Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 137 (15.11.1838)
- Date
- 1838-11-15
- Page
- Seite 554 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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554 nach Constantknopel geschickt. Er begab sich nachEesto und wurde von Zwy sehr freundlich ausgenommen. Sie sprachen über verschiedene Punkte der Kabbala. Rabbi Nehemias behauptete, daß nach talmudistischen Ansichten, die Zeit der Ankunft des Messias noch nicht da sei. Vergebens bemühete sich Sabbathey ganzer drei Tage, ihn von der Aechtheit seiner Sendung zu überzeugen. Dem Rabbi wollten seine Sophismen nicht einleuchten, und er hatte endlich den Muth ihm zu sagen, daß er ihn für einen Betrüger halte. Diese Freimütigkeit entflammte den Zorn des getroffenen Schwärmers, und er drohete ihm mit dem Tode. Schon machten die Umgebungen Sabbathey's Anstalt, Rabbi Nehemias die sinsiere Straße wandeln zu laffen, auf der noch kein Sterblicher zurückgefunden, cr(L er glücklicher Weise noch entsprang, und den nachsetzenden Henkern dadurch entkam, indem er einem vorübergehenden Türken den Turban vom Haupte nahm, ihn aufletzte, und ausrief, daß er zur Lehre des Propheten sich bekenne. Die Türken nahmen ihn gleich in Schutz. Rabbi Nehemias ward also Moslim, und der wüthendste Verfolger Sabbathey's. Er reiste nach Adrianopel, klarte den Kadi über Sabbathey's Betrügereien auf, und der Mufti zeigte endlich seinen Unwillen darüber, daß man mit Gleichgültigkeit zusehe, wie ein Betrüger die Lehre des großen Propheten entehre. (Schluß folgt.) Literatur. Selma, die jüdische Seherin. Traumleben und Hellseben einer durch animalischen Magnetismus wieder hergestellten Kranken. Von Dr. (phil.) M. Wiener. Berlin, bei L. Fernbach juu. 1838. XVIII. und 208 S. Zweite Kritik. (Fortsetzung). Wenn nun die christlichen Mystiker die Geschichte dieser Selma nicbr für jüdischen Betrug erklären wollen, welcher Inkonsequenz sie sich schwerlich schuldig machen können, wie steht es da mit der Behauptung E sch e n m a o er' s (Mysterien des innern Lebens S. VII.): „Es irr allein das christliche Prinzip, wel- „ches mit feinem überirdischen Lichte die Hüllen durchbrechen und „alle die geschloffenen Kreise öffnen muß, wenn jene höhere Welt „sich vor dem Auge der Seele und des Geistes entfalten, oder „überhaupt, wenn es vom Wissen, das unser Zeitleben beherrscht, zum Schauen in jene böhern Gebiete kommen sott."?? Hier haben wir ein rechtgläubiges jüdisches Mädchen, das sich zwar Schweineschmalz zu leiner Heilung verordnet, aber nur rein alttestamentarische Grundsätze verkündet, welches in jüdischen Gebeten Kraft und Schutz sucht und mit ihrem: „Höre, Israels der Ewige dein Gott ist ewig" eben so gut die bösen Geister bannt, wie die Seherin von Prevorst mit den Worteu: „Ich glaube, d§ß Jesus Christ wahrhafter Gott," welches die hebräische Sprache für die Sprache der Gebetskraft erklärt, in Bezug auf beide Religionen sich äußert: „die Tochter hat von der Mutter geborgt, die OJiuttcr aber niemals von der Tochterst und endlich in der merkwürdigen Stelle S. 117: „Ich soll mich vom Irdischen abziehen, soll ganz in -Gott „leben und Ihr sollt das auch; dann werden wir nach dem Tode „sogleich die höchste Seligkeit erreichen! O, welche Won- „ne wird das sein! denn merkt das wohl! — mein Schutzgeisc „sagt es und tausend selige Geister stimmen laut mit ein — es „giebt eine Menge Stufen bis zur höchsten Seligkeit!" ' W. Kann der Jude, der die Opfer, die Sclmubrodte, den Tempel und sein Vaterland verloren hat, der also so manches nach den Vorschriften seiner Religion nicht halten kann, kann der Jude gleich die höchste Stufe der Seligkeit erreichen! „ — O ja, der fromme Jude, der wahrhafte Israelit." W. Welchen Juden nennst du fromm! Der, der alles hält, was die Thora, die Propheten und der Talmud gebieten'! „— der Alles beobachtet, was in seinen Kräften steht. Fromm sein heißt: Glauben, wie die Kinder glauben, ohne den Verstand an das Himmlische zu legen. Der Verstand entwickelt und bildet sich dadurch aus, daß er die Dinge in der Körpcrwelt vergleicht, sie von einander unterscheidet und nun von den Gegenständen in der Natur auf die über derselben seine Schlüffe und' Folgerungen zieht. Darf der Verstand, der durch Irdisch e s entwickelt wurde, sich vermessen, seinen Maßstab an das Göttliche zu legen! Glaubt es mir, wenn der Mensch seine Hülle dem Staube zurückgiebt, wenn das enrkörperte Auge frei um sich schaut, dann blickt es zuerst in sich hinein und wehe! wenn es zittern muß! Wehe, wenn im Leben der so Stolze, der Aues verwarf, was ein winziger Verstand unerklärlich und unbegreiflich fand, nur sich selbst sein Unheil spricht! Nur, wer die Vorschriften seiner Religion, als vom Vater kommend, beobachtet und sich dabei liebevoll und bieder gegen seine Nebenmenscheu betragt, nur ein solcher kann selig werden!" — Man vergleiche nun hiermit die „Seherin von Prevorst," die eben so bestimmt aussagt, daß nur der Glaube an den Erlöser der Eingang und die Bedingung zur höchsten Seligkeit sei, und der in den letzten Monaten ihres Lebens sogar Geister von Juden erscheinen, die von ihre christliche Belehrung annehmen (Kerner, Sehcrrn von Prevorst II. Tbl. S. 2(51). Welche Seherin hat nun Recht und wer will zwischen beiden entscheiden, da sie beide in der Wahrheit zu sein behaupten und keiner Lüge fähig zu sein vergeben. Wir wären somit durch jene magnetischen Os7enbarungen kein Schritt weiter von gegenseitigen Religionsdrfferenzen aus der Erde gekommen, jeder erklärt das für das Beste, was er als das Beste glaubt. Wenn sich demnach solche Unterschiede in den Aeußerungen von Elairvoyanten verschiedener Rcligionspartheien vorfinden — bei aller Uebereinsiimmung, daß nur das religiöse Gefühlsleben d e r K e r n des in e n s ch l i ch e n Daseins a u s m a ch e n — wenn sie in diesem Zustande immer noch confcffxond austreten, so scheint die universelle Wahrheit doch nur Gott Vorbehalten zu sein, so ist es der klarste Beweis, daß auch die magnetische Seherin nicht in jener universellen, objektiven Wahrheit sei, und daß wenn sie auch keiner subjektiven Lüge gegen ihre Ueberzeugung fähig ist, sie doch ihre individuellen Ansichten in den Zustand hineintragt und der freier gewordne Lebensgeist doch noch immer der Lebensgeist des beschränkten Menschen bleibt. (Fortsetzung folgt.) Redacteur: Dr. L. Philippson. — Verlag von Baumgärtners Buchhandlung. — Druck von I. B. Hirschfeld.