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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-10-21 · Heft 43 (21.10.1884) · p. Seite 690

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 43 (21.10.1884)
Date
1884-10-21
Page
Seite 690 (sequence 14)
Language
German
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dazu, da in ihnen die verschiedenen jüdischen Riten rcpräscntirt waren. Der eine Mann hatte sich dazu verstanden, Col Nidre und Mussaph zu beten, und nun war man in großer Verlegenheit, was mit den drei anderen Abschnitten angefangcn werden sollte. „In solchem kleinen entlegenen Ort, mitten in der Wildniß, ist es eine schwere Last, Vorsteher einer Gemeinde zu sein, die bald mehr, bald weniger Mitglieder zählt und von denen Jeder Alles vom Vorsteher verlangt und selber nichts leisten will. Er soll womöglich Rabbiner, Chasan, Schames, Mohel und Todtengräber zugleich sein. Nichts als Aerger und Mühe, denn recht macht man cs Keinem; Keiner versteht was vom Judenthum und doch will Jeder cs am besten wissen." — Selke hörte diese Klage lächelnd an und erwiderte, als der redselige Vorsteher endlich geendet: „Auch aus dieser Verlegenheit kann ich Euch Helsen. Ich bin nicht umsonst einige Jahre auf der Jeschiba gewesen und habe dort gründlich alle Neginaus .gelernt. Ich bin bereit, Schacharis, Mincha und Ne/la vorzutragen, und ich glaube, Ihr werdet zufrieden sein, denn zu meiner Zeit hatte ich eine gute Stimme und man hörte mir gern zu, doch muß ich bemerken, daß ich nur den polnischen Ritus verstehe." — Sein Wirth sprang freudig vom Tische aus und drückte seinem Gast die Hand. „So seid mir nochmals willkommen. Euch hat uns der liebe Gott geschickt, damit wir den heiligen Jom-Kippur nach allen Vorschriften feiern können und unsre Sünden los werden. Was polnisch oder Aschkinas, holländisch, englisch oder portugiesisch — Ihr tragt vor, immer frisch von der Leber weg. Eure zehn Dollars aber nehmt zurück: dies sind wir Euch für Eure Ausbülfe schuldig!" Ein kleines niedriges Haus war cs, wo sich gegen Abend die Gemeinde zusammcnsand. In dem Zimmer, das zum Gottesdienst bestimmt war, hatte man einen kleinen Theil für die Frauen abgetrennt; einige Oellampen erhellten es spärlich: ein Tisch in der Mitte mit blendend weißein Tuche gedeckt, roh gezimmerte Sitze und ein Schrank an der Ostseite mit einem weisen Vorhang — das war die ganze Ausstattung des gottesdienstlichen Raumes, auf welchen man die Worte der Schrift anweuden konnte: „An jedwedem Orte, wo ich meines Namens gedenken lasse, werde ich zu Dir kommen und Dich segnen." Da versammelten sich nun diese Männer, die sich aus den entlegensten Orten der Erde durch die mannigfaltigsten Geschicke hier znsammcngefnnden hatten, Gestalten, groß und klein, schmächtig und stark, aber alle mit wettergebräunten, durchfurchten Gesichtern, denen man ansah, daß sie den Kampf des Lebens mühsam zu bestehen gehabt, Sie traten freundlich zu Selke heran und Hiezen ihn willkommen unter sich. Da mußte er zuvörderst Stand halten. Tenn der Nordamerikaner läßt Niemanden los, bevor ihm nicht die Fragen beantwortet worden: Wer bist Du? woher kommst Du? wo wohnst Du? was treibst Du? bist Du verhcirathct? hast Du Kinder u. s. w.? Jetzt aber war die Zeit gekommen, um das Gebet zu beginnen. Sie thaten ihre Sterbekittel um und hüllten sich in ihre Gebetmäntel. Eine tiefe Andacht bemächtigte sich Aller; ein Gefühl der Weihe strömte durch die im Streite mit den feindlichen Elementen des Lebens gehärteten Seelen. Unsrem Selke ging es nicht anders. Es war ein Gefühl der Heimath, das sie überkam, heilige Erinnerungen aus der Kindheit; aus der wüsten Wildniß hinaus glaubten sie sich versetzt in die heimischen Synagogen, wo sie groß geworden. Die Gestalten ihrer Eltern und Geschwister, von denen sie längst durch den Tod oder durch unermeßliche Fernen getrennt waren, stiegen vor ihnen auf. Ja, das waren heimathliche Laute und Gesänge, die der Borbetende anstimmte; das war ein Stück Boden, der ihnen Allen gemeinsam gehörte und auf welchem sie fest und sicher standen, den sie wieder fanden nach den weitesten Wanderungen und wieder finden würden, wenn sie das Geschick noch durch die weitesten Wildnisse wandern hieße; das war ein Band, das sie Alle umschloß, die sich nie gesehen und nie gekannt. Bis in die tiefe Nacht betete man und am andern Morgen versammelte man sich wieder mit dem Aufgange der Sonne; Niemand wich von seiner Stelle. War cs ihnen doch ein seltener Genuß, und den schätzt man höher, als was leicht und oft zu erreichen ist. — Unser Selke machte seine Sache gut. Nach einiger Unsicherheit war er bald im rechten Fahrwasser und erbaute seine Zuhörer in ungewöhnlichem Maße. Ganz besonderen Eindruck aber machte es, als der Knabe vor die geöffnete Thora trat und mit Heller Stimme den Segenspruch und dann die herrliche Haphthora aus Jesajas in der hergebrachten Melodie ohne Anstoß vortrug. Als er geendet hatte, legte der Vater die starken schwieligen Hände auf das dunkele Lockcnhaupt des Knaben und sprach mit bebenden Lippen den Segen über ihn. „Ach", flüsterte er, „wenn doch deine Mutter hätte dabei sein können." In den Augen der Frauen glänzten Thränen. Den nächsten Tag blieb Selke noch in der Stadt. Er machte die Runde bei allen Gliedern der Gemeinde. Man wechselte freundliche Worte und verhieß ihm Beistand, wenn er dessen einmal bedürfe. Man wollte ihn überreden, die einsame Farm zu verlassen, cs würde sich auch für ihn ein Stückchen Brod in dem Städtchen finden. Er lehnte dies ab; seine Absichten gingen weiter. Wie lange wird es dauern, meinte er, und es würden sich noch Andere in der Gegend niederlasscn, eine Straße vorüberziehen, in der Nachbarschaft eine Stadt erstehen. Jedenfalls werde er Jahr um Jahr ein Stück Landes mehr urbar macken und so mit der Zeit für seine Kinder und Enkel ein großes Befitzthum erwerben, wo sie Geschlecht nach Geschlecht in Arbeit und Sicherheit wohnen könnten. Vielleicht würde sein Beispiel auch andere Glaubensgenossen anleiten, denselben Weg einznschlagen. Er versprach

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