im jüdischen Gottesdienste folgten, und ich konnte nicht umhin, mir den beseligten Frieden in der Brust des Propheten auszumalen, der mit heiliger Scheu vom Gotteshause in Juda ausruft:") „Mein Haus wird ein Haus des Gebets und der Andacht genannt werden von allen Völkern." In einer gemischten, mosaikarktig zusammengesetzten Gemeinde, wie sie einzig und allein in der Synagoge eines Badeortes von internationaler Bedeutung vorkommt, kann man sich einer gewiffen psychologischen Beobachtung kaum entziehen, und dies um so weniger, als eine gottesdienstliche Uebung ihrer Natur nach den ganzen Menschen ergreift. Die Beschaffenheit des Geistes wie des Herzens kommen durch die Berührung mit der Freude und dem Schmerz, welche das gottesdienstliche Gebet in der Seele des Betenden wachrust, ' oder durch die Anregung, welche die Predigt zieht, zu besonderem Ausdruck; Bildung und Temperament werden im Gottesdienste gleichsam ans die Probe gestellt. Gewiß ist es vom balneologischen Gesichtspunkte aus richtig, den Sabbathgottesdienst mit dem „Ausheben" der Thora und der Thora- 3) Jerusch. Schekalim V, 4. 4) Toßeptha Megillah III. 5) Mann. H. Berh Habchirah I, ll; Tch. Ar. Orach Chajnn 15)0, 2. 6) Der synagogale Ritus in Frankl's Monatsschr. 1884 S. 219. 7) Jes. 56, 6.

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