Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 49 (1885)
- Issue
- Heft 12 (17.3.1885)
- Date
- 1885-03-17
- Page
- Seite 198 (sequence 18)
- Language
- German
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198 Abgeordneten stehen, verneigte sich tief und begann seine Rede; und mit flammenden Wangen. Dann, schon bei Tageslicht, wie folgt: erhoben sich beide und streckten gleichzeitig die Hände aus, die Ich bin Hersch Ezofowicz, Kaufmann aus Sczybow, ein j sich in festem Druck begegneten. Nachkomme des Michael Ezofowicz, der der Aelteste war! Worüber lasen sie die ganze Nacht, wovon sprachen sie, über alle Juden, und auf Befehl des Königs Senior hieß. | über was beriechen sie, welche feurigen und hoffnungsreichen Ich komme von sehr weit her. Und wozu bin ich herge-! Empfindungen vereinten ihre Hände zu festem Bunde? Nie kommen? Dazu, um mit eigenen Augen zu sehen den großen; hat es Jemand erfahren. Es verfiel in geheimnißvolles Abgeordneten und zu sprechen mit dem großen Redner, aus : Dunkel, das schon viel der sonnigsten Wünsche und Hoffnungen deffen Worten über mich gekommen ist eine so große Erleuch- > bedeckte. Verborgen waren jene Gedanken, aber nicht vertung, wie von den Strahlen der Sonne. Der Glanz ist! schwunden. Wir fragen uns oft: Woher diese blitzartigen Gegroß, aber hat mich nicht blind gemacht, denn, wie die j danken, dieses heftige Verlangen, die vorher nie Jemand ge- Pflanze aus dem Erdreich sich um den Stamm der hohen I kannt und wissen oft gar nicht, daß ihre Quelle dem Augen. Eiche schlingt, so will ich, daß meine Gedanken sich um Deine! blicke entspringt, den kein Chronist auf den Blättern der Geschichte erhabenen Gedanken schlingen und daß sie sich beide wie ein; festhalten kann. Regenbogen über die Menschheit ausbreiten, und daß dann i Am anderen Morgen fuhr vor dem Thore des Herrschafts, auf der Welt weder Streit noch Finsterniß mehr herrschei Hauses ein sechsspänniger Wagen vor. In denselben stiegen Als auf diese Anrede der Abgeordnete freundlich und' der Hausherr und sein israelitischer Gast, und sie begaben ermunternd antwortete, fuhr Hersch fort. A'ich auf den weiten Weg nach der Hauptstadt des Landes. Der gnädige Herr haben gesagt, daß man ewigen Frie-; Einige Monate darauf kehrte Hersch aus Warschau nach den machen muß zwischen zwei Völkern, die in ein und dem- Sczybow zurück. Nach seiner Heimkehr rührte er sich emsig selben Lande in Unfrieden leben? und eifrig im kleinen Städtchen und in der Nachbarschaft, Das habe ich gesagt, bestätigte der Abgeordnete. 'sprach, erzählte, erklärte und suchte zu überzeugen, warb Der gnädige Herr haben s o gesagt, daß der Jude in j und einte Parteigänger für die Veränderungen und Umwäl- Allem dem Christen gleichgestellt, niemals schädlich fein werde?Zungen, die sich auf allen Seiten für das Judenthum vor- Das habe ich gesagt. Der gnädige Herr haben auch gesagt, daß Sie die Juden als polnische Bürger ansehen, und daß es nöthig ist, daß sie ihre Kinder in weltliche Schulen schicken, und daß sie das Recht haben, Land zu erwerben und daß bei ihnen abgeschafft werden sollten verschiedene Dinge, welche weder klug; schwerer Stirne. Er trat in sein Haus, ließ sich schwer auf bereiteten. Dann begab er sich wieder auf Reisen, kehrte zurück und verreiste wieder. — So dauerte es mehrere Jahre fort. Plötzlich kehrte Hersch von einer seiner Fahrten, der letzten, zurück, sehr verändert, mit getrübtem Blick und sorgennoch gut sind. Das habe ich gesagt, wiederholte der Abgeordnete. Ta neigte sich tief die hohe ansehnliche Gestalt des Juden mit der stolzen Stirn und dem klugen Blick, und ehe der Abgeordnete Zeit hatte, um sich zu blicken, oder es zu wehren, hatte er seine Hand ergriffen und an die Lippen gedrückt. Ich bin ein Fremder, sprach er leise, ein Gast in diesem Lande, ein jüngerer Bruder die Bank nieder, stützte das Haupt auf und seufzte laut. Bor ihm stand Fredja, traurig und unruhig, aber still und geduldig. Zu fragen wagte sie nicht. Sie erwartete den Blick und das Vertrauen des Gatten. Endlich erhob er den traurigen und getrübten Blick und sprach: Alles ist verloren! | Warum verloren? flüsterte leise Frejda. Hersch machte mit der Hand eine Bewegung, wie wenn Darauf richtete er sich wieder auf, und in die Tiefen der■ ctwas Großes zusammengeftürzt wäre. Taschen seines Atlasgewandes greifend, zog er aus derselben ein Bündel vergilbter Papiere hervor. Was ich dem Herrn hier bringe, sprach er, ist mir theurer als alles Gold, Perlen und Diamanten .... Was ist es denn? fragte der Abgeordnete. Es ist das Testament meines Ahnherrn, des Michael Ezofowicz Senior. — Die ganze Nacht hindurch saßen die beiden und lasen emsig beim Scheine der Wachskerzen. Dann hörten sie aus zu lesen und begannen zu sprechen. Sie sprachen leise, die Köpfe ganz nahe zu einander geneigt, Wenn ein Haus zusammenftürzt, sprach er, so fallen Denjenigen, welche darinnen wohnen, die Balken auf die Köpfe und der feine Staub trübt ihnen den Blick. Das ist wahr! bekräftigte die Frau. Ein großer Bau ist eingestürzt, die Balken find auf alle unsere großen Aufgaben und Arbeiten gefallen, und der Staub hat sie verschüttet — für lange Zeit. (Schluß folgt.)