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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1885-02-03 · Heft 6 (3.2.1885) · p. Seite 95

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
49 (1885)
Issue
Heft 6 (3.2.1885)
Date
1885-02-03
Page
Seite 95 (sequence 15)
Language
German
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SS Im Verlaufe der hier stattfindenden jüdisch-wissenschaftlichen bezeichnet worden als die „Schönheit Japhe5s", die da ein- Vorträge hielt über das Thema „Die Pädagogik und das dringe in die „Zelte Sem's". Judenthum" der Prediger am Neuen israelitischen Tempel, Die Mädchenerziehung nach ihrer unterrichtlichen Seite Herr vr. Leimdörfer, am Sonnabend Abend im Theaterward wesentlich anders gefördert, als in unserer Zeit, die saale des Convent-Garten vor einem zahlreichen und gewählten Bildung für die stille Häuslichkeit, als deren schönes Symbol Auditorium einen Bortrag, der allseitig Beifall fand. Nach- Spindel und Rocken galten, blieb Hauptsache. Und doch ist dem Redner die Pädagogik als die Wisienschaft von der Erdas Judenthum nicht ein Volk der eigentlichen Wiffenschaft, ziehung des ganzen Menschen, seiner physischen, psychischen und ethischen Seite nach erläutert und im Sinne der auf Psychologie gegründeten Didaktik von Herbarl, Palmer und Gräfe als Erziehungselemente Körperpflege, Geistesbildung! und Willenszucht, die allesammt dem Individuum ungetrennt! von einander mitzutheilen sind, betont batte, ging er zunächst! auf die Würdigung dieser Elemente im Judenthume ein. j Der Fundamentalsatz aller Erziehung ist auf den ersten Bläti tern der Bibel zu lesen: „Zum Ebenbilde Gottes schuf Gott! den Menschen", und jeder Mensch, auch der mangelhaft be- > anlagte und krank geborene, hat ein Recht auf Erziehung,! wie jeder Vater die Pflicht derselben zu erfüllen hat. Diesen Gedanken vertritt der moderne Rechtsstaat im Gegensatz zum Staate Plato's, der schlechtgeborene Kinder vor der Ernährung ausstößt. Seine erste Schule findet der Mensch im Elternhause, wo sich die Ausgestalung des Charakters durch die planvolle Einwirkung der bereits „mündig Gewordenen" vollzieht. Später kommt Ergänzung und Vollendung durch Entfaltung des Jntellects von Seilen des Lehrers hinzu. An der Hand der kanonischen, historischen und religionsphilosophischen Bücher wurde nun nachgewiesen, wie die Pflege in ihren Bestandtheilen: Ernährung, Kleidung, Reinigung und Bewegung im alten Israel zur Geltung kam, wie ihr die strengen Satzungen der Enthaltsamkeit im mosaischen Gesetze Vorschub leisten mußten, wie Vaterhand und Mutterauge in zärtlichster Fürsorge sie erstrebten und selbst der Lehrer den „Schüler" nicht anders als seinen „Pflegling" bezeichnete. Höher stand das zweite Erziehungsmoment, der Unterricht, dem Volke, zu deffen messianischen Hoffnungen es gehörte: „Die Erde wird voll sein der Erkenntniß, wie Waffer den Meeresgrund decken." 83 vor unserer Zeitrechnung wird schon von Ben Setah auf den Bolksunterricht hingewiesen und von der Schule zu Jamnia die Erhaltung des Monotheismus abhängig gemacht. Für den Juden gab es kein größeres Schimpfwort als: „Unwissender". Wenn auch das Wissen nach heutigen Begriffen anfänglich ein einseitiges war, so hat doch auch neben der „Lehre" das profane Wissen seit Esra bis auf die Blüthezeit im maurischen Spanien und den französischen Schulen eine gewisse Pflege finden müssen, sonst hätte der Satz „die Kenntniß des Gestirnlaufs und der Geometrie ist der Weisheit Würze" in der rabbinischen Sentenzensammlung keine solche Anerkennung gefunden, wie dies der Fall gewesen, und die Sprache der Griechen wäre nicht nicht nach dem Stein der Weisen sollte es forschen, sondern ein Volk der „Zucht" sollte es werden und die sittlichen Ideen der Thora aufnehmen und auf die Jugend verpflanzen, das Wissen und der Unterricht sollte nur ein Weg zur Ethik sein, die Tugend ist — wie bei Sokrates — in Israel lehrbar. Ohne die sinaitische Siitenlehre wäre keine Cultur- und Bildungsepoche eingetreten, nicht in, nicht außerhalb Israels, und ihr Einfluß ist heute noch fühlbar. Auf das Judenthum und seine Volksseele übte aber im Laufe der Geschichte auch die Pädagogik anderer Culturvölker einen mächtigen Einfluß, die Israeliten find bei vielen Böllern in die Schule gegangen. Ohne Kenntniß des Aristoteles hätte Maimonides seinen für die Scholastik wichtigen „Führer der Verirrten" nicht schreiben können. Die Veredlung in Sitte, Ordnung, Methode und Unterricht sei besonders seit der Zeit der Emancipation dem Einfluß des größten Culturvolkes der Zeit, dem deutschen Geiste und der deutschen Gründlichkeit zuzuerkennen. Wünschenswerth sei jedoch, daß die Schule nicht nur unterrichte und bilde, sondern auch erziehe und daß mit der Ausbildung des Jntellects und der Pflege des Leibes die ethische und religiöse Bildung fortschreite, denn der Lebensquell der Einzelnen liege im Herzen und der der Gesammtheit in der Tugend. Wie wir hören, wird der Vortrag demnächst als Broschüre erscheinen. Turek, 10. Januar. (Literarische Notizen.) Soeben ist in der Redaction der hebräischen Wochenschrift „Hazefira" in Warschau vor Kurzem von dem Redacteur des Blattes, Herrn N. Sokolow, das sehr gut ausgestattete und mit mehreren Stahlstichen versehene „Hebräische Jahrbuch" für 5645 unter dem Titel n"o"-i"n ncipnb rpoxn erschienen. Mit vieler Befriedigung gingen wir die Schrift durch und können unsere Anerkennung aussprechen; denn die Arbeit ist eine durch und durch gewissenhafte. Dieser Almansch ist einer der reichhaltigsten und vielseitigsten und dürste für unsere Glaubensgenossen von Interesse und wohlthätigem Einfluß sein, denn der billige Preis (incl. Porto nur 3 Mark) ermöglicht es, daß dieses Jahrbuch ein Haus¬ und Familienbuch werde. Es ist zunächst das vorzügliche Hebräisch, das jedem kundigen Israeliten vielen Genuß bietet, und dann sind u. a. wissenschaftliche Arbeiten, so z. B. vr. A. Harkavy's Arbeit, zum ersten Mal aus dem Russischen ins Hebräische übertragen, und zwar über „Samuel Hanagid".

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