Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 18 (28.4.1885)
- Date
- 1885-04-28
- Page
- Seite 294 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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294 Wetterhäuschen, um von dem Männchen oder Weibchen sich Bericht erstatten zu lassen. Umsonst! „Wer gab dem Regen ein Gesetz, wer schasst eine Bahn dem donnernden Blitz?" ^)! Der Kurgast kann sich einer gewissen Verstimmung nicht erj wehren; an jeder Bewegung im Freien verhindert, im frohen Gebrauch der Kur gestört, kann er der nachtheiligen Einwirj kung des Wetters aus sein Gemüth sich nicht entziehen. Aber j in deß Hand der Schlüssel zum Gewölbe des Regens ruht,^)! er zieht den Wind und den Regen ein und läßt am wölkenj freien Himmel das Taggestirn hervortreten, das der Kurgast,! die überstandenen Beschwerden bald vergessend, mit froher! Seele begrüßt. I Es hat mir immer Freude bereitet, dem Natursinn der Alten in den Sprachbildern nachzuforschen, die sie in ihren! Schilderungen anwenden, und vor Allem die Treffkraft zu bewundern, welche in dieser Hinsicht die Malweise der bibj lischcn Schriften — von dem großartigen Schöpfungshymnus! im Anfang derselben bis zu deren letzten Ausläufern in Hiob j und Psalmen — auszeichnet. Zumeist jedoch wurde ich im I Badeorte zu dieser Betrachtung angeregt, weil dort Alles das | Naturgefühl herausfordert und durch das beständige Hinaus'! weisen in's Freie etwas von antikem Wesen und Empfinden! in der fühlenden Seele des Kurgastes entsteht. Dann war j ich im Stande, in dem ausgerollten Naturgemälde das mit! untadlicher Meisterschaft gewählte Colorit zu bewundern, das i die Nachzeichner dem Original entlehnt haben, und konnte in; dem aufgeschlagenen Buche jede Stelle der Abschreiber in! ihrer Naturwahrheit und Treue wiederfinden und mich daran begeistern. Erinnern Sie Sich, verehrter Freund, des Bildes, das der Psalmist einmal von der Sonne entwirft: „Sie, wie der Bräutigam, der aus dem Brautgemach schreitet; voll Jubel, wie der Held, der zum frohen Lauf in die Bahn cintritt." 5 * 7) Sie haben in diesen wenigen Worten eine bcwundernswerthe Wiedergabe deffen, was nach einer bestimmten Seite hin zum Wesen der Sonne gehört, und finden darin vor Allem das Empfinden des Kurgastes vorgezeichnet, die Einwirkung, die er von dem sonnedurchstutheten Wetter empfängt, die Stimmung, mit welcher es ihn erfüllt. Voll Lust und Freude in den lichten Tag schauend, über deffen Verwendung er bald mit sich einig wird, strebt er von Anfang an aus der Enge des Hauses und der Straße in's Weite hinaus und plant eine „Partie", am liebsten zu Fuß, die ihn in stundenlanger Bahn durch Wald und Thal nach einem vielgenannten Berg oder einem anmuthig gelegenen Dorfe führt. Die Sonne hat's ihm angethan, die ihn früh weckt und in die vom Hauch der Lüfte und vom Sang der Vögel durchwehte Bahn hinausruft, — die ihm ein Gefühl 5) Hiob 28, 26. 6j Thaanith 2 a. 7) Ps. 19, 6. der Stärke in die Glieder gießt, daß er froh und leicht den Weg wandle, der ihn von Morgen bis Abend in Anspruch nimmt. Wie viele solcher „Partien" habe ich in guter Gesellschaft gemacht, von Frau und Kind begleitet, mit theuren Verwandten und Freunden gemeinsam! Wie viel Genuß haben sie mir bereitet, wie viele werthvolle Erinnerungen in mir zurückgelaffen! Unter freundlichem Himmel ziehen sie dann, Mehrere mit einander verbunden, auf herrlichen Waldwegen und blumenumsäumten Pfaden, darauf an leuchtenden Getreidefeldern und duftenden Wiesen entlang. Vor ihnen ragen Höhen und Bergkuppen empor und winken ihnen wie mit erhobenem Finger, — Wächter der gesammten Fluren, die sich ringsumher ausdehnen. Anmuthige Hütten und freundliche Bauten sind dazwischen gesät, die von dem betriebsamen Fleiß der Umgegend zeugen, liebliche Bogelstimmen erfüllen die Luft und begleiten den Kurgast auf der unbeschreiblich genußreichen Wanderung, und jeder Schritt hallt von dem Zurufe nach: „Gehe aus mein Herz und suche Freud', In dieser schönen Sommerzeit, An deines Gottes Gaben. s)" So erreicht der Kurgast das Ziel der „Partie", einen Berg, auf welchem ihn schon andere Gesellschaften zuvorgekommen sind, und noch ehe er an einen günstigen Standort zum Ausblick gedacht hat, steht er wie gebannt vor einem Reich der Schönheit, wonnetrunken vor der Fülle der Herrlichkeit, die vor ihm ausgebreitet liegt. Den ganzen Weg, den er zurückgelegt hat, überblickt er in seiner Ganzheit; die tausend Fäden des Entzückens, welche er vorhin von Schritt zu Schritt einzeln gesponnen, sieht er jetzt geeint an dem Wunderzauber Zusammenwirken, der ihn umfängt; der Vorhang ist aufgezogen im Tempel der Natur, und „Alles in diesem Heiligthum verkündet seine Ehre''). Dann erweitert sich die Seele des Schauenden; aus all' dem Frieden, den sie hier wahrnimmt und der auf sie einwirkt, zieht Ruhe und Frieden in sie selber ein; die Stimmung wird harmonisch, und durch das Enrpfinden geht heiliger Einklang, eine reinigende, läuternde Macht. Tenn es liegt im Wesen der Naturbeobachtung, daß sie das sinnliche Empfinden zur Ahnung von einem Uebcrsinnlichen steigert und über das Sichtbare hinaus das > Interesse an das Unsichtbare knüpft. Oder wie soll ich es bezeichnen, was mir immer wieder begegnete, wenn ich! niit Anderen zusammen von einer Höhe hernieder schaute und mich am Genüsse der Naturbetrachtung erfreute? „Sehen Sie dort, neben oder hinter diesem oder jenem Punkte, was i ganz verschleiert ist. die blassen, schwachen Formen — ich sehe sie jetzt ganz genau —: das sind die Umrisse von X, und jene sind die Spitzen von und Z." Ich will Ihnen! _ 8) Paul Gerhard. . 9) Pf. 29, S.