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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-04-28 · Heft 18 (28.4.1885) · p. Seite 293

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 18 (28.4.1885)
Date
1885-04-28
Page
Seite 293 (sequence 13)
Language
German
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293 Feuilleton. Aus der Provinz, im April. Kalneolozifche Knete eines Rabbiners. 9. Mrief. Wie im Beginn einer Bekanntschaft die Unterhaltung durch einen Austausch über das Wetter eingeleitet zu werden pflegt, so beginnt der Kurgast nach seinem Erwachen des Morgens damit, daß er aus dem Fenster lugt, um sich über das Weiter Kenntniß zu verschaffen und danach über den Tag zu verfügen. Seine Stimmung ist heiter, wenn sich ein leuchtender Tag ankündet: sie ist es nicht, wenn das Gegentheil stattflndet. Tadeln Sie cs nicht, verehrter Freund, daß dem Wetter ein derartiger Einfluß im Kurleben cingeräumt wird. Gewiß klingt es bedeutsam, daß der Mensch sich unabhängig vom Wetter machen und in seiner Lebensordnung, im Gebrauch seiner Kräfte sich die Herrschaft über die „Launen der Witterungwahren müffe; allein findet diese Mahnung vollen Wiederhall in der Wirklichkeit? Vermögen selbst die Energievollsten sich aus dem Zusammenhänge zu lösen, welchen die Natur geheimnißvoll geknüpft, Religion und Sprache durch den Glanz ihrer Bilder beglaubigt nnd verschönt haben? Schon die Verschiedenheit der Temperamente zwischen den Bewohnern des Südens und Nordens in unserm Erdtheil muß auf die klimatische Verschiedenheit dieser Erdstriche zurückgeführt werden. Auch wer sich eines gesunden Lebenstages erfreut, wird sich kaum der Wahrnehmung verschließen können, daß die Nerven, welche überall seinen Körper durchzittern, in einem gewiffen Rapport mit den Witterungsverhältniffen stehen, und daß diese mittelst derselben in ihm ein Gefühl von Lust oder Unlust erzeugen. Um wie viel mehr wird der Kurgast, der mit gespannter Aufmerksamkeit die Zeichen am Himmel seines balneologischen Lebens beobachtet und um deren Deutung ängstlich bemüht ist, durch die Wetterfahne in seiner Seelenstimmung beeinflußt werden, je nachj dem diese „eine Sonne verheißt, welche Heil ausstrahlt und Genesung auf ihren Fittigen trägt“1), oder eine solche, deren „Antlitz vom Gewölk verhüllt ist"-). In der That drehen sich, wie die Erde um die Sonne, im Badeorte alle Entwürfe des Kurgastes um die Frage nach dem Wetter — ob Regen oder Sonnenschein — das seine Stimmung bedingt, seine Pläne beherrscht und dem balneologischen Leben überhaupt eine bestimmte Physiognomie verleiht. Es regnet. Mit aufgespannten Schirmen drängen sich die Patienten während der Kurstunden des Morgens in der Kurhalle und eine weit größere Menge derselben vertritt sich gegenseitig den Weg draußen in den Straßen und Promenaden, die von unablässig rinnenden Ergüssen überströmen. Nicht ein Regen, der die Seele erquickt und das Ende absehen läßt; sondern ein solcher, der mit Macht das Scepter führt und es nicht so bald niederzulegen gerenkt, der schalkhaft „die Tropfen bräutlich paart"-') und dadurch, wie der Bolksmund sagt, eine längere Dauer ankündet. So viel Kaffeehäuser am Wege liegen, so viel zu erreichen sind, füllen sich eiligst mit Menschen und Schirmen und — Hunden, die ihren Herrn oder die Herrin nicht verlassen wollen. Das Frühstück wird servirt. Das Gedränge ist unbeschreiblich, der Lärm unerträglich und der Cigarrendampf von viel hundert Rauchern, einer undurchdringlichen Wolkenschicht ähnlich, breitet eine bläuliche Decke über all die zusammengcdrängten Gestalten und verdunkelt das schwache Licht, das dem trüben Tage draußen abgewonnen wird. Drei Stunden etwa dauert dieses unfreiwillige Zusammensein. Unter strömendem Regen, wie wir gekommen, wird der Rückweg augetreten und keuchend die Wohnung erreicht, in welcher wir von der überstandenen Mühsal ausruhen. Aber wer kennt nicht die Ausdauer eines Regeuwetters im Badeorte! Die Mittagsstunde ruft, die ungestraft der Kurgast nicht überhören darf, und während weder Rabe noch Taube, keiner der Roachidischen WetterboterN), sich hinauswagen, muß dieser sich entschließen, vom Wetter gepeitscht, in das Speisehaus zu eilen, in welchem er neben dem Mahle, das er genießt, zugleich alle Trübsal des Wetters auskostet. Denn Donner und Blitz finden sich zum Geleit des Regens ein und erregen die Einbildungskraft durch alle Schreckniffe, welche sie zu schaffen im Staude ist. Aber ob jene auch aufhören, der Regen hört nicht auf. Es regnet den ganzen Tag, es regnet am Abend, es regnet in der Nacht. Da Plötzlich wird der Kurgast, der sich nach Schlaf sehnt und der Ruhe bedarf, durch die mächtigen Gewalten, die er au: Tage vernommen, von Neuem erschreckt, und in dem Maße als die Nacht die Schreckbilder der Phantasie begünstigt, und als die Borsielluug des Kurgastes, der naturgemäß reizbar ist, diesen Bildern Raum giebt, steigt seine Unruhe von Minute zu Minute, und er wägt gegen den stutzen des Kurgebrauchs, der ihn heilen soll, den Nachtheil einer solchen Nacht und des voraufgegangenen Tages ab, welche die Kur entschieden beeinträchtigen. Tage vergehen, ohne daß das Wetter sich wesentlich ändert. Ter Kurgast sieht jeden Morgen nach dem Barometer am Eingänge der Brunnenhallen; er forscht nach dem Winee, aus welcher Richtung er kommt; er steht vor dem 1) Maleachi 3, 20. 2) Hesekiel 32, 7. 3) Thaanirh 6 b. 4) l. B. M. Cap. 8.

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