Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 35 (26.8.1884)
- Date
- 1884-08-26
- Page
- Seite 555 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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555 die Hoffnung und der Wunsch zum Ausdruck gelangte, daß Gottes heiliger Name immer mehr verherrlicht und gepriesen j und sein Reich, d. i. das Reich der Wahrheit, des Rechts, der Liebe und -es Friedens immer mehr auf Erden verbreitet, von den Menschen anerkannt und verwirklicht werden möge. Wir sehen demnach, daß ein bildender und unterrichtlicher Gottesdienst, wie er jetzt für die Jugend geplant wird, im Judenthum nichts Fremdartiges ist, und darum wird es uns doppelt freuen, wenn wir sehen, daß da frisch ans Werk gegangen werde. — Kehren wir nun wieder zum erwähnten Aufsatze des Herrn vr. Ph. zurück. Im Eingänge rügt derselbe mit Recht an der Beschaffenheit des jetzigen Gottesdienstes, daß die Gemeinde gänzlich außer aller Mitthätigkeit gesetzt worden sei. — Aber, möchte ich hinzufügen, in vielen modernen Gemeinden kränkelt der Gottesdienst an noch einem andern Uebelstand, der an den Leitern desselben, an den Cantoren, haftet, und dem abgeholsen werden müßte. Da finden wir Cantoren, die zwar eine schöne Singstimme besitzen und auch musikalisch gebildet sind, die aber des Hebräischen nicht nur nicht mächtig, sondern unkundig sind, daß sie sogar den Wortsinn aller von ihnen vorgetragenen Gebetstückc, namentlich der an hohen Festtagen üblichen, nicht kennen, geschweige den Geist, von welchem dieselben durchweht sind. Mag immerhin ihr Gesang, zumal in Begleitung von den Tönen der Orgel und des Chors, angenehm zu hören sein — wie steht es aber mit dem, was im jüdischen Cultus die Hauptsache ist, mit dem Vortrage der Gebetstücke? Unsre früheren Cantoren waren fast allesammt im hebräischen und rabbinischen Schriftthum gut bewandert, besaßen daher ein volles Berständniß von dem, was sie vortrugen. Sie traten vor den heiligen Schrein als "ms „Boten der Gemeinde" -y:2-2 nNT2* ,-d\x2 n:vo2i „in Ehrfurcht, Demuth und Herzensandacht", und ihr Bortrag, namentlich an den hohen Festtagen, war so gemüths- und ausdrucksvoll, daß auch die unkundigsten Gemeindeglicder aus der Art und Weise, wie jene irgend ein Gebetstück recitirten, dessen Sinn und Inhalt herausfühlten und dadurch von heiliger Andacht ergriffen wurden. Der Bortrag kam aus dem Herzen und ging wieder zum Herzen. Manche unserer jetzigen Cantoren hingegen stehen da mit einer gewissen Nonchalance, daß keine Spur heiliger Andacht an ihnen bemerkbar ist, und, des hebräischen Schriftthums nur sehr wenig und des rabbinischen gar nicht kundig, tragen sie die hebräischen Gebete so holprig und ohne irgend einen dem Sinne entsprechenden Ausdruck vor, daß man ihnen anhört und ansieht, sie verrichten hier ein opns oporatum ohne Berständniß, ohne Geist und Gemüth. Muß aber nicht ein so beschaffener Bortrag statt anziehend nur abstoßend aus die Gemeinde wirken? Und muß sich da nicht das Interesse! an dem Gottesdienste mindern? — Und gerade in denjenigen! Gemeinden, die hebräische Gebetbücher eingeführt haben,! worin Vieles ausgeschicdcn und die Gebete auf das Wcsent- 1 lichste und Nothwendigste reducirt sind, müßten die Cantoren,! eingedenk, daß zwar der Gesang zur Verherrlichung des! Gottesdienstes diene, aber doch nur Nebensache, dahingegen ■ das Gebet die Hauptsache sei, dieses mit desto seelenvollerem j und hellerem Berständniß vorzutragcn sich bemühen. Lag ' es doch gewiß in der Absicht der die Gebete reducirenden j Rabbiner und Gelehrten, den Anforderungen der Vernunft! wie den Aussprüchen des Talmuds darin gerecht zu werden, i „daß der Mensch verstehen solle, was er betet." Allein viele unsrer jetzigen Cantoren mißkennen ihren Beruf, indem sie die Hauptsache mit der Nebensache verwechseln; sie wollen keine Borbeter, sondern Sänger, auch Concertsängcr, sein. Daher kommt cs, daß bei ihnen kein Sinn für Fortbildung und Selbstbelehrung in dem, was für ihren Berus nothwendig, in der Kenntniß des jüdischen Schriftthums, vorhanden ist. Ich erachte es aber für eine Pflicht der Presse, ans den daraus erwachsenden Uebelstand für den Gottesdienst aufmerksam zu machen; vielleicht führt dieses Besserung herbei. l\\ \t cj > 1 xacß zi c Ij l c in. Deutschland. Berlin, 12. Aug. Ueber die Feier des 90 jährigen Geburtstages von Leopold Zunz geht uns noch Folgendes zu: Die Reihe der Deputationen, die dem Jubilar aus Anlaß des Tages gratulirten, eröffnete vr. Frankl als Vertreter des Berliner Rabbinats. Zugleich übermittelte er die schriftlichen Glückwünsche der ältesten rabbinischen Lehranstalt Deutschlands, des jüdischen theologischen Seminars in Breslau. Nach ihm sprach im Namen des Lehrkörpers der hiesigen Hochschule für die Wiffenschaft des Judenthums der Docent an derselben Herr 1>r. Müller. Ihm folgten die Vertreter des hier domicilircndcn deutsch-israelitischen Gcmeindebundes, geführt vom Professor I)r. Lazarus. Derselbe thcilte mit, j daß der Bund eine Zunz-Stiftung ins Leben gerufen habe, ' um durch Preisausschreiben die jüdische Wissenschaft aufzumuntcrn und und zu fördern. Alljährlich an Zunz' Geburtstag sollen die Preise zur Verthcilnng kommen. Namens des Lehrercollegiums der hiesigen Gemeinde-Knabenschulen und der Lehrerbildungs-Anstalt, welchen der Jubilar s. Z. als; Dirigent vorgestanden hatte, gratnlirtc 0r. Holzmann. Nach; ihm brachte Dr. Kirschstein die Glückwünsche der persönlichen