Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 50 (9.12.1884)
- Date
- 1884-12-09
- Page
- Seite 798 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227501-3227552--42232-3310779- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
T98 47. 78.) zugekommen sind. Eine derselben z. B. macht uns darauf aufmerksam, daß es doch auch nationalliberale Blätter giebt, welche jetzt wie früher die Juden gegen die Angriffe ihrer Feinde vertheidigeu. So namentlich die „Crefelder Ztg." So ist auch der an der Spitze der Crefelder liberalen Partei stehende nationalliberale Abgeordnete Seyffardt wiederholt in nachdrücklicher Weise sür die Rechte der Juden eingetreten. Wir brauchen nicht immer zu wiederholen, daß wir als Redakteur dieses Blattes von allen politischen Parteiansichten abstrahiren und es an dieser Stelle nur für unsre Aufgabe erachten, die Parteien insofern zu prüfen, als sie für oder gegen das fundamentale Prinzip der Gleichberechtigung aller Staatsangehörigen und dessen Verwirklichung auftreten und agitiren. Aus diesem Gesichtspunkte mußten wir auch diejenigen Vorgänge beurtheilen, die seitens, sei es derLeitung der nationalliberalen Partei, sei es einzelner Gruppen derselben, fich abgespielt haben. Führt dies dahin, die nationalliberale Partei wieder auf den Standpunkt wirklich liberaler Anschauung zurückzuführen, so begrüßen wir dies mit Befriedigung. Berlin, 25. Nov. (Privatmitth.) Wir waren immer der Meinung, daß in einer Zeit so reicher geistiger und gesellschaftlicher Entfaltung wie die unsrige ist, wo die Richtungen und Interessen sich nach allen Seiten hin die Wege suchen, es mit einer Reaktion nicht so viel auf sich habe, um tiefgehende Befürchtungen hegen zu müssen. Gerade indem sie sich geltend zu machen und wirksam zu sein sucht, weckt sie die Antireaktion und ruft die liberal Denkenden zum Widerstand auf, sich zu sammeln zu Abwehr und Angriff. So hat sich auch hier unter dem Namen „Akademischer Liberaler Verein" in der hiesigen Studentenschaft ein neuer Verein constituirt, der dem reaktionären Geiste entgegenarbeiten will, der sich, von gewisser Seite begünstigt, eines großen Theiles der Studentenschaft bemächtigt hat. Es soll dies durch Vorträge und daran sich schließende Diskussionen bewirkt werden. Die Borträge sollen nicht etwa bloß von Studenten, sondern auch von hervorragenden Männern gehalten werden. Die Natur dieses Zweckes, als eines eminent politischen, verhindert die Behörden, den Verein als akademischen zu bestätigen und derselbe hat sich deshalb einfach auf den Boden des allgemeinen Vereinsgesetzes gestellt. Der Verein hat bereits ein Vereinsbureau errichtet. Wir finden über diesen Gegenstand in der Frankfurter Zeitung von gestern einen ausführlichen Artikel, der viele interessante Andeutungen giebt und den wir deshalb bei der großen Wichtigkeit, welche alle diese Vorgänge für die Zukunft haben, hier wiedergeben. Zu den bedauerlichsten Erscheinungen unseres an Unerquicklichkeitcn so reichen öffentlichen Lebens gehört seit langer Zeit die reaktionär-antisemitische Strömung an unseren Universitäten, die insbesondere an der hiesigen Friedrich-Wil- Helms-Universität in dem unter dem Patronate des Hofpredigers Stöcker und des Professors Adolf Wagner stehenden Verein „Deutscher Studenten" einen äußerst rührigen Mittelpunkt hat. Das reine Streberthum, die zugleich intolerante und servile Gesinnung, die in diesem Vereine und den mit ihm verbündeten Corporationen gepstegt wird, eröffnet für eine nicht ferne Zukunft, in der die diesen Corporationen angchörigen Jünglinge in den Dienst des Staates oder der Gemeinde getreten sein werden, recht traurige Aussichten für unsere nationale und freiheitliche Entwicklung. Und nicht nur die Corps, welche einmal in unserem Abgcordnetenhause von den Abgeordneten von Zitzewitz als die Blüthe der deutschen Universitäten gepriesen worden, auch die Burschenschaften, früher die Nährstätten ächt nationaler und freiheitlicher Gesinnung, aus welchen viele Vorkämpfer der Volksfreiheit und des Rechtsstaates hervorgegangen sind, haben sich dieser mächtigen, von einflußreicher Seite begünstigten Strömung nicht zu entziehen vermocht. Es existiren in Berlin sogar drei Burschenschaften, welche durch Statut die Aufnahme jüdischer Studenten ausgeschlossen haben. Die von dem Oberstabsarzt Küster angestrebte verdienstliche Reform der Burschenschaften erstreckt sich eben nur auf die Beseitigung der eingerissenen studentischen Mißbräuche ohne den verwahrlosten Kern des burschenschaftlichen Gedankens zu berühren. Selbst die freie wissenschaftliche Vereinigung, die auf der hiesigen Hochschule ins Leben gerufen wurde, um für die freier denkenden akademischen Bürger wenigstens einen wissenschaftlichen Mittelpunkt zu beschaffen, muß sich jeder Beschäftigung mit allgemein politischen Angelegenheiten enthalten und die Rigorosität der akademischen Behörden geht in dieser Beziehung so weit, daß vor einiger Zeit ein Vortrag in diesem Verein verboten wurde, der die politische Lyrik des Jahres 1848 zum Gegenstand haben sollte. Die große Masse der Studentenschaft, aus der sich doch die künftigen Beamten, Aerzte, Seelsorger, die eigentlichen Diener des Staates rekrutiren, soll von aller Theilnahme am öffentlichen Leben der Nation fern gehalten, der Jndifferentismus künstlich groß gezogen werden, damit Streberthum und Liebedienerni freie Bahn haben. Und da das Gesetz der Trägheit leider auch auf geistigem Gebiet gilt, so ist dies Ziel nahezu erreicht worden. Dies zeigt sich besonders bei den Wahlen zu dem studentischen Ausschuß, der Vertretung der hiesigen Studentenschaft, zu welchen von den einzelnen Fakultäten und von der gesammten Studentenschaft die Mitglieder gewählt werden. Nur selten gelingt es der „freiwissenschaftlichen Vereinigung" ihren Candidaten gegenüber der rührigen und mit allen Mitteln arbeitenden Agitation des „Vereins deutscher > Studenten" durchzusetzen, aber bisweilen gelingt cs doch, so j heute, denn der von dieser Bereinigung präsentirte Candidat i stud. phil. Oehlke wurde mit 84 Stimmen in den Ausschuß gewählt, während der antisemitisch-reaktionäre Candidat