Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 46 (11.11.1884)
- Date
- 1884-11-11
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Zerium -es Zu-enllinms. Ein unpartenschcs Organ für alles jüdische Interesse. Diese Heilung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 'S Mar!. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Pr. 92) und Oesterreich bei allen PostlÄmtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Nabbiner vr. Ludwig Philippson in Bonn. Kzcpedrtiorr: Leipzig, Woßptcrh 18. In redaetionellen Augeleg,'»beiten wende man sich an I»r. L.P'.nlivpson in Bonn direct, in allen übrigen an die Berlaqsbandlung. Beilage» (Gebühr 12 M.) sind gleichiaUs an letztere ein zusenden. 48. Jahrgang. Leipzig, den 11. November 1864. JVo. 46. Inhalt. Leitende Artikel: Der tradirte Gebetcultus. — Aus dem Ungarischen Abgeordnctenhausc. IV. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Bonn, Berlin, Aus der Rheinprovinz, Cöslin, Hamburg, Cottbus. — Oesterreich-Ungarn: Wien, iirafau. — Amerika: New-Wrk. — Marokko: Tanger. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Tic Juden in Galizien. £citc\\Dc dc-tiUcf. | Bonn, 5. November, j Der tradirte Gebetcultus. Wir sind von verschiedenen Seiten ersucht worden, die Betrachtungen über unsre tradirten Gebete, wie wir sic vor einigen Jahren und in der jüngsten Zeit gegeben haben, fortzusetzen. Wir kommen diesem Wunsche gern nach, da wir es lieben, einen Gegenstand, den wir begonnen, zu einem gewisien Ende zu führen. Gilt es dock, nachdem durch gründliche Forscher über das Alter unsrer Gebete bis ins Detail hinein möglichst viel Licht gebreitet worden, jetzt vielmehr in den religiös ethischen Geist einzugehen, der dieselben geschaffen nnd in ihnen lebt, und ihn uns zum Bewußtsein zu bringen. So mannigfaltig und umfangreich der jüdische Gebetcultus erscheint, sowohl wie er gemeinsam, also öffentlich, besteht, als auch in wie weit er dem Individuum obliegt: so besteht er doch nur in einer einzigen Form, der Benediction, Segensspruch — welcher deutsche Ausdruck nicht ganz zutreffend ist — und ist zusammengesetzt lediglich aus Benedictionen und Psalmen, mit Einschiebung des Schema und! der Vorlesung aus der Thorah und den Propheten. Die Benediction ist entweder für sich bestehend, oder leitet ein Gebet ein, oder schließt es ab, oder auch beides ist zugleich der Fall. Kein Gebetstück ohne eine Benediction. Wo ein Gebetstück durch eine Benediction abgeschloffen wird, enthält diese den Gedanken des Gebetstückes zusammengese.ßt. Die selbständigen kurz gefaßten Benedictionen sind namentlich vor jedem Genuffe vorgeschrieben. Auf diese Weise beherrscht die Benediction nicht bloß den ganzen Gebetcultus, den öffenttichen wie die Privatandacht, sondern leitet ein und beschließt alles Thun und Genießen und zieht sich durch das ganze Dasein des Juden vom ersten Augenblicke des Erwachens bis zur Zeit, wo er entschlummert. Die Talinudisten haben deshalb den Grundsatz ausgestellt: „man darf in dieser Welt nichts genießen ohne Segensspruch" (Berach. 35, 1). Tie Form der Benediction ist feststehend -. ‘r, rrs ~'rr „Gepriesen seist du, Ewiger", wozu bei vielen derselben noch die Worte kommen: "po 'rrPsc „unser Gott, Regierer der Welt". Ausdrücklich wird im Talmud bemerkt: „Ein Segensspruch, in welchem der Gottesname nicht vorkommt, ist kein Segensspruch" (das. 40, 2). Frägt man nach der Quelle dieser Formel, so findet man in der h. Schrift ~-rz „gepriesen sei der Ewige" schon bei Noah (1 M. 3, 2«> , Abraham (24, 27), Jethro (2 Mos. 18, 10); in den geschichtlichen Büchern und in den Psalmen findet sich daun bisweilen dsrL" vPs 7" oder irres, auch schon ~r~ (Rnth 4, 14. 1 Kön. 8, 56). Man kann daraus schließen, daß diese Formel bei dem Volke laugst i:u Gebrauche war, wobei es cigenthümlich ist, daß sie bei den Propheten niemals vorkommt, mit der einzigen Ausnahme von Sechar. 11,6, wo sie jedoch einem gewöhnlichen Menschen in den Mund gelegt wird. Hieraus ist dann aber viel später die gan;c Formel 'r, nrs ~tc geworden, die nur in dem sehr späten Psalm 119, 12 und in der eben so spülen 1 Ehrvn. 29, 10 I vorkommt, also erst etwa zur Zeit der großen Synagoge 46