Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 139 (20.11.1838)
- Date
- 1838-11-20
- Page
- Seite 562 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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562 Meinung sein kann, das ist aber nicht die öffentliche Meinung; sie ist es so wenig, wie Jemand Zweifel aufzuwerfen' wagt, gegen die Wahrheit der Worte unseres edlen Königs in der Verordnung vom 6. September 1819: daß, „es mehrere zügellose und schlechtgesr'nnte Menschen in Kopenhagen waren, die sich erlaubt haben, Gewaltthatigkeiren gegen mehrere seiner Unterthanen," der Juden nämlich, auszuüben. Diese Worte veröffentlichte der König, als es eine allgemeine Meinung war, daß unser verwirrtes Finanzwesen das Werk der,Juden wäre, und er hatte hie und da noch die öffentliche Meinung für sich. So wird der König auch jetzt die öffentliche Meinung für sich haben, wenn er den Mosaiken in Dänemark Wählbarkeit -zugesteht. — (Fortsetzung folgt.) Corresporrdeuzeu, Auszüge, Repliken. Neubidschow, Oktober. Gottesdienst. Das rege Streben, das sich itzt allenthalben in den israelitischen Gemeinden kund thur, die in alle Verhältnisse eingreifende, fortschreitende Bildung auch in dem Kultus und der innern Form ihrer, in dieser Beziehung so lange vernachlässigten, Synagoge sichtbar werden zu lauen, hat auch bei uns feste Wurzeln gefaßt, die eine liebliche Pflanze an das Licht förderten. Es bestand nämlich bei uns seil uralter Zeit eine Snnagoge, die so klein und unansehnlich war, daß sie kaum zwei Drittheile der hiesigen Gemeindemitglieder fanen konnte, weshalb auch an Sabbat- und Feiertagen in mehrern Privcudausern Andachtsversammlungen veranstaltet werden mußten. DicserÄebelstand lag vielen gebildeten, und von wahrer Frömmigkeit beseelten Mitgliedern unserer Gemeinde seit langer Zeit am Herzen; es wurde Vieles darüber gesprochen, ohne daß man jedoch irgend eine wesentliche Veränderung vorgenommen hätte, bis es endlich vor einem halben Jahre, dem um unsere Gemeinde viel verdienten und allgemein hochgeachteten Vorsteher Herrn Joseph Herrmann gelang, mittelst einer, vor einer zahlreichen Versammlung gehaltenen, gewichtvollen Rede über die Notdwendigkcir einer wesentlichen Umgestaltung des Gotteshauses, sowol dem Raume als der innern Einrichtung nach, die Gemüther dergestalt zu begeistern, daß sie einstimmig für die Aufbauung eines, in allen Beziehungen, dem Zeitgeiste angemessenen Tempels, votirren. Von diesem Augenblicke an wurde nun kräftig zur Sacke geschritten, und es wäre fast unglaublich, wie in einer so kurzen Zeit und bei der Mittellosigkeit der meisten Gemeindemitglieder, ein so herrliches und im Innern so elegant ausgesckmücktes Gebäude zu Stande gebracht werden konnte, wenn nicht der Tempel in würdigster Pracht und im schönsten Glanze bereits da stünde. — Ich könnte Viele nennen, welche sich ungemeiner Aufopferung, die ihre Vermögensumstande weit überschritt, his zur Vollendung des neuen Gotteshauses unterzogen, jedoch ich fürchte ibrer Bescheidenheit zu nahe zu treten; ohnedieß belehnt sie ihr eigenes Bewußtsein und erwartet sie einst der Lohn des Herrn, und die Palme der um die Menschheit Hochverdienten. — Es drangt mich jedoch Einen zu nennen, und ihm im Namen Aller, denen die wesentliche Umgestaltung unseres Gotteshauses zur Freude und zum Tröste gereicht, vor den Augen der Welt innigsten Dank zu sagen, nämlich Herrn Jsak Lang» stein. Denn wenn, was nicht zu bezweifeln ist, jedem Kunstwerke und jeder wissenschaftlichen Abhandlung nicht das, was dem äußern Sinne schmeichelt, nicht der schöne Klang der Worte, sondern der Geist, so darin wohnt, erst den wahren Werth verleihet: so hat sich erwähnter Herr Jsak Langstein das vorzüglichste Verdienst um den Tempel erworben , indem er cs war, der die neue Synagogenordnung mit so. tief blickendem Geiste verfaßte, daß er den strengsten Anhänger an das Alte, und den kühnsten Neuerer vollkommen zu befriedigen verstand. — Was die Feierlichkeit selbst betrifft die am 11. Oktober d. I. mit so vieler Pracht und so vieler Ordnung begangen wurde, wie es von dem einmüthigen Wonnegefühle einer ganzen Gemeinde, und der sichtlich freudigen Tdeilnahme der Honoratioren und meisten christlichen Mitbürger unserer Stadt, so wie unter der klugen Anleitung und energischen Handhabung der Ordnung von Seiten unseres hochgeschätzten, früher« erwähnten Herrn Vorstehers nur immer zu erwarten war: so übergehe ich es, die detailirte Beschreibung derselben anzuführen; nur so viel sage ich, daß das Andenken an diesen Tag in unserer Gemeinde nie verlöschen wird. — Bei Uebergehung alles Uebrigen verdient jedoch erwähnt und hervorgehoben zu werden, daß die Feierlichkeit durch die Gegenwart vieler hohen Personen verherrlicht wurde, von denen ich blos die hochwoblgeborene Frau Gräfin KinSky, so wie den, statt unseres atlgeliebten und hochgeachteten Herrn Gubernialratheö und Kreishauptmannes, der Feierlichkeit beiwohnenden, sehr menschenfreundlichen und hochgeschätzten Herrn Kreiskommiffär Johann Kubesch erwähne, welcher letztere einige gehaltvolle, eine edle Gesinnung und Toleranz bezeugende Worte an die Gemeinde richtete. Ein unvergängliches Monument der Liebe und Dankbarkeit erwarb sich unser hochverehrte, von achter, umfassender Humanität beseelte Herr Bürgermeister Johann Stranik in dem Gemüthe eines Jeden unserer Gemeindemitglieder, indem er nicht blos durch seine verehrte Gegenwart bei dem ganzen Vorgänge den Glan; der Feierlichkeit um Vieles erhöhte, sondern auch von der Kanzel des Tempels herab eine äußerst gediegene Rede an die zahlreiche Versammlung hielt, in welcher ein so hoher Geist, und ein dergestalt veredeltes, alle Menschen mit gleicher Bruderliebe umfassendes Gemüth atbmcte, daß Zeder davon wahrhaft erbaut und erfreut wurde. Diese Rede sowol, als" die oben erwähnten Worte des Herrn Kreiskommiffärs sind bereits im Druck erschienen. Auch von "unserem gelehrten, und seines streng moralischen Charakters halber allgemein hochgeschätzten Herrn Rabbine wurde eine der Weihe des Tages angemessene, und die Gemüther erbauende Predigt in deutscher Sprache gehalten. — Schlußlich erwähne ich, daß während dieses Tages, so wie auf die ganze Zeit hindurch, bis wir einen tüchtigen Vorsänger engagirt haben werden, der mit einer klangvollen Stimme ausgestattete und der Musik kundige Herr Samuel BoriaS die Funktion des Vorsängers, so wie die Direction des aus der Mitte unserer Jugend gebildeten Chores aus edler Gefälligkeit übernahm, und sich dadurch um den Tempel und um unsere Gemeinde ungemein verdient machte. — Möge dieser Tag ein sprechendes Denkmal für künftige Zeiten sein, daß nur durch eine allgemein wechselseitige, keinen Stand und Religion ausschließende Liebe, dergleichen an diesem Tage in unserer Stadt sich zeigte, diese Welt zMr Paradiese umgestaltet werden kann! —- M» H. Redakteur: vr. L. Philipps»». — Verlag von Baumgartners Buchhandlung. — Druck von I. B. Hirfchfeld.