Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 52 (23.12.1884)
- Date
- 1884-12-23
- Page
- Seite 830 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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830 haben, wenn nicht der Einsender den Lesern gegenüber durch- > aus anonym bleiben wollte. Redaktion. | In Nr. 49 der Allg. Ztg. des Judenthums vom 2. Dez. erwähnen Sie im Leitartikel die Einrichtung der K. isr. Oberkirchenbehörde in, Württemberg und bemerken dabei,; daß dieselbe außer dem Regierungscommissär und einem Rabbinen aus einer Anzahl von durch die Gemeinden gewählten Mitgliedern besteht. Damit befinden Sie sich im Jrrthume, denn die Gemeinden des Landes besitzen gesetzlich nicht den geringsten Einfluß auf die Zusammensetzung dieser Behörde, welche aus von der Regierung gewählten Mitgliedern besteht, die durchaus nicht als Vertrauensmänner der Israeliten des Landes betrachtet werden. Wenn Sie daher weiter berichten, daß die Wirksamkeit dieser Behörde im Vergleich mit anderen die bedeutendste war, so mag zugegeben werden, daß dies in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens der Fall war. Heute aber, nach dem ö0 jährigen Bestehen dieser Einrichtung, braucht man kein sogenannter Orthodoxe zu sein, um zu constatiren, daß sie den kleinsten Theil der Württ. Jsraeliren befriedigt, welche sich jetzt in soweit mündig fühlen, daß sie durch gewählte Vertreter an der Verwaltung ihrer Angelegenheiten theilnehmen wollen und für ihre größeren Gemeinden eine erweiterte Selbständigkeit beanspruchen. — Oesterreich-Ungarn. Wien, 11. December. Bei der heutigen Ausschußwahl in den medicinischen Unterstützungsverein an der hiesigen Universität kam es zu Reibungen zwischen jüdischen und antisemitischen Studenten, welche in eine regelrechte Schlägerei ausarteten. Das Motiv dieses unliebsamen Vorfalls war der Sieg, welchen die Studenten israelitischer Confession bei den Wahlen davontrugen. — Nach weiteren Mittheilungen ergiebt sich, daß der Tumult an der Universität nicht aus eigentlich antisemitischen Motiven hervorgegangen sei, vielmehr aus der Streitfrage, ob ungarische Studirende vom Unterstützungsvereine Subventionen erhalten sollen. Unter diesen Ungarn befinden sich viele jüdische Studenten, und hieraus entnahmen die Gegner zum Theil ihre Gründe, so daß schließlich die antisemitische Tendenz zum Vorschein kam. Wien, 11. Dezember. (Privatmitth.) Herr Abraham Placzek, Rabbiner zu Boskowitz und provisorischer mährischscblesischer Landesrabbiner, ist im hohen Alter von 80 Jahren gestorben. Er gehörte zu den Vertretern der guten alten Zeit, dessen eifriges Bestreben dahin ging, den Frieden zu erhalten und zu fördern und war ihm jeder Zelotismus fern und fremd, vielmehr verstand er es, obschon aus der alten Schule hervorgegangen, die Bestrebungen der neuen Zeit zu würdigen. Ob die-Stelle eines mährisch-schlesischen Landesrabbiners wieder besetzt werden wird, ist fraglich, da der Hingeschiedene selbst dieses Amt stets provisorisch bekleidete. In den letzten Jahren ließ er sich in Folge zunehmender Schwäche von seinem Sohne, dem Rabbiner in Brünn, vr. B. Placzek, vertreten. Mein werther Freund, Herr Josef Weiße, Rabbiner in Waag-Ncustadt, arbeitet seit Jahren an einer Geschichte des mährisch-schlesischen Landesrabbinats. Wir wünschen vom Herzen, daß es ihm bald vergönnt sei, mit derselben an die Oeffentlichkeit zu treten. Am nächsten Sabbath wird Herr Rabbiner Dr. Rosenzweig aus Teplitz eine Probepredigt halten. Es wird dadurch die Nachricht, als hätte der Vorstand die Absicht aufgegeben, einen dritten Prediger anzustellen, widerlegt. W. Prag, 8. December. In Brüx (Böhmen) wurde ein bekannter antisemitischer Agitator aus Komotau im Gasthofe von einem Gendarmerie-Wachtmeister festgenommen und auf der Polizeiwachtstube einer Visitation unterzogen, wobei Schriften und Drucksorten saisirt wurden. Pest, 10. December. (Privatmitth.) Auf die Adreßdebatte, in welcher bekanntlich die Antisemiten das große Wort führten, folgte die Budgetdebatte. Da bleiben doch wohl die Juden aus dem Spiele, dachte man, und richtig wurde zwölf Tage lang debattirt, ohne daß der Juden gedacht wurde; die Antisemiten schwiegen zwölf Tage. Endlich raffte sich der Geistliche Zimandy auf. Man erwartete eine neue Auflage der Zimandiana, die auch nicht lange auf sich warten ließ, wenn sie auch bei weitem nicht so saftig ausfiel, als an jenem antisemitischen Hexensabbath. Er schimpfte weidlich auf den Cultusminister und bemerkte nebenbei, daß die Prälaten für Culturzwecke mehr gethan, als alle liberalen „Freimaurer, Juden, Gründer, Schwindler, und falschen Creditare" zusammengenommen. Auch Geza Onody ergriff das Wort, um dem Ministerpräsidenten das Compliment zu machen, daß er inmitten der verjudeten Presse als Capellmeister figurire, und zu bemerken, daß das Ergebniß der erbaulichen Interessengemeinschaft zwischen der Regierung und dem Judenthume der Ruin des Landes sei." Sein Versprechen auf dieses Thema noch zurückzukommen, nahm das Haus mit stürmischer Heiterkeit auf. (Große Heiterkeit.) Rußland. Petersburg, 9. Dezember. In Folge einer Bekanntmachung der Odeffaer Kaufmannschaftsdirection,wonech die ausländischen Kaufleute jüdischer Confession zum weiteren Betrieb ihrer Geschäfte in Odessa nicht nur das Zeugniß erster Gilde lösen müssen, sondern noch die Erlaubniß dreier Minister (des