Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 13 (24.3.1885)
- Date
- 1885-03-24
- Page
- Seite 214 (sequence 14)
- Language
- German
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214 wage; daß er das Ansehen Israels nicht ehre und dein Rabbi Nochim die schuldige Ehrfurcht versage. Hersch wehrte sich stolz gegen einen Theil der ihm gemachten Borwürfe, zu Einigem bekannte er sich, es durch Gründe rechtfertigend, die weder das Volk noch seine Vorgesetzten als gerecht anerkannten. Das währte lange, bis es schließlich doch anfhörte. Die Anschuldigungen verstummten, die Jntriguen hörten auf; es verstummte auch derjenige, dem sie gegolten, er verschwand moralisch. Vorzeitig gealtert, verbittert, müde des unfruchtbaren Kampfes, zog sich Hersch völlig in den engen Kreis des Privatlebens zurück, befaßte sich mit dem Handel und mit vielen Geschäften, die jedoch nicht so einträglich waren als bei Anderen, da er nicht wie die Anderen über die Sympathien und die Hülfe seiner Mitbrüder verfügte. Was er in seinen letzten Lebensjahren gedacht und empfunden, hat nie Jemand erfahren, weil er sich Niemandem anvertraute. Nur kurz vor seinem Tode hatte er mit Frejda eine lange Unterredung. Seine Kinder waren noch zu jung, als daß er ihnen die Geheimnisse seiner getäuschten Hoffnungen, seiner vergeblichen Bemühungen, seiner unterdrückten Schmerzen hätte anvertrauen können. Er übertrug es ihnen durch den Mund der Gattin. Aber ob Frejda die Worte des sterbenden Gatten verstand und behielt, ob sie sie seinen Nachkommen zu übermitteln verstand und ob sie es gewollt, ist unbekannt. So viel steht fest, daß sie die Einzige war, die von dem Orte Kenntniß hatte, der das Testament des Seniors barg, jenes uralten Schriftstückes, das Erbgut nicht nur des Stammes der Ezofowicz, sondern des ganzen israelitischen Volkes, das vernachlässigte, unbekannte Erbe, in dem sich — wer weiß es — vielleicht tausendfach größere Schätze bargen, als diejenigen, die die Speicher und Schränke des reichen Kaufmannsgeschlechtes füllten. Die letzten Verordnungen und Gedanken des Seniors ruhten nun wieder im Verborgenen, abermals des muthigen und wißbegierigen Nachkommen harrend, der sie zu erwecken und ans Tageslicht zu fördern begehren werde. In dem kleinen Städtchen aber blieb nach dem Ableben des Hersch nicht eine einzige Seele, die sich nach Erleuchtung sehnte, kein Herz, das für mehr schlug, als für die eigene Gattin, die eigenen Kinder und hauptsächlich für das eigene Vermögen. Lebhaft ging es im Orte zu durch die Betriebsamkeit und Arbeit, die den Gelderwerb zum Ziele hatte, finster war cs dort in Folge der mystischen Zweifel und Schwärmerei, schwer und dumpf in Folge der unerbittlichen, kleinlichen, herzlosen Rechtgläubigkeit. In den Augen der Glaubensgenoffen des ganzen Landes galt die Bevölkerung von Sczybow als moralisch und materiell gleichmächtig, klug, unendlich rechtgläubig, fast heilig. Ueber dieser ganzen tiefen verfallenen Ebene hing eine Wolke aus den finstersten Elementen, die die Menschheit hervorbringt, gebildet, als da sind: Verehrung des todten Buchstaben, aus dem der Geist geschwunden, strenge Kasuistik, grobe Unwissenheit, argwöhnisches und gehässiges Verwahren gegen Alles, was aus der weiten, sonnigen, aber „fremden" Welt quillt. Vermischtes. Der Roman einer Erbschaft. Die schöne Rösele W. . . ., Tochter des aus Sulz in Baiern nach Hohenems eingewanderten Juden W., kam um die Mitte des vorigen Jahrhunderts als Hausrepräsentantin zu einer reichen Familie nach Livorno in Italien, wohin die Hohenemser lebhafte Handelsbeziehungen pflegten. Daselbst lernte ein reicher Engländer, Namens Löwi, der in Geschäftsangelegenheiten nach Livorno kam, Rösele kennen und heirathete sie nach einiger Zeit. Sie machten ein glänzendes Haus in London; die Ehe blieb jedoch kinderlos und als Herr Löwi starb, schrieb die Wittwe mehrmals an ihre Verwandten nach Hohenems, man möge ihr ein Kind aus der Familie schicken, das sie adoptiren wolle. Aber wegen der Verschiedenheit der religiösen Anschauungen zwischen der Hohenemser Familie und ihren weltstädtischen Verwandten in London, vielleicht auch noch aus anderen Gründen, wurde auf dieses Anerbieten nicht cingegangen. Im Jahre 1803 starb nun auch Frau Löwi und hinterließ ein immenses Vermögen einem Anverwandten ihres Mannes mit der Bedingung, daß dasselbe nach feinem Tode ihren Anverwandten zufalle. Bereits vom Jahre 1832 an erschien nun in den englischen Amtsblättern zu wiederholten Malen eine Aufforderung an diese Verwandten, um ihre Erbansprüche geltend zu machen. Aber es scheint Niemand von den Betheiligten die englischen Amtsblätter gelesen zu haben, und erst auf die letzte, im vorigen Jahre erfolgte amtliche Verlautbarung wurde ein Verwandter, der in Deutschland — wenn wir nicht irren, in Nürnberg — lebt, aufmerksam und seitdem wird die Angelegenheit mit Eifer betrieben. Die Erbschaftssumme beträgt nahezu zwanzig, nach anderer Version sogar siebenundfünfzig Millionen Mark und ist der Agnat der gegenwärtig in Wien im zweiten Bezirke lebende Lehrer Herr W. Es wird zur Realisirung der Erbschaft keines Prozeßes bedürfen. Bedeutende Banquiers Deutschlands, wie die Banquiers L und B. in Mannheim, nehmen sich der Sache an. Selbst der Großherzog von Baden und Graf Herbert Bismarck sollen sich für die Sache lebhaft interessiren und die nothwendigen Dokumente sind bereits in den Händen des deutschen Consuls in London. Bis in verhältnißmäßig kurzer Zeit kann also der Gegenstand erledigt und der arme Wiener Lehrer mehr-