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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-09-02 · Heft 36 (2.9.1884) · p. Seite 570

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 36 (2.9.1884)
Date
1884-09-02
Page
Seite 570 (sequence 6)
Language
German
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570 erhalten habe. Wenn die Arbeiter diesmal ihre volle Schuldigkeit thäten, dann brächten sie ihren Candidaten in die Stichwahl. Alsdann sei der Sieg der Arbeiter zweifellos. Tischler Krause: Es sei hier schon viel über die deutsch-freisinnige Partei gesprochen worden. Es sei aber auch erforderlich, die Arbeiter vor der antisemitischen Partei zu warnen. Tie Antisemiten hätten den Arbeitern bei der letzten Wahlbewegung viel versprochen und nichts gehalten. Schließlich wären sie aus das Jenseits vertröstet worden. Sie, die Arbeiter, wollten aber das Irdische, daß Jenseits überließen sie gern den Betbrüdern. Arbeiter Hildebrandt: Die Arbeiter müßten hauptsächlich ihr Augenmerk darauf richten, die Wahl Stöckers zu vereiteln. Es wäre eine furchtbare Schmach, wenn dieser Mann im zweiten Berliner Reichstagswahlkreise gewählt würde. Herr Stöcker spiele wohl stets den Arbeiterfreund. Allein bei Berathung des Unfallgesetzes im Reichstage hat er im Bunde mit seinen conservativen Freunden es durchgcsetzt, daß aus dem Gesetze die Bestimmung gestrichen wurde, auch Arbeiter zu der Verwaltung der Unfallsversicherungskafse heranzuziehcn, trotzdem die Regierung damit einverstanden war. Pflicht jedes Arbeiters sei es, im zweiten Berliner Reichstagswahlkreise für Franz Tutzauer einzutreten. Tischlermeister Mitau: Es sei diesmal gegründete Aussicht vorhanden, daß die kleinen Handwerksmeister nicht mehr für Stöcker, sondern für die Arbeitercandidaten stimmen würden. Schuhmachermeister Knaporando: Er sei keineswegs ein Gegner der Arbeiter-Partei, denn er selbst sei Handwerker. Allein er gehöre seit nunmehr zwanzig Jahren der conservativcn Partei an, weil er gesunden, daß diese Partei das Wohl des Volkes im Auge gehabt habe. Es sei nicht wahr, daß die Conservativen die Arbeiter lediglich auf das Jenseits vertrösteten. Allein wo Gottes Wort nicht sei, da könne auch nichts gedeihen. Er habe nichts gegen einen Arbciter- Candidatcn und würde für ihn cintreten, wenn derselbe auf dem Boden der christlichen Religion stände. Daß der Hofpredigcr Stöcker nur leere Phrasen mache, sei unwahr. Derselbe trat vielfach ein, wo es gelte, Roth und Elend zu beseitigen. Medailleur Krohm: Er müsse dem Vorredner bemerken, daß die sociale Frage in erster Reihe eine Magenfrage sei und nichts mit Religion zu thun habe. Wenn Herr Stöcker in einzelnen Fällen mildthätig sei, so thue er blos seine Schuldigkeit. Denn es sei genugsam bekannt, daß Geistlichen und ganz besonders Domgeistlichen sehr viele Gaben zufließen, um damit Mildthätigkeit auszuüben. Zum Verwundern sei cs nur, daß dieser Prediger der Liebe die Fackel der Zwietracht unter die Mitbürger geworfen und dadurch in einigen geistig zurückgebliebenen Theilen unseres Daterlandcs ekelerregende Zustände hcraufbeschworen habe. Möchten die Arbeiter bei den kommenden Wahlen diesen Gegner, der für Ausnahmegesetze gestimmt hat, nicht unterschätzen. Denn die Macht, die hinter demselben steht, sei sehr groß. Schuhmachermeister Knaporando: Es sei richtig, daß Hofprediger Stöcker für Ausnahmegesetze gestimmt habe. Er habe es gethan, wie er stch selbst ausdrückte, wie ein Vater, der sein liebendes Kind züchtigt. Stöcker sei gegen die Israeliten aufgetreten. Er habe ste jedoch niemals aus dem Staate herausjagen wollen, sondern er habe sie lediglich deshalb bekämpft, weil sie die christliche Religion in Schmutz träten.. Niemals habe Stöcker Haß, sondern stets Liebe gepredigt und vor Gewaltthätigkeiten gewarnt. Stadtverordneter Gorcki: Der Freimuts», mit dem Vorredner hier gesprochen, errege seine volle Verwunderung. Er könne es nicht fassen, wie man von einem Manne behaupten könne, er predige nur Liebe, der die ärgsten Gewaltthaten auf seinem Gewissen habe. Er erinnere nur an die Skandalosa in Hinterpommern und an das Auftreten Stöckers in der Tisza- Eßlar-Affaire. Der Standpunkt der arbeitenden Bevölkerung Berlins zu den bevorstehenden Reichstagswahlen sei bereits klar gekennzeichnet. Er müsse jedoch noch ausdrücklich bemerken, die Arbeiter Berlins würden Alles daran setzen, uni es zu verhüten, daß Stöcker in Berlin gewählt werde. Wenn irgend ein Wahlkreis in Hinterpommern den Mann ins Parlament schickte, so könnten sie, (die Arbeiter) nichts dagegen thun. Allein Ehrenpflicht jedes Arbeiters sei es, Berlin davor zu bewahren, daß in der deutschen Reichshauptstadt einem Stöcker ein Mandat übertragen werde. Es wurde schließlich eine Resolution angenommen, in welcher sich die Arbeiter verpflichten, für die Wahl Tutzauers einzutreten. Alsdann schloß die Versammlung gegen IIV2 Uhr Nachts. — Tie sozialdemokratische Partei fährt unermüdlich fort, schon jetzt Wählerversammlungen zu halten, aber auch konsequent ihre Opposition gegen die Antisemiten aufrecht zu erhalten. Schon am 10. d. hielten sie eine große Volksversammlung, in welcher Paul Singer (Israelit) für den 4. Berliner Rcichstagswahlkreis als Canditat ausgestellt und angenommen wurde. Bon den Rednern wurde geltend gemacht, „daß die Arbeiter keinen Raffenhaß kennten und keinen Unterschied zwischen Christen und Juden machten, wenn auch die reaktionäre antisemitische Partei noch so sehr darüber Zeter schreie." — Frankfurt a. M, 21. August. (Privatmitth.) Die „Frankfurt. Ztg." vom 9. d. enthält einen fulminanten Artikel gegen Rumänien, dessen Schluß wir hier wiedergeben: „Die Lage der Juden in Rumänien wird nachgerade eine unerträgliche; sie müssen, wie die übrigen Rumänen alle Lasten tragen, alle Steuern zahlen und werden doch ungünstiger als die Fremden behandelt. Sie werden in dem selbstständigen Königreiche Rumänien mehr verfolgt, als zu der Zeit, da das Land noch unter türkischer Oberhoheit stand — und das alles trotz des Pariser und Berliner Vertrages und

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