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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-11-04 · Heft 45 (4.11.1884) · p. Seite 719

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 45 (4.11.1884)
Date
1884-11-04
Page
Seite 719 (sequence 11)
Language
German
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719 Dies ist ein praktischer Beweis,: 1883, S. 38). Der evangelische Theologe Delitzsch hat sich Wahl für diesen zu stimmen, welchen Worte nicht aus dem Wege räumen. O esterrei ch-Ungarn. Pest, 20. Oktober. (Privatmitth.) Der von dem Minister-Präsidenten Tißa dem Abgeordnetenhause heute vorgelegte Gesetzentwurf über die Reform des Oberhauses bestimmte (1. Theil § 4 a): Mitglied des Oberhauses ist ein israelitisches Kirchenhaupt, welches Se. Majestät auf Vorschlag des Ministerrathes ernennt. Pest, 27. Oktober. Zur Abfertigung des Abgeordneten Zimandy, der sich in den unverschämtesten Verleumdungen des Judenthums ergangen, erschien folgende Erklärung: „Die Rede, welche der Abgeordnete Ignaz Zimandy am 18. d. im ungarischen Abgeordnetenhause gehalten, liegt uns ihrem authentischen Wortlaute nach erst seit heute vor. Erst heute haben wir die lange Liste jener rabbinischen Schriften zu Gesicht bekommen, auf welche der Herr Abgeordnete sich beruft, um seinen Angriffen gegen das Judenthum eine möglichst große Wirkung zu sichern. Es kommt uns bei alledem nicht in den Sinn, gegen eine Rede zu polemisiren, deren Form schon uns dieser Nothwendigkeit überhebt. Nachdem wir aber zu unserem Bedauern die Erfahrung machen mußten, das selbst unbefangene Männer der Ansicht sind, daß die Behauptungen des Herrn Abgeordneten in den von ihm zitirten Schriften ihre Begründung finden, halten wir es für unsere unabweisliche Pflicht, das Folgende zu erklären: Die ganze rabbinische Gelehrsamkeit, welche der Herr Abgeordnete bei dieser Gelegenheit entwickelt hat, ist Nachweis bar aus den Schriften der Rohling, Justus und Konsorten zusammengelesen, welche schon so oft, und zwar zumeist von christlicher Seite widerlegt und, um ein Wort desÄirchenrathes Professor Franz Delitzsch in Leipzig zu gebrauchen, als „freche Lüge" gebrandtmarkt sind. . Aber Herr Abgeordnete Zimandy hat mehr gethan als blos nachgeredet. Er hat es gewagt, im ungarischen Abgeordnetenhause den „Sohar" als jenes Buch vorzuzeigen, in welchem „umständlich beschrieben ist, wie man das hinterlistig abgefangene Christenmädchen abzuschlachten habe." Eine Stelle dieses Inhaltes ist nirgends in der ganzen großen jüdischen Literatur zu finden. In dem vor ungefähr 3*>0 Jahren zum ersten Male gedruckten „Sohar" hat Rohling vor Kurzem erst die Stelle entdeckt, auf welche der Herr Abgeordnete sich beruft. Zu der Anklage des rituellen Mordes aber, die Rohling aus dieser Stelle herauslesen will, bemerkt schon der greise Delitzsch: „Jene „Sohar" - Stelle enthält nichts von dem Allen. Ich bezeuge auf die Ehre meines Namens, daß Alles hineingelogen ist. Die Wuth macht Rohling irrsinnig. Er ist geistig und moralisch krank", (Schachmatt den Blutlügnern, Erlangen gegen Rohling und für die Richtigkeit seiner eigenen Uebersetzung auf drei berühmte katholische Autoritäten berufen: Auf den Ordensgeistlichen Prof. Bickell von der Universität Innsbruck, auf Prof. Scholz in Würzburg und auf den Jesuitenpater Josef Knabenbauer in Diltou-Hall in England. Alle drei haben Delitzsch' Uebersetzung für richtig erklärt und die Rohling» verurtheilt. Alle drei bezeugen auch keine Spur von Blutrituale der Juden gefunden zu haben. (Siehe Delitzsch, Neueste Traumgeschichte des antisemitischen Propheten, Erlangen 1883, S. 29.) Der Herr Abgeordnete Zimandy muß sich dessen wohl bewußt sein, daß er weder in dem von ihm vorgewiesenen „Sohar", noch in dem von ihm so „eifrig studirten" Talmud eine einzige Seite zu lesen, geschweige denn zu verstehen im Stande ist. Diese Ueberzeugung wird durch seine Reichstagsrede, wie durch seine antisemitischen Schriften jedem Kenner der rabbinischen Literatur aufgenöthigt. Und das ist auch unsere wissenschaftliche Ueberzeugung. Wir sind bereit, den Wahrheitsbeweis für diese unsere Behauptung vor jedem kompetenten wissenschaftlichen Forum anzutreten. Budapest, 22. Oktober 1884. Das Rabbinat der Pester israelitischen Religionsgemeinde: S. L. Brill, Rabbinatspräses. vr. M. Kayserling, Rabbiner. vr. Samuel Kohn, Rabbiner. Ludwig Pollak, Rabbiner. Das theologischeProfessorenkollegium der Landesrabbinenschule: Prof. M. Bloch, Präses. Prof. Dr. Wilhelm Bacher. Prof. vr. David Kaufmann. Prof. Heinrich Deutsch. Czernotvih, 17. Oktober. Unter dem Vorsitz des Spenglers Ditz (christlicher Confession) hat heute im Rathhaus- Saale eine Versammlung von über 150 Gewerbetreibenden verschiedener Kategorien stattgesunden, in welcher der Obmann der zweiten Gruppe, Picker, unter stürmischem Beifall der Versammelten und Rufen: „Nieder mit Schönerer und den Antisemiten!" den Rechenschaftsbericht über den dritten Gcwerbetag erstattend, beantragte, dem Gewerbetag werde die Mißbilligung ertheilt, indem dessen Thätigkeit die schleichen den, heuchlerischen, reaktionären, antisemitischen Tendenzen zu Tage gefördert hat. Der Antrag wurde einstimmig angenommen. Rußland. Nischny-Nowgorod, 21. Oktober. Tie kriegsgerichtliche Verhandlung gegen 72 an den Ausschreitungen gegen die Juden in Kunawino betheiligten Personen ist heute beendet worden. Von den Angeklagten wurden 11 wegen Todtschlag? zu 12- bis 20jähriger Zwangsarbeit verurtheilt. Wegen Raubes wurden 21 zu 1- bis 3jährigem Zuchthaus, 16 zu Gefängnißstrafen von 2 Wochen bis zu 3 Jahren, einer zur Deportation nach Sibirien und 6 zu Arreststrasen verurtheilt. 11 Angeklagte wurden freigesprochen. 45*

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